Die Oetkers, die wohl bekannteste deutsche Unternehmerfamilie, stellen sich erstmals offen ihrer Familiengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus. In einem ausführlichen Gespräch mit der ZEIT erklärt August Oetker, der langjährige Chef des Familienunternehmens und heutige Beiratsvorsitzende, warum das erst so lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschieht – und eröffnet Einblicke in eine Familie, die zu den erfolgreichsten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts gehört.

Damit verändert sich die Perspektive auf die historische Rolle von August Oetkers Vater: Rudolf-August Oetker war nach dem Krieg ein typischer Wirtschaftswunderkapitän, einer der umtriebigsten deutschen Industriellen seiner Zeit. 2007 starb er mit 90 Jahren als hochverehrter Patriarch.

Über sein Leben während der NS-Zeit hat Rudolf-August Oetker niemals öffentlich gesprochen. Auch seinen acht Nachkommen, die er aus drei Ehen hatte, verweigerte er immer wieder genauere Auskunft. "Er wollte über diese Zeit nicht sprechen", sagt sein Sohn August, der heute 69 Jahre alt ist. "Er hat gesagt: Kinder, lasst mich damit in Ruhe."

Der Sohn und Nachfolger an der Unternehmensspitze fand die fehlende Vergangenheitsbewältigung schon lange schwer erträglich, konnte sich aber gegen den Vater nicht durchsetzen, wie er heute offen einräumt. Deshalb gehörte Oetker zu den großen deutschen Unternehmern, die sich ihrer Geschichte im "Dritten Reich" lange nicht öffentlich stellten – so wie Flick, Quandt, Mohn und viele andere.

Der Oetker-Chef war Mitglied im Freundeskreis Reichsführer-SS

Zwar war bekannt, dass das Unternehmen 1937 als "Nationalsozialistischer Musterbetrieb" ausgezeichnet worden war. Im Jahr 1968 wurde in Bielefeld und in der nordrhein-westfälischen Landespolitik zum Thema, dass Rudolf-Augusts Stiefvater und Vorgänger in der Unternehmensführung, Richard Kaselowsky, dem sogenannten Freundeskreis Reichsführer-SS von Heinrich Himmler angehört hatte. Und in der Familienbiografie Die Oetkers wurde 2004 mit Dokumenten nachgewiesen, dass Rudolf-August Oetker Offizier in der Waffen-SS gewesen war und den Rang eines Untersturmführers bekleidet hatte. Es gab auch Hinweise auf "Arisierungen" und eine geschäftliche Kooperation der Firma Dr. Oetker mit der SS. Aber eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung fehlte.

Nationalsozialismus - Die NS-Vergangenheit der Familie Oetker Rudolf-August Oetker war einer der größten Unternehmer der deutschen Nachkriegszeit. Nach seinem Tod haben die Oetkers nun ihre NS-Familiengeschichte aufarbeiten lassen.

Jetzt liegt sie vor. Kommende Woche erscheint im Beck-Verlag das Buch Dr. Oetker und der Nationalsozialismus, das der Münchner Historiker Andreas Wirsching gemeinsam mit den jungen Wissenschaftlern Sven Keller und Jürgen Finger geschrieben hat. Bezahlt hat die Studie die Firma Dr. Oetker. Die Initiative dazu hat August Oetker 2008 ergriffen.

In der Studie wird die Firma Oetker als ein durch und durch braunes Unternehmen beschrieben. Die entscheidende Figur war ein Mann, der in die Familie hineingeheiratet hatte: Richard Kaselowsky. Er ehelichte 1919 die Witwe seines Freundes Rudolf Oetker, der auf dem Schlachtfeld von Verdun gefallen war. Kaselowsky führte das Unternehmen treuhänderisch für seinen Stiefsohn Rudolf-August Oetker.

Kaselowsky war ein glühender Nationalsozialist, der die Volksgemeinschaft pries und dem es gefiel, sich im Kreis von SS-Größen zu bewegen. Ein "Betriebsführer", der seine Kinder und seine Mitarbeiter zu "Nationalsozialisten des Herzens" erziehen wollte. Der Oetker-Chef spendete großzügig für ein Sonderkonto Himmlers und das nationalsozialistische Winterhilfswerk. Aber auch die freiwilligen Sozialleistungen an die Belegschaft waren bei Oetker, wie die Studie ergab, viel höher als in anderen Unternehmen. Kaselowsky habe eine "sozialfürsorgerische Grundhaltung" gehabt, schreiben die Historiker.