DIE ZEIT: Sind die ostdeutschen Lehrer besser als ihre Kollegen im Westen?

Hans Anand Pant: Das können wir nicht mit Sicherheit sagen: Im Ländervergleich wurden ja die Schüler getestet und nicht die Lehrer.

Petra Stanat: Die Leistungsunterschiede zwischen Ost und West sind dieses Mal aber so klar und einheitlich, dass der Unterricht dabei sehr wahrscheinlich eine Rolle spielt. Und der wird nun einmal von Lehrern gemacht.

ZEIT: Wie wird der Unterricht besser?

Stanat: Unter anderem dadurch, dass wir Lehrkräfte besser aus- und fortbilden. Denn wir wissen mittlerweile recht genau, dass ein Lehrer mit guten Kenntnissen etwa in Mathematik einen anspruchsvolleren Matheunterricht macht – was wiederum bessere Schülerleistungen mit sich bringt.

Pant: Wobei – um kein Missverständnis aufkommen zu lassen – das Fachwissen allein nicht reicht. Der Lehrer muss es auch vermitteln können, also ebenso gute fachdidaktische Kenntnisse mitbringen. Hier tut sich einiges in den Bundesländern. Die Praxisanteile sind gestiegen, wichtige Studieninhalte verbindlicher geworden. Aber das geht nur langsam und wird erst viele Jahre später wirksam.

ZEIT: Was also muss bis dahin geschehen?

Pant: Eigentlich müsste die Antwort jetzt lauten: Fortbildung. Aber ich bin da skeptisch.

ZEIT: Weil sie nichts bringt?

Pant: Sie bringt zu wenig in der Form, in der sie bis heute in Deutschland weitgehend organisiert ist: ohne systematische Bedarfsanalyse, isoliert und teilweise von der Unterrichtsrealität entfernt.

ZEIT: Wie sieht die typische Fortbildung aus?

Stanat: Sie dauert in der Regel höchstens einen Tag und findet außerhalb der Schule statt. Meist wird sie von einem oder zwei Lehrkräften einer Schule besucht und besteht aus Vorträgen und Übungen. Wir wissen seit Langem, dass der Nutzen solcher Veranstaltungen gegen null geht.

ZEIT: Warum?

Stanat: Fortbildungen sollen Handlungsroutinen verändern. Um ein vereinfachtes Beispiel zu nennen: Der Mathematiklehrer soll neue Formeln im Unterricht nicht nur einüben, sondern seine Schüler in die Lage versetzen, sie in vielfältigen Kontexten zur Lösung von Problemen anzuwenden. Das jedoch lernt er nicht in an einem Nachmittag.

Pant: Hinzu kommt, dass eine wirksame Fortbildung immer mit Schulentwicklung verknüpft sein sollte. Das bedeutet, dass sie am besten vor Ort in der Schule stattfindet. Damit ist gewährleistet, dass nicht nur eine Lehrkraft davon profitiert, sondern die ganze Fachgruppe für Mathematik oder Physik. Im Idealfall analysieren die Lehrkräfte gemeinsam, wo es Probleme gibt, und holen dann gezielt Fachleute für dieses Thema in die Schule. Einige Bundesländer wie Hamburg haben begonnen, die klassische Fortbildungspraxis zu verändern, aber da ist noch viel Luft nach oben.

ZEIT: Alle Länder haben ihre Fortbildungsinstitute. Darüber ließe sich das Angebot doch steuern.

Pant: Leider sind die Landesinstitute Teil des Problems. Wenn ich die jeweiligen Kataloge mit dem Kursangebot durchblättere, entdecke ich dahinter in der Regel oft kein übergreifendes Konzept. Man hat eher das Gefühl, dass die Institute ihr Programm vollkriegen müssen. Niemand weiß, ob die Fortbildungen eine Antwort auf die konkreten Probleme der Schulen geben, geschweige denn, ob die Qualität die Kurse ausreicht.

ZEIT: Was vermuten Sie?

Pant: Ich habe da meine Zweifel. Was ich von den Fortbildungen weiß oder von Lehrkräften höre, machen viele Institute ihren alten Stiefel. Im Grunde müsste man erst viele Fortbildner fortbilden, damit das Kursprogramm besser wird.

ZEIT: Laut Ländervergleich hat jeder fünfte Lehrer in den vergangenen zwei Jahren überhaupt keine Fortbildung gemacht. Haben Lehrer denn keine Pflicht zum Weiterlernen?

Stanat: Natürlich existiert eine Fortbildungspflicht, doch wird ihre Einhaltung nur in ganz wenigen Bundesländern kontrolliert. Vor allem aber ist es wenig sinnvoll, irgendeine Fortbildung zu besuchen. Schulleiter sollten daher stärker die Möglichkeit haben, anhand von Bedarfsanalysen Kollegen zu bestimmten Lehrgängen zu verpflichten. Interessanterweise meiden häufig gerade solche Lehrer fachliche beziehungsweise fachdidaktische Kurse, die das Fach nicht studiert haben und deshalb die Weiterbildung eigentlich am nötigsten brauchten.

ZEIT: Im Osten ist der Anteil fachfremden Unterrichts besonders niedrig: ein Erfolgsfaktor?

Stanat: Das dürfte tatsächlich eine Rolle spielen, da Schüler vor allem in Mathematik bessere Leistungen erzielen, wenn sie von einem Fachlehrer unterrichtet werden. Aber genau wissen wir es nicht, da es noch keine Untersuchungen gibt über die Ursachen der Leistungsunterschiede zwischen den Ländern.

ZEIT: Weit mehr als zehn Jahre nach dem ersten Pisa-Ländervergleich stochern Politik und Wissenschaft also noch im Nebel?

Pant: Das muss man leider so sagen. Deshalb könnte die Kultusministerkonferenz erklären: Wir wollen endlich herausfinden, warum die Schülerleistungen in Sachsen, Thüringen oder Bayern besser sind als in anderen Bundesländern. Dafür müsste aber auch richtig Geld in die Hand genommen werden. Mich erstaunt immer wieder, dass Bildung angeblich die wichtigste Zukunftsressource Deutschlands ist und dann kein Geld für die Qualitätssicherung da sein soll.

ZEIT: Wie sähe eine solche Studie aus?

Stanat: Man könnte zum Beispiel in einer Zufallsauswahl von Schulen pro Bundesland den Unterricht nach systematischen Kriterien beobachten. Darüber hinaus würde man sich verschiedene Aspekte der Schulqualität anschauen, etwa wie schwache und starke Schüler gefördert werden, ob es schulweite Regelungen zum Umgang mit Disziplinproblemen gibt oder welche Rolle der Schulleiter hat.

ZEIT: Glauben Sie, die Politik will solche Ländervergleiche? Es könnte ja herauskommen, dass der Unterricht in Land A schlechter ist als in Land B.

Stanat: Das könnte sein, wobei es ja nicht nur ein oder zwei Stellschrauben gibt, die man drehen muss, um die Unterrichtsqualität zu verbessern. So sind die Herausforderungen der Sicherung von Unterrichtsdisziplin in Berlin wahrscheinlich größer als in Brandenburg. Aber solange wir nicht anfangen, den Unterricht in den Fokus zu nehmen und ihn systematisch weiterzuentwickeln, wird sich auch der Lernerfolg der Schüler nicht verbessern.