ZEITmagazin: Frau Link, haben Sie schon immer vom Film geträumt?

Caroline Link: Nein, ich war früher selten im Kino und hatte keine besondere Leidenschaft für Filme. Aber mein Interesse am Leben und daran, darüber zu erzählen, war schon immer sehr groß.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie dann zum Film?

Link: Als ich 18 war, habe ich als Komparsin ein bisschen Geld verdient. Irgendwann habe ich den Kameramann am Set gefragt, ob ich mal zugucken darf. Ich habe schnell gemerkt, Kamerafrau ist mir zu kompliziert, so viel Technik, so viel Geschleppe. Dann habe ich im Bavaria Filmstudio ein Jahr lang im Kopierwerk gearbeitet, später kam ich in den Schneideraum. Ich fand die Arbeit des Regisseurs interessant: Man kann Geschichten erzählen und hat genug Freiheit, um sein eigenes Ding zu machen. Mit 22 habe ich mich an der Filmhochschule in München beworben, in der Dokumentarfilmabteilung. Nicht aus Überzeugung, ich habe mich eher so treiben lassen, es war mehr Zufall, keine bewusste Wahl. Und ich wurde tatsächlich aufgenommen. Das Schicksal hat es so gewollt.

ZEITmagazin: Das klingt, als seien Sie ein Glückskind.

Link: Ich hatte lange das Gefühl, dass ich ausschließlich auf der sonnigen Seite des Lebens laufe und mit allem immer Glück habe. Umso größer war der Schock, als meine Tochter, auf die ich mich sehr lange gefreut habe, 2003 mit acht Monaten beinahe an einer Darmverschlingung gestorben wäre. Das hat mich tief traumatisiert. Ein paar Jahr später wurde mein Vater sehr krank und starb. Ich hatte bis dahin keinerlei Berührung mit dem Tod gehabt. Eine dunkler Schleier schien sich über meine Familie zu legen. Das Leben zeigte sich von einer Seite, die mir bis dahin völlig fremd war.

ZEITmagazin: Wie blicken Sie heute auf diese Zeit?

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Link: Ich habe gelernt, dass das Leben kostbar ist und nicht selbstverständlich. Es ist so ein unglaubliches Glück, dass man gesund durch die Welt spaziert und vor allem, dass man für einen anderen Menschen so stark empfinden kann. Bevor ich Mutter wurde, hatte ich wenige Ängste. Vor der Schwangerschaft hatte ich Nirgendwo in Afrika in Kenia gedreht. Wir haben in abenteuerlichen Zeltcamps gehaust und mit Giftschlangen zu tun gehabt. Das hat mich kaum beeindruckt. Ich dachte, wenn was passiert, wird schon einer kommen und mich retten, dann fliege ich halt mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus. Ich habe wirklich viel gewagt, und auf einmal, mit einem Baby, war ich angreifbar und verletzlich. Die Sorge um dieses kleine Geschöpf hat mich schwach gemacht.

ZEITmagazin: Wie hat die Mutterschaft Ihr Leben noch verändert?

Link: Ich bin ein perfektionistischer Mensch, und ich wollte auch eine perfekte Mutter sein. Die ersten zwei Jahre saß ich so viel auf Spielplätzen herum, bis ich dachte, ich falle jetzt gleich kopfüber in den Sand vor Müdigkeit und Langeweile. Ich habe es geliebt, meinem Baby ganz nah zu sein, aber ich hatte auch große Sehnsucht danach, wieder Filme zu drehen und mich frei in der Weltgeschichte zu bewegen. Diese Zerrissenheit hat mich tatsächlich belastet. Zumal mir der Oscar, den ich 2003 gewonnen hatte, viele Möglichkeiten eröffnet hätte. In dieser eigentlich sehr friedlichen Zeit war ich so erschöpft und müde wie nie zuvor bei meiner Arbeit.