Eva Beck dreht den Monitor des Ultraschallgeräts von der Patientin weg, sodass diese nicht sieht, was Beck sieht: einen wenige Zentimeter großen Embryo, ein paar Wochen alt, erst die Andeutung eines Menschen, aber das Kindchenschema ist schon erfüllt. Der Embryo hat einen großen runden Kopf, eine gewölbte Stirn und strampelt mit kurzen Armen und Beinen. Die Technik des Ultraschalls mag vergleichsweise neu sein, die Bilder, die sie produziert, bewirken, dass die uralten Gesetze der Evolution greifen und der Schlüsselreiz wirkt: Auf ein Kind passt man auf, denkt Eva Beck.

Aber Beck ist Ärztin, und deshalb passt sie auch auf ihre Patientin auf. Sie will den Frauen den Anblick ihrer Ungeborenen ersparen, weil das die Abtreibung noch schwieriger macht, als sie sowieso schon ist. Diesmal ist die Patientin Anfang zwanzig und hat eine Freundin zum Abtreibungstermin mitgebracht. Die Mädchen sind nervös, sie kichern. Da entdeckt die Freundin den Embryo auf dem Ultraschall und ruft: "Guck mal, es zappelt ja schon!", woraufhin beide in kreischendes Gelächter ausbrechen.

Wer sind die Leidtragenden solcher Situationen, die Eva Beck nicht vergessen kann, weil sie "unwürdig" seien? Das unfertige Kind zweifellos. Das junge Mädchen, das vielleicht nur aus Hilflosigkeit kichert. Oder doch nicht? Eva Beck weiß es nicht, sie spricht mit der Patientin nur während dieser wenige Minuten dauernden Untersuchung, bevor der Anästhesist die Narkose verabreicht. Beck empfindet auch sich selbst als Leidtragende, weil sie den Embryo aus der Gebärmutter saugen muss. Sie berechnet den Kopfumfang und wählt eine Saugkürette in der entsprechenden Größe, eine Art spitzes Röhrchen, durch das der Fruchtsack mit dem Embryo abgesaugt wird. Der fragile Embryo zerreißt, Beck muss den Sauger mehrmals ansetzen, bis das Gewebe durch den Schlauch abfließt. Das ist der Moment, in dem die OP-Schwester meist wegsieht.

Eine so genaue Schilderung einer Abtreibung wird diesen Artikel für manche fragwürdig erscheinen lassen: Muss man das? Muss man diese Details ausbreiten? Was will man damit sagen? Frauen, die abtreiben, versündigen sich?

Gegenfrage: Wenn wir Frauen eine persönliche Moral zugestehen bei der Entscheidung, ob sie abtreiben lassen, warum gestehen wir nicht auch Ärztinnen eine persönliche Moral zu, frei zu entscheiden, ob sie Abtreibungen vornehmen wollen oder nicht? Kann man die Realität eines solchen Eingriffs verschweigen, wenn eine Ärztin anhand ebendieser Realität mit ihrer moralischen Entscheidung ringt?

Vielleicht wäre die Frage überflüssig, wenn das geltende Recht etwas mit der täglichen Praxis in den Kliniken zu tun hätte. Das Gesetz stellt es Beck frei, ob sie als Gynäkologin Schwangerschaftsabbrüche durchführt oder nicht. So steht es in Paragraf 12 Absatz 1 des Schwangerschaftskonfliktgesetzes: "Niemand ist verpflichtet, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken." Doch das ist nur die Theorie.

Eva Beck ist 35 und Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Hamburg. Sie hat ein aufgeräumtes Gesicht und trägt Perlenohrringe und einen Ehering an einem der langen, sauberen Finger, die man Chirurgenfinger nennen könnte. Sie wollte schon immer Ärztin werden. Als sie in der fünften Klasse war, half sie sonntags im Krankenhaus ihres niedersächsischen Heimatdorfes aus. Die anderen Kinder hatten Angst vor den Kranken und ihrem Geruch. Sie war wie magisch angezogen von diesem Ort, an dem geheilt und versorgt wurde. Sie rannte, um dem Arzt ein Stethoskop zu holen, leerte Bettpfannen und teilte das Essen an die Patienten aus.

Doch jetzt ist sie eine Ärztin geworden, die werdendes Leben zerstört.

So hart formuliert sie es an einem warmem Tag im Frühsommer, an einem Cafétisch unter einem Baum im Schatten sitzend. Sie trinkt Rhabarberschorle und zwingt sich, einer Familie grüßend zuzulächeln, die sie aus der Krabbelgruppe ihres Sohnes kennt. Es ist das erste von mehreren Treffen. Eva Beck bittet darum, dass ihr richtiger Name und der Name ihrer Klinik nicht genannt werden, weil militante Abtreibungsgegner Frauenärzte schikanieren und bedrohen.

Immer noch ist die Abtreibung ein Thema, das polarisiert. Wer nicht dafür ist, ist dagegen. Jedes Mal, wenn die Politik versucht, die Gesetzgebung zu liberalisieren, bricht ein Kulturkampf los. Zuletzt in den neunziger Jahren, als CDU, CSU und konservative Verfassungsrichter auf der ausdrücklichen Missbilligung des Schwangerschaftsabbruchs im Gesetzestext bestanden. So ist der Paragraf 218 ein mühsamer Kompromiss und klingt wie juristische Satire: Der Schwangerschaftsabbruch ist rechtswidrig, aber straffrei.

Schon seit 1976 wird der Eingriff bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nicht mehr geahndet; in der DDR erlaubte das Gesetz den Abbruch schon von 1972 an. Die gesellschaftliche Anstrengung bestand seither darin, die Stigmatisierung der Frauen aufzuheben, die ein Kind abtreiben lassen. Das war eines der wichtigsten Anliegen der Frauenbewegung. Es ging darum, die weibliche Sexualität von der Angst zu befreien, die sie jahrhundertelang belastet hatte: die Angst vor ungewollter Schwangerschaft und der lebensgefährlichen illegalen Abtreibung.

Heute überlässt der Staat den Frauen selbst die Entscheidung. Im Jahr 2012 haben 106 815 Frauen abgetrieben. Einigen von ihnen fällt der Entschluss schwer, anderen nicht. Einige sehen keinen anderen Ausweg, andere fanden es die leichteste Lösung. Einige zählen selbstquälerisch nach, wie alt das Kind wäre, das sie abgetrieben haben, andere kommen schnell darüber hinweg. Einige trauern um ein krankes Kind, dem sie Leid ersparen wollten, andere konnten sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen. Zu jeder dieser Frauen, zu jeder dieser unterschiedlichen Geschichten von Trauer, Furcht, Erleichterung gehört die Geschichte eines Arztes oder einer Ärztin, die den Eingriff durchgeführt haben. Unter ihnen gibt es diejenigen, die Frauen aus einer Notlage helfen wollen, es gibt diejenigen, die ihre Arbeit für notwendig und sinnvoll halten. Und es gibt Ärzte, die sich deswegen Vorwürfe machen.

Kann man heute überhaupt als Gynäkologe arbeiten, wenn man keine Abtreibungen durchführen will?

Es ist sieben Jahre her, dass Eva Beck ihre Ausbildung zur Fachärztin der Frauenheilkunde und Geburtshilfe in einem Hamburger Krankenhaus beginnt. Es ist ihr erster Job nach dem Studium, und am Anfang besteht er hauptsächlich daraus, Babys auf die Welt zu bringen. Gibt es einen schöneren Beruf?, fragt sie sich. Ihr fällt keiner ein.