Die Frage zur Klitoris funktioniert immer. So auch an diesem Tag, in der Heinrich-Pestalozzi-Schule in Leipzig. Ann-Marlene Henning teilt leere Blätter aus. Es ist Sonnabend, in den Bänken sitzen vier Erwachsene. "Ich möchte euch bitten, eine Klitoris zu zeichnen", sagt Henning. "Aber vorher machen wir es leicht: Malt doch erst mal einen Penis!" Also malen die vier Erwachsenen einen Penis. Für Ann-Marlene Henning, die Sexualtherapeutin aus Hamburg, für die Kameras des MDR, vielleicht auch für sich selbst.

Die Penisse sind schnell hingekritzelt, da gibt es nichts zu beanstanden. Bei der Klitoris hingegen schon. Keiner malt sie so, wie sie aussieht. Darum erklärt Henning: Das Organ sei zu großen Teilen nicht sichtbar und bis zu zehn Zentimeter groß. Die meisten Menschen kennten ja nur die kleine Perle oben, sagt Henning. "Bevor ich Sexologin wurde, wusste ich das auch alles nicht." Später spricht sie mit den Eltern darüber, wie deren erstes Mal gewesen sei und ob es gut sei, wenn Kinder masturbierten. Währenddessen schleichen zwei Kameramänner durch den Klassenraum, ein Tonmann und eine Redakteurin.

Sie drehen für eine Sendereihe, an die sich hierzulande nur der MDR gewagt hat, in Zusammenarbeit mit dem SWR. Make Love heißt diese, Liebe machen kann man lernen. Es ist eine fünfteilige Aufklärungsserie für Erwachsene – und wahrscheinlich das Verwegenste seit Langem, was der MDR sich selbst und seinen Zuschauern zumutet. Seit Monaten versucht der Sender, alten Ballast loszuwerden, mit neuen Verantwortlichen, Moderatoren und Formaten. Make Love ist nun der nächste Versuch. Und natürlich klingt es erst einmal herzerfrischend, dass sich der MDR ausgerechnet mit einer Sex-Sendung aus der Schmuddelecke bugsieren will.

Das Experiment hätte furchtbar schiefgehen können. Die Sendung hätte sich anfühlen können wie der Moment, in dem die eigene Tante beim Geburtstag des Großvaters über ihr Geschlechtsleben referiert. Es hätte peinlich oder prüde, auch zu derbe werden können. Ja, zu diesem Format braucht es Mut. Gut, dass der MDR ihn hatte. Gut auch, dass der MDR mit den richtigen Leuten zusammenarbeitet.

Die richtigen Leute sind Ann-Marlene Henning, die im Mittelpunkt der Sendung steht, und Christian Beetz, der Produzent. Die eine, Henning, 49, gebürtige Dänin, Paartherapeutin und studierte Neuropsychologin, hat einen Bestseller geschrieben, der so heißt wie die Sendung: Make Love, ein Aufklärungsbuch für Jugendliche. Der andere, Beetz, ist Chef einer Berliner Produktionsfirma, die für die BBC oder Arte dreht – Filme über Richard Wagner, Nelson Mandela und Beethoven etwa. Und die schon dreimal den renommierten Grimme-Preis gewonnen hat.

"Bei uns steht auch der Ruf auf dem Spiel", sagt Beetz. "Klar wurden wir in der Branche gefragt, warum wir das machen." Er meint wohl: mit dem MDR. Die einfache Antwort ist, dass Beetz bei vielen anderen Sendern mit seinem Konzept weggeschickt wurde. Dann meldete er sich bei Peter Dreckmann, den alle Pete Dreckmann nennen. Dieser ist Unterhaltungschef des MDR, er erklomm außergewöhnlich schnell die Karriereleiter, weil andere außergewöhnlich plötzlich über Bestechungsskandale stürzten. Dreckmann will den MDR verändern. "Unser Programm soll in vier Jahren anders aussehen als bislang", sagt er. "Mit dieser Sendung wollen wir auch beweisen, was der MDR sich traut." Und im Übrigen habe er wenig Mühe gehabt, den Sender für die Serie zu begeistern.