Für das Unglück, an dem man selbst die Schuld trägt, gibt es keine Entschuldigung, und Mareile Pierson* hat ihr Unglück selbst gewählt. Als Mädchen konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie als Erwachsene würde leben wollen. Ihre Eltern dagegen hatten ein klares Bild: Das Wichtigste sei ein sicherer Job, sagten sie. Also wurde Pierson Bankkauffrau. Heute ist sie 29 Jahre alt und verbringt ihre Tage damit, anderen Menschen Produkte zu verkaufen, deren Sinn sie nicht erkennen kann. "Es gab Momente, da habe ich meine Arbeit gehasst", sagt sie. Das unsichere Lächeln, das sie auf diese Sätze folgen lässt, wirkt, als wolle sie sich entschuldigen.

Wie sie durch die Straßen des hügeligen Stuttgarter Künstlerviertels zu ihrer Wohnung läuft – man könnte sie für eine Designerin halten, ein Model. Ihre dunklen Haare hat sie zu einem Knoten hochgesteckt, sie trägt eine schwarze, zottelige Pelzweste. Eigenwillig sieht sie aus, schön. Nicht wie eine, die sich in täglicher Routine verbraucht. Mareile Pierson weiß: Ihren bisherigen Berufsweg wird sie so nicht weitergehen können.

Vielen Deutschen geht es ähnlich. Jeder siebte ist laut dem Personaldienstleister Kelly Services davon überzeugt, den falschen Beruf zu haben. Beinahe jeder Vierte hat innerlich gekündigt, fand das Meinungsforschungsinstitut Gallup heraus. Und: Unglückliche Arbeitnehmer sind öfter krank und unproduktiver. Die falsche Tätigkeit oder der falsche Chef mindern das Wohlbefinden eines Arbeitnehmers und können sogar zur Gefahr für die Volkswirtschaft eines Landes werden. Die massenhaft verfehlte Berufswahl – sie ist auch ein gesellschaftliches Problem.

Die Lage ist paradox: Nie zuvor konnten so viele Menschen in westlichen Ländern so frei entscheiden, mit welcher Arbeit sie ihren Unterhalt verdienen möchten. Und doch scheitern so viele daran.

Früher war es dem Sohn eines Schusters vorbestimmt, selbst Schuster zu werden, für den Arztsohn stand fest, dass er die Praxis übernehmen würde, und die Töchter lernten, ihrem Ehemann den Haushalt zu führen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich die Deutschen anderen Dingen zuwenden als den Fragen, wie sie eine Familie ernähren könnten und wo sie sicher schlafen. Und so erwachte ein Menschheitstraum der Moderne: Die Tätigkeit, mit der jemand den Tag verbringt, sollte eigene Talente stimulieren und die Persönlichkeit entfalten. Der Beruf sollte das Individuum nicht nur ernähren, es sollte sich selbst in ihm wiederfinden und verwirklichen.

Luxus, natürlich, und auch ein egozentrischer Traum, den sich selbst in reichen Ländern nicht alle erfüllen können. Doch der Wunsch, sich diesem Ideal möglichst anzunähern, treibt sie um. Wie sehr, das zeigt die wachsende Zahl der Karriere-Coaches und Ratgeberbücher, die Titel tragen wie Ich weiß nicht, was ich wollen soll oder: Finde den Job, der dich glücklich macht. Aber was macht es den Menschen schwer, herauszubekommen, welcher Beruf der richtige ist?

Mareile Pierson weiß heute, warum alles falsch lief. Sie ist wie ein Holzstück gewesen, das von den Wellen, also von äußeren Kräften, umhergeworfen wurde. In welche Richtung es ging, bestimmte sie nicht selbst – sie ließ ihr Leben geschehen. Bis sie irgendwann bei der Münchner Psychologin Madeleine Leitner angespült wurde. Die ergründet seit 16 Jahren, weshalb ihre Kunden sich für Jobs entscheiden, die nicht zu ihnen passen, und hilft bei der Suche nach dem beruflichen Glück. Sie hat selbst lange gebraucht, bis sie es fand, war Psychotherapeutin, Personalberaterin, Headhunterin, bevor sie hier am Englischen Garten ihr Büro für Karriereberatung eröffnete.