Connie Hasenclever kann sich gut an jenen Abend erinnern: 1979 in Tübingen, die alternative Grüne Liste wurde gegründet. Spät war es, der Raum von Zigarettenqualm vernebelt, Hasenclever konnte kaum ihren Nachbarn erkennen. Da erhob sich ein Mann, er forderte, dass Sex zwischen Kindern und Erwachsenen endlich straffrei sein müsse, man solle aufräumen mit diesen altmodischen Verboten. Über seinen Vorschlag sollte abgestimmt werden. In diesem Augenblick, Hasenclever hat es noch vor Augen, stand ein Mann mit bleichem Gesicht auf: "Das könnt ihr nicht machen", sagte er. Jahrelang sei er als Kind auf dem Dachboden seines Hauses von einem älteren Herrn missbraucht worden. Das habe sein Leben zerstört. "Danach war das Thema in Tübingen erledigt", sagt Hasenclever.

Wer weiß, wie der Abend ausgegangen wäre, wenn dieser Mann nicht den Mut gehabt hätte zu sprechen. Auch Connie Hasenclever ist sich da nicht sicher. Es gibt Fotos von Frauen bei den Grünen aus den Anfangsjahren der Bewegung, auf denen sie strickend oder stillend auf den Parteitagen sitzen. Wie haben sie die Forderungen der Pädophilen aufgenommen? Wurden sie diskutiert, gebilligt oder verdrängt?

Connie Hasenclever ist 64; sie bildet in Berlin Lehrer fort, die Schülern beibringen sollen, wie man Unternehmen gründet. Hasenclever erzählt von der Atmosphäre der siebziger Jahre, einer Aufbruchszeit – sexuelle Revolution, Woodstock, freie Liebe. Als junge Lehrerin besuchte sie 1975 einen Kinderladen, dort waren alle Kinder nackt. Überall lagen Aufklärungsfibeln mit Abbildungen von Geschlechtsteilen herum. Hasenclever wandte sich fassungslos ab. "Es zeigt aber die Stimmung, die damals herrschte. Man kann sich vorstellen, wie leicht es war, bei der Bemühung um eine antirepressive Erziehung Grenzen zu überschreiten."

Mit Schauder denkt Hasenclever an die ersten Parteitage der Grünen zurück, als die "Stadtindianer", eine Gruppe von Männern, die von Kindern begleitet wurden, regelmäßig die Podien stürmten. Junge Mädchen hockten sich bei älteren Männern auf den Schoß und forderten, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen solle entkriminalisiert werden. Die Polizei zu holen sei undenkbar gewesen, sagt Hasenclever. "Man wollte sich gegenüber Minderheiten nicht restriktiv verhalten." Im Gegenteil, man wollte ihnen Gehör verschaffen.

In der Bundesrepublik war Homosexualität bis 1969 strafbar, erst 1973 wurde das Schutzalter bei "homosexuellen Handlungen" auf 18 Jahre herabgesetzt. Bis 1977 musste ein Mann zustimmen, wenn seine Frau arbeiten wollte. Dass über Sexualität öffentlich geredet wurde, erschien unerhört.

Connie Hasenclever kann sich an keine weiteren Diskussionen über Pädophilie erinnern. Und ihr kommen nur Männer in den Sinn, keine Frauen, die damals über dieses Thema sprachen. Hasenclever verließ Ende der achtziger Jahre die Partei. Für ihren Geschmack beschäftigten sich die Grünen zu viel mit Randthemen.

Wenn aktive grüne Politikerinnen über den Umgang ihrer Partei in der Gründungsphase mit Pädophilie sprechen, können sie nicht viel richtig machen. Entweder klingen sie zu entschuldigend oder zu anklagend. Entweder werden sie danach von den eigenen Parteifreunden oder von der Öffentlichkeit angegriffen. Marieluise Beck ist für die Grünen im Bundestag und kümmert sich um Osteuropapolitik. 1980 wurde sie mit 29 Jahren Landesvorsitzende der Grünen in Baden-Württemberg. Damals habe es die Grünen als Partei noch nicht gegeben, es sei eine Sammelbewegung gewesen. "Nicht alles, was in den Grünen zusammenströmte, war klug und weise. Wir hatten es auch mit vielen Verrückten zu tun", sagt Beck.

Bisher schienen die Grünen stets auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite der Opfer. Stets waren sie die Ersten, die ihre Zeigefinger in moralischen Fragen erhoben. Laut und zu Recht forderten sie die Aufklärung von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche. Nun sollen sie selbst aufklären, eine ungewohnte Rolle. In der vergangenen Woche wurde ein Büroleiter des Grünen-Politikers Tom Koenigs wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern verhaftet. "Er scheint ein Straftäter zu sein, wie es ihn in jedem Milieu und jeder gesellschaftlichen Schicht geben kann – auch bei den Grünen", sagt Beck. Nichtsdestotrotz müsse sich die Partei mit dem Thema nun auch intern auseinandersetzen, jenseits der sozial- und politikwissenschaftlichen Aufarbeitung. "Wir müssen da durch", sagt Beck. Dass Daniel Cohn-Bendit einmal einen "so irren Aufsatz" geschrieben habe, habe sie nicht gewusst. Das halb fiktive Buch des Grünen-Politikers aus dem Jahr 1975 war der Auslöser der Debatte, darin beschreibt er seine Zeit als Erzieher: Es sei vorgekommen, dass Kinder seine Hose geöffnet und ihn gestreichelt hätten. Cohn-Bendit sagt heute, das sei Fantasie gewesen. Beck sagt: "Er ist ein Aufschneider." Die Diskussion war damit nicht beendet, es herrschte Wahlkampf, dann kam die Sache mit Jürgen Trittin. Dass sich dieses Thema so tief in die Partei gebohrt habe, sei außerhalb ihrer Vorstellungskraft gewesen, sagt Beck.

Sie hat sich bemüht, Akten aus der Anfangszeit in Baden-Württemberg aufzutreiben, ohne Erfolg. Sie selbst hat alles weggeworfen. "In unseren Programmen stand damals vieles drin, was der außerparlamentarischen Herkunft der Grünen geschuldet war: Raus aus der Nato etwa, und das Verhältnis zu Israel war problematisch." Auch in Baden-Württemberg stürmten die Stadtindianer bei Parteitagen das Podium und schrien ihre Forderungen ins Mikrofon. Beck empfand diese als unverschämt und grenzenlos. Und sie machte sich Sorgen darum, dass sie die Halle zerlegen würden. "Ich bin in einem sehr behüteten Haus aufgewachsen. Wenn man mich gefragt hätte, was Pädophilie ist, hätte ich es nicht gewusst."