Ist der Koran ein "gefährliches Buch", das nicht in die Hände Jugendlicher fallen sollte, wie einige entrüstete Beobachter bei der Verteilung von Gratis-Exemplaren in verschiedenen deutschen Stadtzentren verlangten? Die von radikalen Muslimen vertretene fundamentalistische Lesart des Korans könnte es so erscheinen lassen, als propagiere der Koran tatsächlich rigorose Körperstrafen, die Unterdrückung von Frauen und Demokratiefeindlichkeit. Obwohl die große Mehrheit der Muslime den Koran ganz anders betrachtet – nicht als Rechtskodex oder Handlungsanweisung, sondern als spirituelle Weisung oder doch als Symbol ihrer Identität –, beherrscht die Debatte um seine "politische Korrektheit" die gegenwärtige intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Koran.

Keine Darstellung des Islams zeigt das klarer als Katajun Amirpurs neues Buch Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. Man braucht keine Sehergabe, um vorauszusagen, dass ihre Darstellung der wichtigsten Reformdenker des Islams das Standardwerk für den modernen muslimischen Umgang mit dem Koran werden wird. Den ehrgeizigen Titel hat die Professorin für Islamische Studien nicht erfinden müssen – "den Islam neu denken" ist das ausdrückliche Programm der beiden von Amirpur besprochenen iranischen Theologen, während der Status eines "Dschihad", eines "Religionskriegs", für die hier vorgestellte neue, revolutionäre Koranauslegung von einer amerikanischen Theologin, der Menschenrechtsaktivistin Amina Wadud, in Anspruch genommen wird.

Zwischen diesen beiden Polen, der geschichtsbewussten theologischen Neulektüre des Korans und einer vor allem von den weiblichen Korangelehrten verfolgten Befreiungstheologie, bewegt sich die hier dargestellte Koranauslegung. Sie beginnt mit einem umfassenden Überblick über die heute schreibenden und akademisch wirkenden Reformdenker und zeichnet daran anschließend in angenehm lesbarem Stil sechs Porträts von besonders bedeutenden und einflussreichen Korangelehrten. Zwei von ihnen, die Iraner Mohammad Mojtahed Shabestari und Abdolkarim Soroush, sind Schiiten – sie gehören damit einer stark philosophisch geprägten Tradition an, sind daher von vornherein dogmatisch weniger gebunden. Die übrigen Autoren sind Sunniten: der aus Pakistan vertriebene Fazlur Rahman, dessen Lehrtätigkeit in Kanada die gesamte moderne Koranauslegung entscheidend beeinflusst hat, sodann der methodisch modernste Koranforscher unserer Zeit, der Exil-Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, sowie zwei streitbare Frauen, die weltweit das Bild der modernen gelehrten Muslimin prägen, die Afroamerikanerin Amina Wadud und die aus Pakistan vertriebene, in den USA wirkende Asma Barlas.

Was bei der Lektüre des spannenden Buches von Amirpur so natürlich erscheint, dass nämlich kritische Muslime bei ihrer Bemühung, den Islam zu modernisieren, sich unmittelbar an den Koran halten, ist gar nicht selbstverständlich. Diese Fokussierung verdankt sich Anstößen aus dem Westen und stellt einen Bruch mit der Tradition dar. Denn nicht der Koran ist traditionell der natürliche Referenztext für die Verhandlung islamischer Normen, sondern die umfangreiche Rechtsliteratur des Islams.

Um die erstaunliche Konzentration auf den Koran zu verstehen, muss man auf die letzten 150 Jahre Islam-Geschichte zurückschauen. Bemühungen kritischer Muslime um eine Modernisierung des Islams gehen bereits auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als vielfältige Kontakte mit der Kultur des modernen Europas die Gebildeten in der islamischen Welt dazu herausforderten, altgewohnte Normen und Werte neu zu bedenken. Die durch die intensive Aktivität von Missionaren im Nahen Osten vermittelte Bekanntschaft mit dem in Europa üblichen Umgang mit heiligen Schriften ließ die bis dahin praktizierte – äußerst liberale – Auslegung als nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Traditionell galt der Koran als ein "Meer", unendlich in seiner Fülle von Deutungsmöglichkeiten. Seine Erklärungen durften spielerisch die ausgefallensten Schlüsse aus einem Koranvers ziehen und sich dabei auch widersprechen. Man konnte sich dafür auf ein Prophetenwort berufen, das die Vielstimmigkeit der Gemeinde zu einer Tugend erhebt, Mohammed soll gesagt haben: "In der Uneinigkeit meiner Gemeinde liegt göttliche Barmherzigkeit."

Dieses gelassene Verhältnis zum Koran geriet ins Wanken, als man mit der protestantischen Lektüre der Bibel in Berührung kam. Wie dort sollte nun auch im Islam "allein die Schrift" – ohne die dazugehörige Tradition – ausschlag gebend für die Gläubigen sein. Der Koran als solcher müsse nur rational gelesen werden, dann werde sich die Vernünftigkeit des Islams erweisen. Nur eine einzige Lesart eines Koranverses konnte "wahr" sein; die große Vielfalt verschiedener Deutungen erschien störend. Das Koranverständnis wurde nun vereinheitlicht; es war diese neue Eindeutigkeit, mit der er sich für die Funktion eines Gesetzbuches qualifizierte. Der Koran, nicht etwa die in der Vormoderne noch konsultierte Scharia, sollte nun über die modernen Normen entscheiden. Alte religiös begründete Vorschriften, etwa den nun besonders brisant werdenden Umgang mit Frauen betreffend, sollten weder durch eine Neuauslegung der bestehenden Gesetzestexte noch auch durch die Einholung von Rechtsgutachten, von Fatwas, den modernen Erfordernissen angeglichen werden. Ihre Anpassung sollte vielmehr durch eine Neuinterpretation des Korans geschehen.

Diese Sicht beherrscht – wie Katajun Amirpurs Einführung in die neueste Koranauslegung zeigt – bis heute die Auslegungen, wenn sie auch durchweg entschieden das Ziel verfolgen, den Koran von seiner Autorität als wortwörtliche Rede Gottes zu entlasten. Durch dieses neue Bewusstsein, dass der Koran eben nicht wörtlich genommen werden sollte, unterscheiden sich die neuen Ausleger substanziell von den fundamentalistischen Muslimen unserer Zeit, die den Koran als vermeintlichen Kronzeugen für menschenfeindliche Regelungen, vor allem die Unterdrückung der Frau und die Legitimierung von Gewalttätigkeit gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen, missbrauchen.