Warum kommt es in einem Land, das sich von jeher als Vielvölkerstaat versteht, zu rassistischen Ausschreitungen? Die russische Hauptstadt versinkt seit dem Wochenende in Hass. Ein Russe wurde ermordet, und der Verdächtige soll kaukasisch ausgesehen haben. Daraufhin stürmte ein Mob ein Einkaufszentrum im Moskauer Stadtteil Birjuljewo, und was tat die Polizei? Sie unternahm Razzien bei Gastarbeitern.

Der russische Präsident Wladimir Putin betont gern den multiethnischen Charakter seines Landes. Er trinkt nach altem Brauch aus Kefirschalen in Tatarstan und gratuliert den Muslimen zum Opferfest. Er sieht sich als jovialer Vater des großen Vielvölkerstaates Russland. Das hat Tradition. Schon die Sowjetunion pflegte offiziell die druschba narodow, die Völkerfreundschaft, mit Ringeltänzen und Tischfähnchen der Sowjetrepubliken. Das verkleinerte Russland sollte es eigentlich einfacher haben als der große Vorgänger, sind doch heute rund 80 Prozent der Bevölkerung ethnische Russen. Doch irgendwie klappt es noch nicht recht mit der Völkerfreundschaft. Das liegt an drei Dingen, die anders sind als in der Sowjetunion: dem Populismus, dem Nationalismus und den neuen Glaubensfragen.

Der Moskauer Bürgermeister-Wahlkampf im Spätsommer war überschattet von einem populistischen Wettlauf zweier Kandidaten. Amtsinhaber Sergej Sobjanin, ein Putin-Vertrauter, betonte, was für eine urrussische Stadt Moskau doch sei. In fleißigem Einsatz für das Russentum überzog er Migranten mit Razzien. Er verschwieg die Tatsache, dass auf den neuen Türmen von Moskau jede Hand gebraucht wird; die boomende Metropole saugt Arbeiter aus Zentralasien und dem russischen Kaukasus geradezu auf. Die grassierende Angst vor Kriminalität schlachtete auch der Gegenkandidat Alexej Nawalny aus. Solche Politiker ermutigen die nationalistischen Schlägertrupps, die das Einkaufszentrum von Birjuljewo zertrümmerten.

Auch die Sowjetunion war kein Völkerparadies, ihr Ende wurde durch Pogrome im Südkaukasus eingeleitet. Doch ihre Politiker fachten den Migrantenhass wenigstens nicht an, sie redeten gegen Nationalismus an und schwiegen die Probleme tot.

Heute sucht der russische Staat mit seinen verunsicherten Bürgern nach einer gesamtrussischen Idee. Wettbewerbe werden ausgelobt, Aufsätze prämiert. Dabei kommt jedoch meist nichts anderes heraus als ethnisch-russischer Nationalismus. Vor allem die orthodoxe Kirche spendet Selbstgewissheit und Segen für christliche Slawen. Kirchenvertreter fordern eine harte Strafe für den mutmaßlich kaukasischen Mörder von Birjuljewo. In das nationale Selbstbild mit goldenen Kirchenkuppeln und der Idee von Weltgröße inklusive Atomwaffenarsenal passen die dunkelhaarigen islamischen Arbeiter aus dem Süden einfach nicht hinein.

In der Sowjetunion war Glauben verpönt, deshalb war der Islam kaum ein Thema – wie auch das Christentum nicht. Doch im selben Maße, wie die Russen und ihr Präsident Putin das christliche Bekenntnis herauskehren, identifizieren sich mehr und mehr russische Tataren, Baschkiren und Kaukasier mit dem Islam. In den tatarischen Städten an der Wolga sind in den vergangenen Jahren große Moscheen emporgewachsen. Putins knallharter Schützling Ramsan Kadyrow darf Tschetschenien sogar islamisieren, solange er sich nur nicht von Russland abspaltet.

Der Islam wird in Russland gern dämonisiert. Die muslimischen Gebiete an der Wolga, vor allem aber am Kaukasus wirken in der Darstellung einiger russischer Medien und Politiker als Generalverdachtszone, in der alles möglich sei: Banditentum, Fanatismus und Terrorismus. Belege lassen sich immer finden. Als Folge der Tschetschenienkriege der neunziger Jahre sind am Kaukasus dschihadistische Truppen aktiv. Immer wieder kommt es zu furchtbaren Anschlägen in ganz Russland. Daraus schlagen dann Islamophobe und Nationalisten Kapital. Russische Politiker setzen sich als Vorkämpfer gegen Islamisten aller Art in Szene. Sie zeihen den Westen der Schwäche gegenüber Al-Kaida in Syrien, und sie sagen Europa den Untergang wegen zu vieler muslimischer Einwanderer voraus. Doch die erschreckenderen Szenen ethnisch-religiöser Konflikte liefert derzeit Russland selbst.

Vielleicht braucht das Land ja gar keine bombastische gesamtrussische Idee, sondern nur etwas Selbstaufklärung? Etwa über seine Geschichte. Schließlich ist es seit fast 500 Jahren schon ein Land von Christen und Muslimen.