Ist meine Arbeit sinnvoll? Ist sie anerkannt? Wer profitiert davon? Macht sie mich glücklich? Diese Fragen hat Howard Gardner mehr als tausend Amerikanern gestellt: Ärzten, Juristen, Schauspielern. Mit diesen Fragen will er die Welt verbessern.

Howard Gardner ist ein Psychologieprofessor, der auch genau so aussieht, schiefe Brille, zauselige Haare. Er fragt: "Würden Sie für mehr Geld bei der Konkurrenz arbeiten?" Gardner stellt lieber Fragen, als sie zu beantworten: "Ich bin besessen von Fragen." Er steht in seinem Büro in der Harvard Universität. Eine Höhle aus Bücherstapeln, bekritzelten Zetteln. Mehr als zwanzig Bücher hat er geschrieben. Auf dem Tisch liegen hundert Exemplare seines neuesten Werks, alle handsigniert. Seit zwanzig Jahren erforscht Gardner, welche Faktoren glücklich bei der Arbeit machen. Er ist auf der Suche nach dem, was er good work nennt. Mit Kollegen gründete er 1995 das Good Work Project – eine Langzeitstudie über Berufe. Sie begann mit einem Fragebogen, vier Seiten, 22 Fragen. Drei Jahre brauchte Gardner, bis er die perfekten Fragen entworfen hatte.

Da steht zum Beispiel:

6) Haben Sie das Gefühl, Ihre Überzeugung steht im Konflikt mit den Werten der Branche, in der Sie arbeiten?

15) Hatten Sie Mentoren, die Ihre Arbeit bedeutend beeinflusst haben oder die Sie bei wichtigen Entscheidungen beeinflusst haben?

21) Gibt es Dinge, die Sie nicht tun würden in Ihrem Beruf, obwohl sie nicht illegal sind?

Als Gardner seinen Katalog gut fand, stellte er ein Forschungsteam zusammen, das 1.200 Menschen aus neun verschiedenen Berufen interviewte. Die Befragten kamen aus Wirtschaft, Medizin, Kunst. Wie ein Detektiv suchte Gardner nach den entscheidenden Details für das, was gute Arbeit ausmacht. Er fragte mit, ließ die Bänder abtippen, jedes einzelne 40 bis 50 Seiten lang, er sortierte die Antworten in Kategorien. Es dauerte Jahre. Heute, am Ende der Suche, nach der Auswertung der Bögen, sagt "Zwei Berufe verblüffen mich besonders: Journalisten und Genforscher." Von jeder Gruppe hat er mehr als hundert Personen befragt. "Die Genforscher sind begeistert von ihrem Beruf. Die Journalisten sind verzweifelt."

Die Erklärung: Fast alle Genforscher finden ihre Arbeit anspruchsvoll, sie können das tun, was sie sich wünschen: mit genug Zeit und genug Geld wissenschaftlich forschen. Und sie sind überzeugt, dass ihre Tätigkeit der Menschheit nützt. Viele Journalisten hingegen sind frustriert und deprimiert. Sie wollten über gesellschaftlich und politisch relevante Themen schreiben, investigativ arbeiten und objektiv berichten. Aber die meisten wurden eingeholt von der Realität: kaum Geld für Recherchen, wenig Zeit für tiefe Gedanken; Sensationen verkaufen sich besser als Enthüllungen; Texte werden nicht gedruckt, weil sie Anzeigenkunden verschrecken könnten.

Gardner hat die Antworten aller Befragten analysiert und eine Art Baukasten entworfen, der zur guten Arbeit führt, nicht nur für Journalisten und Genforscher. Jetzt steht er selbst für Fragen bereit.

DIE ZEIT: Herr Gardner, wie werde ich ein glücklicher Arbeitender?

Howard Gardner: Indem Sie nach den drei E streben: Exzellenz, Ethik und Engagement. Exzellenz bedeutet, kompetent und effektiv sein im Beruf. Ethik bezieht sich auf soziale Verantwortung: Haben Ihre Arbeit, Ihr Verhalten und das Produkt, das Sie herstellen, positive Auswirkungen auf andere? Engagement heißt: Gehen Sie auf in Ihrer Arbeit, werden Sie gefordert, macht Ihnen Freude, was Sie tun?

ZEIT: Gibt es Glücks- und Unglücksfaktoren?

Gardner: Es ist wichtig, ein gemeinsames Ziel zu haben. Ein gutes Beispiel sind eben Journalisten und Genforscher. In der Genetik sind sich, zumindest in den USA, die Forscher, die Pharmaunternehmen, die Regierung und die Öffentlichkeit über das Ziel des Berufs einig: Sie wollen Forschung, mit der man Krankheiten mildern oder beseitigen kann. Alle Interessengruppen senden das gleiche Signal. Bei Journalisten ist das anders: Bei den meisten kollidiert das Streben nach gutem Journalismus sowohl mit den Gewinn- und Renditezielen der Manager und Verleger als auch mit dem Interesse der breiten Leserschaft – die lieber knallige Sensationsgeschichten will als komplizierte Recherchen. Pauschal gesagt: Wollen alle das Gleiche, ist es leichter, gute Arbeit zu machen, als wenn jeder ein anderes Ziel hat.