Die Stellung des Menschen im Kosmos ist nicht schwer zu bestimmen. Nach Lage der Dinge handelt es sich bei ihm um eine singuläre Erscheinung, denn außerirdische Mitbewerber haben sich bislang nicht blicken lassen. Dass der Mensch "Geist" hat, ist einzigartig und grenzt an ein Wunder. Niemand allerdings kann sagen, ob dieser "Geist" den Planeten nicht eines Tages zugrunde richten wird. Wenn ja, dann wäre der Mensch ein Fehlversuch der Natur gewesen und die Zivilisation ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte.

Wie aber entstand menschliches Leben, wie entstanden Geist und Vernunft? Die Standardantwort kommt, von wem auch sonst, von den Naturwissenschaften, und sie ist so einleuchtend, dass jedes Schulkind sie herunterbeten kann: Was wir "Leben" nennen, ist das Resultat der natürlichen Evolution. Mit seinem "Geist" und seiner "Vernunft" steigert der Mensch seine reproduktive Fitness, sie sind nützliche Helfer im Überlebenskampf der Gattung.

Diese biowissenschaftliche Sicht auf "Leben" und "Geist" hat den erbitterten Widerspruch einiger Philosophen hervorgerufen, aber niemand wird behaupten können, ihr Protest habe sonderlich Eindruck gemacht. Doch das könnte sich nun ändern. Mit Thomas Nagel hat noch einmal ein Philosoph den Fehdehandschuh geworfen, und er startet mit seinem Buch Geist und Kosmos einen so rabiaten Angriff auf das naturalistische Weltbild, dass bereits das Wort vom sciences war die Runde macht.

Das akademische Milieu in Amerika jedenfalls ist in Aufruhr. Via Twitter beschwerte sich der Linguist und Psychologe Steven Pinker über Nagels "schlampige Beweisführung" und nannte den 76-Jährigen einen großen Denker, der seine besten Tage leider hinter sich habe. Der Philosoph (und Naturalist) Daniel Dennett ernannte Nagel zum Mitglied einer "rückwärtsgewandten Gang", sein Werk sei "völlig wertlos" und nicht einmal würdig, verdammt zu werden. Und der Philosoph Simon Blackburn bedauerte aufrichtig, dass es keinen "philosophischen Vatikan" gebe, denn Nagels Pamphlet sei "ein guter Kandidat für den Index". Diese Attacken wiederum brachten Leon Wieseltier, Herausgeber der Zeitschrift The New Republic, in Harnisch, und er feuerte zurück: Nur weil Nagel den "Säkularglauben des Establishments" angreife, die unerträgliche "szientistische Tyrannei", falle ein "bis an die Zähne bewaffneter darwinistischer Mob" über ihn her und versuche, ihn mundtot zu machen.

Gutartige Mitteleuropäer begreifen diesen Tumult nur, wenn sie sich klarmachen, dass im angelsächsischen Raum die Uhren anders gehen. Wissenschaftler wie Dennett, Pinker und andere verstehen sich als liberale Aufklärer und fühlen sich, nicht zu Unrecht, von der evangelikalen Mafia und ihrer christlichen Weltentstehungslehre (Intelligent Design) verfolgt. Wer es also wagt, den erzkonservativen Kreationisten irgendeine Konzession zu machen oder gar, wie Nagel, zu behaupten, sie stellten immerhin die richtigen Fragen – solch einer ist in ihren Augen dann rechts, er ist ein Dunkelmann und Gegenaufklärer.

Thomas Nagel, Schüler von John Rawls und zuletzt Professor an der New York University, ist allerdings nicht irgendwer; er ist ein intellektuelles Schwergewicht, und sein 1974 erschienener Aufsatz Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? gilt zu Recht als kanonischer philosophischer Text, weil er schlagend erklärt, dass wir prinzipiell nichts über fremdes Selbsterleben wissen und dieses auch nicht in szientistischer Sprache beschreiben können. Nagel ist kein Hitzkopf, er argumentiert ruhig und präzise und ganz ohne die hierzulande beliebte rhetorische Blasenbildung. Zugegeben, Geist und Kosmos ist ein schwieriges Buch, weil die Materie schwierig ist, aber es liest sich gleichwohl so spannend wie ein Wissenschaftskrimi.

Die Ausgangsthese klingt einfach und wird im Buch hinreichend oft wiederholt: Was die Naturwissenschaften über die Entstehung der Gattung herausgefunden haben, verdient Bewunderung und ist schlicht großartig. Doch der Anspruch, es handele sich um eine universale Welterklärung, eine "Theorie für alles", ist für Nagel anmaßend und haltlos. In Wirklichkeit seien Biologie, Chemie und Physik unfähig, zu erklären, wie aus toter Materie Leben entstand und aus dummen Bakterien "Geist" und "Bewusstsein". Viele Erklärungen der naturwissenschaftlichen Orthodoxie, zum Beispiel Richard Dawkins’ Rede vom "blinden Uhrmacher", seien nämlich keine Erklärungen, sondern Metaphern, die erst einer Erklärung bedürften. "Je mehr Einzelheiten wir über die chemische Basis des Lebens und die Vertracktheit des genetischen Codes erfahren", desto unglaubwürdiger werde die ganze Theorie.

Damit diese eklatante Erklärungslücke nicht auffällt, schreibt Nagel weiter, flüchteten sich viele Naturwissenschaftler in einen materialistischen Reduktionismus, oder schlichter gesagt: Was nicht in ihr neodarwinistisches Theoriekorsett passt ("alles ist Auslese"), wird abgeschmirgelt, ausgeschlossen oder sonst wie hingedrechselt. "Die großen Fortschritte in den physikalischen und biologischen Wissenschaften wurden durch den Ausschluss des Geistes möglich gemacht." Subjektivität zum Beispiel, das innere Selbsterleben des Menschen, werde auf einen neuronalen Juckreiz reduziert, auf ein Synapsengestöber im Hirn – Denken und Gefühle sind alles Moleküle.