Unser Gehirn besteht aus eineinhalb Kilo Wasser, Eiweiß und Fett. Wie erzeugt diese wabbelige Masse all unser Erleben? Vor der Frage schrecken selbst optimistische Denker zurück. Christof Koch allerdings behauptet, das Rätsel Bewusstsein sei lösbar. Aufsehen erregte der Biophysiker auch mit seinen Experimenten. So entdeckte er Hirnzellen, die auf die Erkennung von Hollywoodstars spezialisiert sind.

Seit zwei Jahren arbeitet er als wissenschaftlicher Direktor des Allen Institute for Brain Science in Seattle, das Hirnforschung im industriellen Stil betreibt. Der Gründer, Microsoft-Milliardär Paul Allen, stellt dafür eine halbe Milliarde Dollar bereit. Koch und ich trafen uns in einem Vollwert-Café am New Yorker Washington Square. Koch, der in Kansas City als Sohn deutscher Diplomaten geboren wurde und in Tübingen studiert hat, spricht Englisch mit deutschem Akzent. Nur wenn wir auf Persönliches kommen, wechselt er in unsere gemeinsame Muttersprache. Serviert werden Salate, denn Koch, der sogar Regenwürmern eine Spur von Bewusstsein zuerkennt, ist Vegetarier.

ZEITmagazin: Herr Koch, können wir zugleich reden und bewusst unser Essen genießen?

Christof Koch: Wahrscheinlich nicht. Bewusstsein setzt normalerweise Aufmerksamkeit voraus. Und seine Aufmerksamkeit kann man in der Regel nur einer einzigen Sache zuwenden. Alles andere blendet die Aufmerksamkeit aus. Wenn Sie einer angeregten Unterhaltung folgen, mag das Essen die Geschmacksknospen Ihrer Zunge reizen, trotzdem schmecken Sie wenig.

ZEITmagazin: Aufmerksamkeit ist also ein Filter. Was ist Bewusstsein?

Koch: Ihre innere Erfahrung. Sie schmecken das Salz auf diesem Salatblatt, sehen im nächsten Moment ein Bild von meinem Gesicht. Dazu müssen Sie Ihren Sinneseindrücken Aufmerksamkeit schenken. Aber das allein genügt nicht. Denn die Sinneswahrnehmung wertet ja nur physikalische Signale aus: die Moleküle auf Ihrer Zunge, die Lichtwellen, die Ihr Auge erreichen. Doch Sie haben Empfindungen – einen Geschmack, ein Bild im Kopf. Und das ist etwas ganz anderes. Dieses Erlebnis muss irgendwo in den Katakomben des Großhirns entstehen. Wie das geschieht, ist ein großes Geheimnis.

ZEITmagazin: Die meisten Menschen wundern sich nicht darüber. Ihnen erscheint es als die selbstverständlichste Sache auf der Welt, dass sie ihr Leben als eine Art Film vor sich sehen.

Koch: Denkt der Fisch über das Wasser nach, in dem er schwimmt? So fällt uns auch das Bewusstsein nur auf, wenn es verschwindet. Gewöhnlich lassen uns nur Tiefschlaf, Narkose oder schwere Geistesverwirrung nach einem Schlaganfall erkennen, dass Bewusstsein eben nicht zwangsläufig zu unserem Leben gehört.

ZEITmagazin: Sie denken seit fast 30 Jahren über Bewusstsein nach. Was brachte Sie als Physiker zu diesem Thema?

Koch: Bewusstsein ist doch die Voraussetzung für alle andere Erkenntnis. Wie kann ich denn feststellen, dass das Universum existiert? Und wie kann ich wissen, dass es mich selbst gibt? Nur, indem ich beides erlebe. Das Bewusstsein ist die einzige Tatsache, über die wir uns sicher sein können. Das erkannte schon Descartes.

ZEITmagazin: "Cogito ergo sum", schrieb er. "Ich denke, also bin ich." Ich habe allerdings nie verstanden, warum er so sehr auf das Denken abhebt. Mir erscheint es viel wesentlicher, dass ich empfinde: Ich bin da.

Koch: Ich glaube, Descartes meint genau dieses Empfinden. Ich mag mir alles Mögliche einbilden – zum Beispiel, dass eine unglaublich attraktive Frau mich liebt – und völlig falsch liegen. Aber darüber, dass ich innere Erfahrungen habe, kann ich mich unmöglich täuschen. Heute würde Descartes vielleicht schreiben: "Ich bin bewusst, also bin ich." Dass es Bewusstsein gibt, ist die grundlegendste Eigenschaft des Universums, in dem ich lebe. Mir ist es rätselhaft, wie die Wissenschaft die Frage danach so lange ausblenden konnte.

ZEITmagazin: Sie sprachen einmal von "meinem unwiderstehlichen Wunsch, meinen Glauben zu rechtfertigen, dass das Leben einen Sinn habe". Und dieses Verlangen habe Sie zu der Suche nach den Ursprüngen des Bewusstseins getrieben. Ich fand das überraschend.

Koch: Als Wissenschaftler sollte man eigentlich nicht danach fragen, was einen antreibt.

ZEITmagazin: Ich frage Sie als Person.

Koch: Ich war ein gläubiger Katholik. Meine Eltern erzogen mich religiös, ich war Ministrant, die Lehrer auf der Jesuitenschule vermittelten mir ein geistiges Bezugssystem und stillten meine Sehnsucht nach Sinn. Aber als Physiker im Labor erforschte ich eine andere Welt. Hier die Wissenschaft, die Fakten erklärte, dort der Glaube an Gottes Schöpfung. Ich lebte in einer gespaltenen Wirklichkeit – einer Realität für die Wochentage, einer für sonntags, wenn ich die Messe besuchte. Dann traf ich Francis Crick ...

ZEITmagazin: ... der im Jahr 1953 zusammen mit James Watson die Erbsubstanz DNS entdeckt und dafür den Nobelpreis bekommen hatte.

Koch: Nachdem er das Geheimnis der Vererbung aufgeklärt hatte, interessierte er sich für das Bewusstsein. Wir begannen in den späten 1980er Jahren eine enge Zusammenarbeit. Im Nachhinein denke ich, was mich dazu brachte, war ein geheimer Wunsch, festzustellen, dass die Wissenschaft angesichts der Frage nach dem Bewusstsein versagt.

ZEITmagazin: Sie wollten scheitern.