ZEITmagazin: Herr Schmidbauer, wer zerstreitet sich eher: Paare, die zusammenleben, oder Paare mit zwei Wohnungen?

Wolfgang Schmidbauer: Paare, die zusammenwohnen, können den Konfrontationen nicht aus dem Weg gehen. Paare mit getrennten Wohnungen streiten auch, da ist aber eher der Sonntagabendstreit charakteristisch. Kurz vor dem Auseinandergehen kommt es zu Auseinandersetzungen, die Stimmung sinkt, man scheidet voneinander im Konflikt – während der Woche kommt dann wieder die Sehnsucht, und man verabredet sich fürs Wochenende.

ZEITmagazin: Also sollte ich am besten gar nicht mit meinem Partner zusammenziehen?

Schmidbauer: Es gibt eine psychoanalytische Theorie vom Abwehrmechanismus der Spaltung. Dinge, mit denen man nicht zurechtkommt, versucht man auszublenden. Als verliebte Person möchte ich ja, dass mit meinem Liebesobjekt alles gut ist. Deswegen versuche ich alles das, was nicht in das perfekte Bild passt, auszublenden. Das funktioniert wesentlich besser, wenn ich den Partner nicht häufig sehen muss. Deswegen bedeuten Wochenendbeziehungen eine große Entspannung.

ZEITmagazin: Das klingt ja eher ernüchternd.

Schmidbauer: Nicht umsonst rät man ja Paaren, die kurz vor der Scheidung stehen, erst einmal getrennte Wohnungen zu beziehen. Weil dann viele Quellen von Auseinandersetzungen und Ärger erst einmal wegfallen, etwa die Disharmonie, dass man sich ständig sehen muss und sich doch nicht gut emotional versorgt fühlt. Eine gemeinsame Wohnung kann kindliche Versorgungswünsche beleben. Wenn wir alleine sind, unabhängig wohnen, stimuliert das den Erwachsenen in uns.

ZEITmagazin: Das bedeutet, getrennte Wohnungen sind ein Garant für Harmonie in der Liebe?

Schmidbauer: Zumindest für eine Eingrenzung des Streits. Sie können es mit den Chinesen halten, die sagen: Glück ist die Abwesenheit von Schmerz. Genauso können Sie Harmonie als Abwesenheit von Streit definieren.

ZEITmagazin: Aber noch immer wünscht sich doch eine Mehrheit, mit dem Partner zusammenzuleben.

Schmidbauer: Ich bin sicher, dass die Zahl der Menschen, die sich ein Leben alleine vorstellen können, steigen wird. Früher gab es ja das Modell gar nicht. Man lebte bei Vater und Mutter, dann heiratete man und zog mit dem Ehepartner zusammen. Heute steht dazwischen die Lebensphase des Singles. Diese Phase wird als wertvoll empfunden, und es bedeutet einen großen Schritt, die Unabhängigkeit aufzugeben. Früher gab es das nicht. Da war das Zusammenleben mit einem Partner die Alternative zum Verbleib in der Familie der Eltern.

ZEITmagazin: Was würden Sie einem Paar aus Ihrer Erfahrung heraus raten – eher warten, bis man zusammenzieht, oder sich schnell an die alltäglichen Seiten des Partners in einer gemeinsamen Wohnung gewöhnen?

Schmidbauer: Ich habe oft Paare in der Therapie, die klagen, sie seien zu schnell zusammengezogen und hätten dann den Alltag nicht gemeistert. Es gibt kaum den Fall, dass ein Paar therapeutischen Beistand sucht, weil es zu lange gewartet hat, sich eine Wohnung zu suchen. Es gibt in diesen Fällen eher ein Risiko, dass Beziehungen nach einer gewissen Zeit erlahmen, wenn die Partner keine Dynamik entfalten und gemeinsame Pläne fehlen. Wenn eine Beziehung sich nicht intensiviert und verändert, verliert sie an Wert. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit der Wohnsituation zu tun. Oft hat sich eine Partnerschaft über Jahre erfolgreich als Wochenendbeziehung etabliert. Wenn dann ein Partner zum anderen zieht, kommt es oft zu heftigen Krisen.

ZEITmagazin: Wie kann man sich nun vergewissern, ob es zusammen funktionieren könnte?

Schmidbauer: Einfach testen: Vielleicht einmal einen Monat zusammen eine Ferienwohnung mieten und gemeinsam einen Haushalt führen. Kein Hotel, ein Hotel ist ja wieder ein Ausnahmezustand.

ZEITmagazin: Aber ist romantische Liebe nicht immer auch ein Ausnahmezustand? Das ist doch das Schöne daran!

Schmidbauer: Das Problem ist aber, dass in unserer medial geprägten Welt dieser Ausnahmezustand mittlerweile als das Normale angesehen wird. Man feiert das euphorische Verliebtsein und die Fantasie, miteinander zu verschmelzen. Nach zwei Jahren beklagt man dann, dass das Kribbeln, die Intensität nachgelassen hat. Dann muss schnell die nächste romantische Beziehung gefunden werden. Eine stabile Beziehung hingegen besteht darin, Phasen des intensiven Beisammenseins mit Zeiträumen abzuwechseln, in denen man mehr Abstand hat, damit sich die Beziehung erneuern kann.