Über das, was am 2. Dezember 2012 in Almere bei Amsterdam geschah, gab es zwei Nachrichtenversionen. Die eine lautete: Drei junge Fußballspieler, die aus Marokko stammen, haben nach einem Spiel einen Linienrichter verprügelt. Der 41-Jährige starb später an den Folgen des brutalen Angriffs. Die andere lautete: Drei junge Fußballspieler haben nach einem Spiel einen Linienrichter verprügelt. Der 41-Jährige starb später an den Folgen des brutalen Angriffs.

Welche Fassung gibt die Wahrheit besser wieder? Der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker plädierte kürzlich an dieser Stelle für die Version, welche die Herkunft der Täter einschließt (ZEIT Nr. 41/13). "Seriöse Medien", so Pöttker, hätten bei der Berichterstattung über den Vorfall diese Information "verschwiegen". Damit hätten sich Journalisten der Selbstzensur unterzogen. Pöttker fordert deshalb, die Richtlinie 12.1 des Pressekodex zu streichen. Sie schreibt vor, die Herkunft von Verdächtigen in der Berichterstattung nicht zu erwähnen, es sei denn, es besteht ein "begründbarer Sachbezug" zur Tat.

Die Forderung des Professors ist falsch, denn sie verbaut mehr Wege zur Wahrheit als sie eröffnet. Pöttker geht von einem "mündigen Publikum" aus, an das sich Journalisten zu richten hätten. Ich nicht. Ich habe lediglich Bürger vor Augen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen informieren möchte.

Als ich vor etwa 20 Jahren mein Volontariat bei einer Tageszeitung absolvierte, kannte ich weder den Pressekodex noch die Richtlinie 12.1. Achtsam zu sein bei Informationen, die etwa religiöse Zugehörigkeit oder ethnische Herkunft betreffen, habe ich nicht während meiner Ausbildung gelernt. Die Frage, wie über Migranten sachlich richtig und sprachlich korrekt berichtet werden sollte, war Entscheidungsträgern in Redaktionen unwichtig. Erst mit dem Eingeständnis, ein Einwanderungsland zu sein, begannen in Deutschland Debatten über den Sinn, die ethnische Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit von Tätern zu nennen.

Sensibilisiert haben mich Menschen, die wie ich einen sogenannten Migrationshintergrund haben. Sie, die sich aufgrund ihrer Herkunft und Religion auch durch die Berichterstattung stigmatisiert fühlen, stellten mir immer wieder eine Frage: Warum wird in den Medien, auch wenn es mit der Sache selbst nichts zu tun hat, die Herkunft der Täter genannt?

Ich war zwölf Jahre lang Redakteurin der Frankfurter Rundschau, in dieser Zeit auch mitverantwortlich für die Polizeiberichterstattung. Wenn ich die ethnische Herkunft eines mutmaßlichen Täters nicht nannte, dann nicht aufgrund von Selbstzensur, sondern weil sich mir – wie es in der Richtlinie 12.1 des Pressekodex festgehalten ist – der "begründbare Sachbezug" nicht erschloss. Wenn ein Mann in Frankfurt einen Taxifahrer ausraubt, dann ist es unwichtig, ob der Täter italienischer, türkischer oder spanischer Herkunft ist.

Ein Täter mit "indischem Aussehen" oder ein Totschläger, der ein "südländischer Typ" oder "ein Türke" ist: Formulierungen wie diese tauchen noch immer in Texten der Polizeipressestellen auf. In den ersten Jahren meines Berufslebens erlebte ich es als journalistischen Alltag, dass Kollegen diese Informationen übernahmen, ohne sie zu hinterfragen. Die Verteidiger dieser Praxis fragen, ob es denn nicht sehr wohl Straftaten gebe, die mit der Ethnie oder der Religion in Zusammenhang stehen – sogenannte Ehrenmorde und Zwangsehen bei Muslimen, zum Beispiel. Das mag sein. Aber solche zweifelhaften Traditionen gibt es auch in China, Indien oder unter Christen im Libanon. Das heißt nicht, dass gruppenspezifische Probleme hierzulande verschwiegen werden sollten. Der Hinweis auf patriarchalische Strukturen ist dabei allerdings hilfreicher als simple ethnisch-geografische Zuschreibungen.