Die Geschichte von Abdullahs Hotel beginnt vor 30 Millionen Jahren. Damals fing der Vulkan Erciyes zu toben an, mit seinen Wutausbrüchen spuckte er Lava und Tuffasche in die Atmosphäre, Abermilliarden Tonnen. Der Dreck fiel vom Himmel und lagerte sich hundert Meter hoch ab, in Schichten unterschiedlicher Dicke, Härte und Farbe.

Später kamen die Landschaftsgestalter: Wind und Wetter brachen die Schichten auf, Flüsse wuschen das Gestein aus, knabberten sich durch den porösen Fels. So verwandelte die Erosion in Jahrtausenden den Tuff in die Landschaft, die heute Kappadokien heißt. Sie fräste Canyons aus dem Gestein, ließ in den Ebenen rund geschliffene Feenkamine stehen – wunderliche Pyramiden aus Tuffstein, die ihrer seltsamen Formen wegen an eine Märchenlandschaft erinnern.

Über alldem thront die Hotelterrasse. Von hier aus fange ich mit einem Schwenk die ganze Pracht dieses bizarren geologischen Naturparks ein, eine verspielte Szenerie im Gegenlicht. Direkt unterhalb von Abdullahs Haus Kale Konak öffnet sich Güvercin Vadisi, das Liebestal. Sein Name verrät, wie die Menschen die Tufftürme mit den eichelartigen Spitzen zu deuten pflegten.

Auch ins nahe Göreme kann ich sehen, das touristische Zentrum der Gegend mit Hunderten Tuffsteinhäusern. Und wenn ich mich umdrehe, blicke ich auf einen 60 Meter hohen Gesteins-Emmentaler: den Burgfelsen des Städtchens Uçhisar, die ausgehöhlte, von Wetter und Mensch zerfressene Spitze Kappadokiens.

Am östlichen Horizont hockt, ganz hinten im Dunst, auch noch der Wüterich von damals. Nachdem er mit seinen Eruptionen das kochende Innere der Erde nach außen gespuckt und die Basis für die spätere Szenerie geschaffen hatte, wandelte er sich von der Furie zu einem sanften Riesen: Der Erciyes verstummte zu Christi Zeiten. Fast 4.000 Meter hoch erhebt sich der Vulkankegel, schneebedeckt oft auch im Hochsommer; im Winter ist er die beliebteste Skiarena der Türkei, 15 Liftanlagen, 100 Kilometer Piste.

Als vor 10.000 Jahren die Menschen anfingen, diese Gegend zu besiedeln, taten sie es der Erosion gleich. Sie machten sich am Tuff zu schaffen. Sie gruben sich ein, tief unter die Erde, schlugen unterirdische Räume in den weichen Fels. Die Nachfahren behielten die Gewohnheit bei, bis in die Gegenwart. Statt Häuser zu bauen, schufen sie Platz zum Schlafen, indem sie Löcher in den vulkanischen Tuff kratzten. "Komm, ich zeig dir deine Höhle", sagt Abdullah.

Wohnen im Untergrund

Ich folge dem Patron über die Treppe in den Innenhof, dann hinein in eines der beiden Gebäude, die das Hotel nach außen sichtbar machen – und schließlich hinab in den Fels. Mit dieser Vorstellung muss man im Kale Konak erst mal klarkommen: Ich habe Übernachtungen in der höchstgelegenen Herberge Kappadokiens gebucht und wohne dennoch im Untergrund.

In meiner Suite streiche ich mit den Fingern über die Wände. Sie fühlen sich an wie Sandpapier, sind beschaffen wie die Oberflächen der Feenkamine: rund um mich herum nur unverputzter Tuff. Als Abdullahs Gast bin ich umgeben von bröseligem Gestein und genieße – wie einst die kappadokische Urbevölkerung – prähistorische Übernachtungskultur.

Mit ein paar Konzessionen an die Moderne: Die Nebengrotte ist das Badezimmer des Höhlenbewohners, Duschgel liegt bereit. Eine Nische dient als Minibar. Anstelle einer Klimaanlage aber gähnen über meinem Kopf nur zwei Löcher in der Höhlendecke, für die natürliche Luftzirkulation.

"Vor zwanzig Jahren wohnten hier noch Ziegen, dein Schlafzimmer war ein Stall", erzählt Abdullah. Wie viele Bauwerke der Gegend hat sein Höhlenhotel eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die Räume waren Wohnstube, Weindepot, Vorratskeller. Heute erinnern sie an ein stilvoll eingerichtetes Museum, wenn man den verwinkelten Untergrund abschreitet – mit gepflegtem Hamam und Wohnkomfort.

Sessel, Truhe und Kommode im Zimmer stammen aus osmanischer Zeit, zum Telefonieren steht ein Gerät bereit, das schon Alexander Graham Bell hätte benutzt haben können. Im Flur liegen alte Knüpfteppiche vor gestickten Wandbehängen. Aus gusseisernen Vasen werfen Glühbirnen gespenstische Schatten an die Decken der Gewölbe.

Während die Nachmittagssonne Kappadokien aufheizt und die Oberwelt mit gleißendem Licht erfüllt, entschließe ich mich zur landestypischen Flucht in den Untergrund, um der Spur der christlichen Mönche zu folgen. Die ersten kamen im 2. Jahrhundert hierher. Sie zog es nicht primär aus klimatischen Gründen in dunkle Verließe, sondern des Glaubens wegen. Im Tuff fanden die jungen, umstrittenen Religionsgemeinschaften Verstecke. Als der Islam sich ausbreitete, flüchteten viele Christen aus Syrien, Palästina und Ägypten nach Kappadokien, ins Zentrum Anatoliens. Im 13. und 14. Jahrhundert kamen Armenier dazu, vertrieben von den Mongolen im Osten.