Heizwerk südlich der Gemeinde Büsingen: 1.700 Stunden im Jahr scheint hier die Sonne. © Oliver Killig/Ritter XL Solar GmbH

Wer irgendwo in Deutschland über die Dörfer fährt, kann die schwarz schimmernden Photovoltaikmodule auf vielen Haus- und Stalldächern kaum übersehen. 1,3 Millionen sind es inzwischen landesweit. 28 Milliarden Kilowattstunden haben sie 2012 erzeugt und ihren Besitzern zehn Milliarden Euro eingebracht. Pro erzeugter Kilowattstunde waren das im Durchschnitt 35 Cent. Photovoltaik ist für Investoren ein einträgliches Geschäft, für Stromverbraucher ganz schön teuer. Erst vor Kurzem rief die wenig überraschende Nachricht, dass die Umlage zur Förderung regenerativ erzeugten Stroms im kommenden Jahr weiter steigen wird, öffentliche Empörung hervor. Die Steigerung liegt auch an den vielen Solardächern.

Nur im äußersten Süden des Landes gibt es einen Ort ohne ein einziges Solardach. Auch dort scheint die Sonne, doch die 1.300-Einwohner-Gemeinde Büsingen im Landkreis Konstanz liegt getrennt vom restlichen Bundesgebiet als Deutschlands einzige Exklave in der Schweiz. In Wirtschaftsfragen gelten deshalb schweizerische Gesetze, und die kennen keine garantierte Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbarer Energie. Die Installation einer Photovoltaikanlage wäre deshalb ein Verlustgeschäft. Die Büsinger wollten aber trotzdem mit Solarenergie etwas für den Klimaschutz tun – und haben dafür eine Technologie gewählt, die sich auch ohne Subventionen rechnet: solarthermische Fernwärme. Nach der Komplettüberarbeitung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), welche die künftige Bundesregierung vor sich hat, könnte Büsingen damit zum Vorbild für den Rest Deutschlands werden.

Ein Drittel aller Haushalte des Ortes ist an ein nagelneues Wärmenetz angeschlossen, an den Straßenrändern ist noch der frische Teer zu erkennen, der die Rohrleitungen abdeckt. Versorgt werden sie von einem Heizwerk am Ortsrand. Im Winter wird es mit Holzhackschnitzeln aus den nahen Wäldern befeuert, im Sommer kommt die Energie aus den silbern glänzenden Kollektoren der Solarthermieanlage. Über die Fläche eines Fußballfelds verteilt, stehen sie auf zwei Dutzend nach Süden ausgerichteten Metallständern. "Das Heizungswasser fließt direkt hindurch", erklärt Detlev Seidler vom Hersteller Ritter XL Solar, "einen Wärmetauscher brauchen wir nicht".

Zwei dünne Kupferrohre stecken jeweils in einem doppelwandigen, mit einer Vakuumschicht isolierten Glasrohr. Die Sonnenstrahlung wird von der Außenwand auf eine spezielle Absorberschicht des Innenrohrs gelenkt und heizt die Kupferrohre darin auf. Das Wasser, das hindurchgepumpt wird, transportiert die Wärme in zwei große Speichertanks im Kesselhaus. Die Isolation des gesamten Kreislaufs ist so gut, dass die Solarthermieanlage sogar im Winter einen kleinen Wärmebeitrag liefern kann.

Das Büsinger Rathaus ist wie die Post, die Sparkasse und eine Zahnarztpraxis im gleichen Gebäude an das Wärmenetz angeschlossen. Die Tanks der alten Ölheizung im Haus wurden verschrottet, in dem leer geräumten Kellerraum können die Mieter jetzt ihre Fahrräder abstellen. Bürgermeister Markus Möll ist zufrieden. "Wir sind weg vom Öl und senken gleichzeitig unsere Energiekosten", sagt er, "und wir sind stolz, das ohne Zuschüsse hinbekommen zu haben."

Die neue Anlage erzeugt Wärme, aber keinen Strom – ein weiterer Unterschied zu den meisten Installationen im Rest des Landes. Denn auch das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz, das den Bau von Blockheizkraftwerken fördert, gilt in der Exklave Büsingen nicht. Und ohne Subvention wäre die kombinierte Erzeugung von Elektrizität und Wärme ein Zuschussgeschäft. Ihren Strom beziehen die Büsinger von den Nachbarn – und zahlen dafür ein Viertel weniger als in Deutschland. Schließlich gibt es in der Schweiz keine EEG-Umlage.

Knapp 15 Prozent der jährlich nötigen Heizwärme trägt die Solarthermieanlage in den angeschlossenen Büsinger Haushalten bei. Das klingt wenig, ist es aber nicht: Für Wärme wird rund die Hälfte der gesamten in Deutschland verbrauchten Energie aufgewendet. "Strom steht dagegen nur für 20 Prozent des Endenergieverbrauchs, wird aber diskutiert, als wären es 99 Prozent", klagt der Ingenieur Detlev Seidler. Dabei können Treibhausgasemissionen bei der Wärmeerzeugung einfacher und zu wesentlich geringeren Kosten gesenkt werden als bei der Stromherstellung. Doch im Geltungsbereich des EEG lenken die finanziellen Anreize einen Großteil der Investition in Windkraft und Photovoltaik. So versichert Bürgermeister Möll: "Wären wir keine Exklave in der Schweiz, hätten wir auch in Büsingen auf Strom statt Nahwärme gesetzt."

Eines haben subventionierte Photovoltaik und rentable Solarthermie natürlich gemeinsam: Energie liefern die Anlagen nur, wenn die Sonne scheint. In Büsingen ist das jährlich in gut 1.700 Stunden der Fall, doch ein Jahr hat fast 9.000 Stunden. Selbst im Sommer reicht die Sonnenstrahlung nicht immer, um das Dorf mit Heißwasser zu versorgen. Dann kommt im Heizwerk am Ortsrand der Notkessel zum Einsatz. Und der wird mit Öl befeuert.