Der Blick aus dem Tren Crucero

Nein, es geht nicht. Auf Dauer geht es nicht. Irgendwann lässt die Hand das Geländer der Aussichtsplattform los, hebt sich – und winkt drauflos. Man wollte sich beherrschen, hatte keine Lust, den Grüßonkel zu spielen. Aber schließlich wirkt es befreiend. Ja, man winkt! Man ist kein Spielverderber, man winkt drauflos und lächelt zurück in die Gesichter der Menschen, die rechts oder links der Strecke stehen geblieben sind, die einen anlächeln und winken. Sie meinen einen natürlich nicht persönlich, sie meinen den Zug, in dem man unterwegs ist, diesen schlanken Strang rot-schwarz gestrichenen Stahls, der mit tiefem Tschacka-da-tschack und etwas schwerfällig die Schmalspur entlangrollt. Er schafft allerhöchstens 50 Kilometer pro Stunde, aber egal, er ist ja nicht dazu da, Strecke abzureißen, sondern soll den Passagieren einfach in Ruhe das Land zeigen. Und nebenbei zeigt er den Leuten des Landes, dass es weiter vorangeht mit ihrer Heimat. Dass nun endlich wieder – wie früher – ein Zug verkehrt zwischen Ecuadors größter Stadt Guayaquil und der Hauptstadt Quito. Und was für einer! Eine auf Hochglanz polierte Pracht. Unweigerlich staunen, lächeln, winken die Leute, und viele zücken auch ihr Mobiltelefon, um rasch ein Foto zu machen: Sie haben ihn gesehen, den Tren Crucero, den "Kreuzfahrtzug", den neuen Stolz des ecuadorianischen Tourismus.

In Guayaquil, der Hafen- und Millionenstadt am Pazifik, sind wir eingestiegen. Nahebei wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Eisenbahnbau begonnen. Die Verbindung ins 450 Kilometer entfernte Quito galt von Anfang an als patriotische Herausforderung, denn sie sorgte – ab 1908 – für den entscheidenden Brückenschlag zwischen den verfeindeten Regionen Küste und Hochland. Der Bahnhof von Durán am Rande Guayaquils hat nach wie vor nur einen Bahnsteig; viel mehr als die historisch wertvolle Hauptstrecke wurde im Land nämlich nie errichtet. Der Bahnsteig ist frisch gepflastert, die Schalterhalle frisch getäfelt und die Dampflok, eine US-amerikanische Mogul 2-6-0 von 1920, feuerrot frisch gestrichen. Sie dampft schon vor der Abfahrt wichtig vor sich hin, dabei darf sie nur die allererste Etappe anführen. Danach muss sie, weil ihr die nötige Kraft für den späteren Aufstieg in Richtung Anden fehlt, einer ungleich jüngeren Diesellok Platz machen. Viel los ist nicht auf dem Bahnsteig. Der Zug, erst seit Juni in Betrieb, ist nur zu einem Viertel belegt. Kaum 15 Fahrgäste werden aus der Schalterhalle langsam hinüberkomplimentiert in die Waggons – Luxemburger, Schweden, Deutsche, und Ecuadorianer mit Kindern. Im Zug hat jeder einen nostalgisch geschwungenen Polsterstuhl für sich, 52 gibt es insgesamt, verteilt über zwei der vier Waggons. Jeder Stuhl steht am Fenster. Doch sobald der Zug anruckt, ist man wieder auf den Beinen und lässt gleich auch die Bar sowie eineinhalb großzügige Loungebereiche in erdigen Tönen hinter sich, um am Ende des letzten Wagens ans gusseiserne Geländer zu treten, in die Frischluft-, die Rundblick-, die potenzielle Winkzone.

Die erste Viertelstunde rattert der Zug vorbei an Wellblechhütten und notdürftigen Verschlägen aus rohen Planken, in deren Nähe magere Hunde den Müll durchstöbern. Ecuador gehört noch immer zu den ärmeren Ländern Südamerikas, auch das ist von der Plattform aus zu sehen. Dann wird es grüner, der Zug zuckelt an Mango- und Bananenpflanzungen entlang und an riesigen, fast schon grell leuchtenden Reisfeldern; dazwischen stecken bäuerliche Pfahlbauten und eine Schule namens "Welt des Wissens" mit bunt ausgemalten Heldenporträts an der Fassade, von Mutter Teresa über Albert Einstein bis zu Lionel Messi.

Fernando und Victor, unsere beiden jungen Reiseleiter von der staatlichen Eisenbahngesellschaft, in weißem Hemd mit goldenem Namensschildchen, stehen bald auch am Geländer, und Fernando erzählt, wie er einmal, noch vor der Jungfernfahrt des Zuges im Juni, eben hier neben Präsident Rafael Correa stand: "Drei Stunden sollte seine Ausfahrt dauern, aber sie dauerte zwölf Stunden, so viele Hände musste Correa unterwegs schütteln." Man sieht den kernigen Präsidenten, den Führer der selbst erklärten revolución ciudadana, der Bürgerrevolution, gleich lebhaft vor sich, wie er vom fahrenden Balkon aus in die Menge greift. "Das Volk fühlt sich dem Zug sehr verbunden", sagt Fernando nun mit einer geradezu staatstragenden Miene. "Die Orte hier entlang der Strecke haben früher vom Handel gelebt, der über die Schiene lief." Längst reisen die Güter auf Asphalt. Die Erneuerung der Schienen war über Jahrzehnte verschleppt worden, der Personenverkehr praktisch zum Erliegen gekommen, und am Ende hatten die Verwüstungen durch El Niño 1998 weite Teile der Strecke unbefahrbar gemacht. Trotzdem profitiert der neue Zug nun wieder vom früheren Ruf der Eisenbahn als Fortschrittsbringer, und der Populist Correa macht sich dessen Popularität zunutze.