Das Gespräch findet in Brüssel statt. Ohne viel Aufheben empfängt Juncker seinen Besucher in der Luxemburger Vertretung, am Rande des Europaviertels. Brüssel ist für ihn mit den Jahren zu einer Art zweitem Arbeitsplatz geworden. Obwohl er den Vorsitz der Euro-Gruppe vor Kurzem abgegeben hat, ist er noch regelmäßig hier.

Mindestens drei Stunden täglich befasse er sich ausschließlich mit europäischen Fragen, hat Juncker einmal erzählt. Das war lange vor dem Ausbruch der Krise. Hier, in Brüssel, hat er sich in Hunderten von Sitzungen den Ruf erworben, ein zäher Vermittler und ein leidenschaftlicher Europäer zu sein. Ein "großer Europäer" gar. Es ist ein Wort, das man immer wieder über ihn hört. Juncker wehrt ab. Ein großer Europäer? "Das klingt mir zu schwülstig. Ich bin nur ein kleiner Heiliger in einer großen Kirche. Ich bin nicht Kohl, nicht Mitterrand, nicht Schumann oder Monnet." Noch im Dementi scheint das Maß auf, an dem er sich und seine Kollegen heute misst. Und die europäische Idee, die er verfolgt: Juncker ist ein überzeugter Föderalist.

Im Kreise der Regierungschefs ist der Luxemburger mit Abstand der Dienstälteste; als Chef der Euro-Gruppe saß er während der Schuldenkrise im Zentrum der Entscheidungen. Aber ausgerechnet auf deren Höhepunkt erschien Juncker machtlos. Und sah sich konfrontiert mit eigenen Versäumnissen. Schließlich hatte er mit am Tisch gesessen, als die Spielregeln für die gemeinsame Währung verabredet worden waren. Heute räumt er ein: "Wir haben bei der Einführung des Euro ungenügend deutlich gemacht, welche Pflichten es mit sich bringt, Mitglied einer Währungsunion zu sein." Dies gelte, fügt er hinzu, auch für die "tugendhaften Nordländer". Ein typischer Satz: Juncker verpackt Kritik in Ironie und bemüht sich so um Ausgleich; seine eigene Position bleibt dabei oft vage.

Aber der Ausgleich in Europa ist schwieriger geworden. Erschüttert, manchmal auch zornig hat Juncker mit angesehen, wie ausgerechnet der Euro, der das europäische Einigungsprojekt unumkehrbar machen sollte, den Kontinent zu spalten drohte. In Nord und Süd, in Nehmer- und in Geberländer. Juncker fand kein Gegenmittel.

Lange war er als Vermittler erfolgreich, weil er aus einem kleinen Land kommt. Nun war sein Land mit einem Mal zu klein – eine bittere Erfahrung. Er habe in der Krise gemerkt, sagt Juncker, "dass man als Vertreter eines kleinen Landes tunlichst darauf achten sollte, nicht zu prominent nach außen aufzutreten". Noch etwas kommt hinzu: Je schärfer die Exzesse der Finanzbranche beleuchtet wurden, desto mehr geriet auch der Finanzplatz Luxemburg in den Fokus. Ausgerechnet das Vorzeigeland der europäischen Integration erschien plötzlich als Schmarotzer. Und Juncker, der kleine Heilige, als ein Sünder unter anderen.

"Man ist immer wieder überrascht, wenn ich mich für die Interessen meines Landes einsetze", kontert Juncker die Kritik. Dabei habe er dies von Kohl und Mitterrand gelernt, "die waren auch knallhart in der Verteidigung nationaler Interessen".

Juncker wirkt müde und auch ein wenig ratlos in diesen Tagen. In der EU hatte er stets die große Bühne, die ihm zu Hause fehlt. Doch sein politisches Gewicht in der Union hat abgenommen. Und zu Hause, in Luxemburg, wo sie stets stolz darauf waren, dass einer von ihnen in Europa eine so wichtige Rolle spielt, dort haben sie ihm zuletzt immer häufiger vorgehalten, er kümmere sich zu viel um die EU und zu wenig um das eigene Land.

Diesem Land und seinen 530 000 Einwohnern geht es noch immer vergleichsweise gold. Und doch zeigen sich auch hier Kriseneffekte. Die Arbeitslosigkeit ist ebenso gestiegen (auf zuletzt 6,9 Prozent) wie die Schuldenquote. Wie in Brüssel hat Juncker auch zu Hause stets versucht, zu vermitteln und Kompromisse zu finden. Teure Kompromisse, sagen seine Kritiker. Das Geld war ja da. "Es war sehr leicht, dieses Land zu regieren", sagt Mario Hirsch, der Junckers Karriere als Politologe und Journalist von Anfang an verfolgt hat. "Wir leben über unsere Verhältnisse. Nun brauchten wir einen Neustart." Es sind vor allem die Jüngeren, die ungeduldig werden. Auch in der eigenen Partei. Serge Wilmes ist Vorsitzender der CSV-Jugendorganisation. Der Premier, sagt Wilmes, müsse anfangen, "die eigenen Errungenschaften infrage zu stellen". Den üppigen Sozialstaat, die großzügigen Regelungen für den öffentlichen Dienst. All die Wohltaten, die die Wähler bei Laune gehalten haben, für die aber nun selbst im Großherzogtum das Geld fehlt. Traut er, der Junge, Juncker eine solche Selbstkorrektur noch zu? "Es ist seine letzte große Aufgabe", sagt Wilmes. "Wenn er das gemacht hat, muss er das Zepter weitergeben."

Jean-Claude Juncker wird im Dezember 59 Jahre alt und amtiert schon jetzt zwei Jahre länger als Helmut Kohl. Die längste Strecke seiner politischen Karriere liegt hinter ihm, selbst wenn er nun noch einmal gewählt würde. Warum macht er weiter? "Politik ist ein Seil mit tausend Fäden. Und ich habe noch nicht alle Fäden aneinandergeknüpft", antwortet Juncker. – "Er wollte so nicht aufhören", sagt einer, der ihn lange kennt. "Er sucht nach einem guten Ende."

Vor neun Jahren, 2004, hat Angela Merkel, die damals schon CDU-Vorsitzende war, aber noch nicht Kanzlerin, Jean-Claude Juncker angerufen und ihn gefragt, ob er EU-Kommissionspräsident werden wolle. Er hat das Angebot ausgeschlagen, weil er seinen Luxemburger Wählern versprochen hatte, Ministerpräsident zu bleiben. Nun will er in Luxemburg noch einmal gewählt werden, um in der EU weiter mitmischen zu können.

Damals hätte Europa ihn gut gebrauchen können. Heute ist es umgekehrt: Juncker braucht die EU mehr als sie ihn.