Marine Le Pen umgeben von Anhängern während eines Besuchs in Brachay © François Nascimbeni

Marine Le Pen ist in eine Pfütze getreten. Jetzt hat sie Dreck am Stiefel. Doch sie denkt nicht daran, ihn abzuwischen. Die Parteichefin des rechten Front National (FN) gibt sich an diesem Oktobersonntag kumpelhaft und volkstümlich, stapft im blauen Dufflecoat durch Brachay, ein Dorf in der Champagne. Muss man sich vor ihr fürchten? "Die Umfrage, die Angst macht", titelte vergangene Woche das Pariser Magazin Le Nouvel Observateur und zeigte die blonde Nationalistin neben einer Zahl, der 24. So viel Prozent der Stimmen würde ihre Partei, einer Umfrage zufolge, bei den Europawahlen erzielen, wenn jetzt gewählt würde. Damit liegt sie erstmals landesweit vor allen anderen.

Die möglichen Folgen sind kaum auszudenken. Stieße die dezidierte EU-Gegnerin Le Pen wirklich einmal ins Innere der Macht in Paris vor, dann geriete Europa ins Wanken.

Den Bürgern von Brachay käme das gerade recht. Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2012 stimmten 72 Prozent von ihnen für Le Pen. Dabei seien sie ganz normale Franzosen und "keine Rassisten", wie ihr Bürgermeister Gerard Marchand sagt. Aus Anlass von Le Pens Besuch hat Marchand die Dorfbewohner vor seinem Rathaus zu Würstchen und Champagner eingeladen.

Der Bürgermeister lobt seinen Ehrengast: "Marine ist unerbittlich wie der General de Gaulle." Der legendäre Staatspräsident liegt wenige Kilometer weiter in dem Ort Colombey-les-Deux-Églises begraben. Für die alten Frontisten war er immer ein Feindbild; Marine Le Pens Vater, der FN-Ehrenpräsident Jean-Marie, steht für jene Franzosen, die den von de Gaulle bewirkten Rückzug Frankreichs aus seinen Kolonien nie verwunden haben.

Die Tochter indes schert sich um derlei nicht. Sie erobert gerade französisches Herzland. Und wie leicht das geht! Jung und Alt wollen der Dame zwischen Ziegen und Kühen begegnen. Ein sichtlich erregter Bauer – einen Kopf kleiner als sie – stellt sich auf die Zehen und drückt seine Lippen direkt auf ihre Wange. Sein Gesicht läuft rot an. Le Pen hält still. Sie lässt ihn gewähren. Ein Fotoapparat blitzt. "Das Küsschen gehört bei uns dazu. Das ist Frankreich. Wir sind da weniger reserviert als die Deutschen", erklärt sie dem ausländischen Reporter. Und hat damit schon wieder gepunktet.

Locker und selbstbewusst stellt sie sich Bürgern und Medien. Als müsse sie niemandem mehr etwas beweisen. Nur am Rande flicht sie in ihrer Rede auf dem Dorfplatz die für ihre Partei typischen Tiraden gegen Ausländer und die "verbrecherischen Nomaden" ein, die Sinti und Roma. Dafür gibt es den stärksten Applaus. Als ihr Hauptanliegen aber präsentiert sie in Brachay etwas anderes: Sie will das Dorf zum "Symbol der Vergessenen" machen. "Symbol von Millionen Franzosen, denen es immer schlechter geht und deren Sorgen von der französischen Politik vollkommen ignoriert werden", ruft sie aus.

Da zeigt sich der Stil- und Strategiewechsel der "marineblauen Bewegung". Marine Le Pen will nicht mehr sektiererisch sein wie ihr Vater, dem sie vor zweieinhalb Jahren die Parteiführung abnahm. Von seinen antisemitischen Äußerungen hat sie sich distanziert. Sie will alle Unzufriedenen ansprechen, jeder politischen Herkunft. "Weder links noch rechts", lautet ihr Slogan. Damit ist sie so erfolgreich, dass sich in der französischen Politik derzeit alles um sie dreht.

"Man muss den Extremisten die Stirn bieten", verlangt Frankreichs Präsident François Hollande. Doch kaum einer hört hin. Umfragen zufolge, ist er der unbeliebteste Präsident seit Gründung der fünften Republik. Sein Innenminister Manuel Valls profiliert sich, indem er selbst die Sprache der Rechtsradikalen benutzt: "Unsere Lebensweise ist mit jener der Sinti und Roma unvereinbar. Das führt zwangsläufig zur Konfrontation." Die Verlautbarung des Sozialisten klang wie Le Pen – und verschaffte dem Minister prompt ein Umfragehoch. Im Kabinett gab es Ärger. Woraufhin Hollande wieder einmal versuchte, jedem recht zu geben. Die Siegerin hieß Le Pen.