Jan Fleischhauer ist ein Spiegel-Redakteur, der auf den Onlineseiten des Magazins seit Menschengedenken – genauer gesagt, seit dem Erfolg seines Buches Unter Linkenein Blog unterhält, in dem er sich, nun ja: mit den Linken beschäftigt. Letzte Woche hat er sich überraschend der Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) zugewandt. Bisher hatten wir sie eher am bürgerlichen Rand der Sozialdemokratie verortet; aber das ist nicht der Punkt. Fleischhauers Pointe besteht vielmehr darin, dass er Gaschkes derzeitige politische Schwierigkeiten nicht auf den umstrittenen Steuerdeal zurückführt, den ihr die Opposition zum Vorwurf macht, sondern auf ihre Vergangenheit als Redakteurin der ZEIT. "Tatsächlich zeigt die Affäre um die ehemalige Politikredakteurin, was passiert, wenn man den parlamentarischen Alltag mit der Redaktionskonferenz der  'Zeit' verwechselt." Kleine Gegenfrage: Was wäre wohl passiert, wenn sie stattdessen den politischen Raum mit der Redaktionskonferenz des Spiegels verwechselt hätte?

Vielleicht glaubt Fleischhauer, dass man dort die zynische Überlegenheit und Herzenskälte lernt, die es Spiegel-Redakteuren zum Beispiel erlaubt, Politik auf eine Funktion des inneren Schweinehunds zu reduzieren. Vielleicht glaubt er's auch nicht, aber auf jeden Fall unterstellt er Susanne Gaschke eine hochproblematische Menschenfreundlichkeit, die sie bei der ZEIT gelernt habe. "Wo Gaschke herkommt, glaubt man fest daran, dass es nur ein wenig guten Willen braucht, damit sich die Dinge zum Besseren wenden." Ja, Teufel auch! Wir würden gerne Fleischhauer dabei beobachten, wie er versucht, mit viel bösem Willen die Dinge zum Guten zu wenden. Aber vielleicht versucht er das ja schon mit seinem Blog.

Seine Verachtung für alle zivilisierteren Charakterzüge führt ihn übrigens zu einer noch weiter gehenden Kritik an den Redakteuren der ZEIT. "Die Menschen, die sich hier jeden Freitag treffen, verfügen über mindestens einen Hochschulabschluss." Dass man damit nicht weit kommt, hätte Frau Dr. Gaschke in der Tat wissen müssen. Aber verwunderlich ist doch, dass der Herr Magister Fleischhauer, der sich so viel auf sein Querdenkertum einbildet, hier unversehens in den Mainstream der Massenmedien einschwenkt, die Bildung für ein Handicap halten. Versucht er am Ende, uns in seinem Blog auch davon zu überzeugen, dass Kenntnislosigkeit eine journalistische Schlüsselqualifikation darstellt?

Die Besessenheit, mit der Fleischhauer Mutmaßungen über die Befindlichkeiten von ZEIT-Redakteuren anstellt, um aus ihnen die Quelle von Gaschkes politischen Problemen zu destillieren, erinnert stark an die Besessenheit, mit der er in seinem Buch linke Lehrer und Mütter (vor allem die eigene Mutter) für sein persönliches Unglück verantwortlich gemacht hat. Sieht er Susanne Gaschke am Ende als Schicksalsgefährtin? Aus Achtung für die ehemalige Kollegin wollen wir es nicht hoffen.