In Barra da Tijuca, einem noblen Badeort im Süden von Rio de Janeiro, gab es am Montag gleich zwei absurde Ereignisse zu beobachten. Das eine fand direkt am Strand statt: Da lagen am späten Vormittag Sonnenanbeter auf ihren Liegen und schauten überrascht bis gelangweilt drein, als sich von der einen Seite eine Horde von mehreren Hundert vermummten Demonstranten durch den Sand näherte und von der anderen Seite eine ganze Hundertschaft schwer bewaffneter Armeesoldaten – eine Szene wie aus einem surrealen Film.

Das andere absurde Ereignis fand im strandnahen Nobelhotel Windsor statt. Es war der Anlass für die Demonstrationen und das gewaltige Sicherheitsaufgebot vor der Tür. Brasilien hat am Montag nach vielen Jahren des Hin und Her die Nutzungsrechte an einem riesigen Ölfeld versteigert, das vor sechs Jahren entdeckt worden war: Libra heißt es, es liegt rund 50 Kilometer vor Rios Küste. Dort sollen über die kommenden drei Jahrzehnte bis zu zwölf Milliarden Barrel Öl gefördert werden, das ist mehr als die gegenwärtig bekannten Ölreserven Norwegens. Libra ist das größte und wichtigste Ölvorkommen, das überhaupt in der jüngeren Zeit irgendwo auf der Welt gefunden wurde. Dank dieses Feldes will Brasilien in Zukunft von Platz 13 auf einen der oberen Ränge unter den internationalen Ölproduzenten aufsteigen. Entsprechend war die Erwartung der brasilianischen Regierung: Die internationalen Ölkonzerne, die dem Land bei diesem Vorhaben helfen sollen, würden sich bei der Auktion um die Förderrechte nur so überschlagen.

Aber das Wettbieten war am Montag binnen weniger Minuten vorbei. Es gab nämlich nur einen einzigen Teilnehmer: ein Konsortium aus der teils staatlichen brasilianischen Ölgesellschaft Petrobras (40 Prozent), den europäischen Konzernen Shell und Total (40 Prozent) und den staatlichen chinesischen Firmen CNOOC und CNPC (20 Prozent).

Zuvor waren die US-Konzerne Exxon und Chevron abgesprungen, British Petrol wollte ebenfalls nichts mit der Auktion zu tun haben, die japanische Mitsui und die malaysische Petronas unterbreiteten überhaupt kein ernsthaftes Angebot, und die spanische Repsol sagte wenige Stunden vor der Auktion ihre Teilnahme ab. Eine Auktion mit bloß einem Bieter ist keine Auktion – sagen Experten titelte die Onlineseite des brasilianischen Magazins Veja.

Weil bei einer Auktion mit nur einem Bieter niemand den Preis in die Höhe treibt, ging Libra zu einem zuvor festgelegten Mindestpreis an das Konsortium: Dieses muss 41,65 Prozent seines Gewinns an die Regierung abführen und einmalig rund fünf Milliarden Euro zahlen. "Viel zu billig" lautete die erste Reaktion. Diejenigen, die draußen gegen den Ausverkauf nationaler Reichtümer an internationale Firmen demonstrierten, sahen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

Die eigentliche Schwierigkeit für Brasilien hat allerdings mit einer anderen Zahl zu tun: Einige Regierungsmitglieder bemühten sich gleich nach der Auktion, nicht von 41,65 Prozent zu sprechen, die die Regierung erhalten soll, sondern von rund 85 Prozent, die sich ergäben, hätte man erst mal diverse Einmalzahlungen und alle möglichen indirekten Kosten zusammengerechnet. Tatsächlich scheint diese höhere Zahl näher an der Wahrheit zu liegen. Das ist das Problem.

Dass so viele große Namen der Öl- und Gasindustrie der spektakulären Auktion in Rio fernblieben, hat einen gewichtigen Grund: Die Sache ist riskant und teuer. Riskant, weil das Öl von Libra sieben Kilometer tief im Meer liegt, unter einer teilweise zwei Kilometer dicken Salzschicht. Die bisherigen Bohrtechniken schaffen es noch nicht überall, dort nutzbare Förderlöcher hineinzubohren. Geologen streiten überdies darüber, wie viel Öl sich aus Libra wirklich gewinnen lassen wird. Seit den Ölfunden Ende des vergangenen Jahrzehnts hat die brasilianische Regierung außerdem diverse Regularien erlassen, die es für Ölfirmen nicht gerade leicht machen, mit Gewinn zu produzieren: Der staatliche Konzern Petrobras und eine weitere staatliche Gesellschaft müssen in alle Ölförderprojekte eingebunden werden, Brasilien hat Vetorechte gegen bestimmte Formen der Ölausbeutung, und Bohrköpfe und andere Teile müssen zu einem festen Anteil vor Ort in Brasilien eingekauft werden – strenge Auflagen, überwacht von einer umständlichen Bürokratie, die manchmal Wochen für eine Entscheidung braucht.

Diese neue brasilianische Regulierungswut ist aber auch schuld daran, dass man überhaupt internationale Firmen ins Land holen muss, um Libra zu erschließen. In Fachkreisen galt Petrobras lange als einer der Technologieführer in Fragen Bohrungen in tiefer See – besser als mancher Wettbewerber. Doch Petrobras steckt in Schwierigkeiten, weil der Staat den Konzern als Geldlieferanten entdeckt hat. Die Regierung schreibt ungewöhnlich niedrige Treibstoffpreise im Lande vor. Offiziell gibt es solche Preisvorschriften gar nicht, aber die Chefs bei Petrobras wissen seit Jahren genau, was sie tun müssen, wenn sie sich keinen Ärger mit Brasilia einhandeln wollen: Egal, wie die Ölpreise am Weltmarkt sind, die Kraftstofflieferungen daheim dürfen keinesfalls die Inflation antreiben. Sie müssen also besonders billig sein. Neuerdings schreibt Petrobras kräftige Verluste, und Rating-Agenturen haben seine Qualität als Schuldner empfindlich herabgestuft.

So fehlt ausgerechnet jetzt – wo Jahrhundertinvestitionen in die brasilianischen Ölfelder anstehen und brandneue Technologie für das Bohren in tiefer See entwickelt werden soll – dem nationalen Champion das Geld.