Ganz am Schluss des Films Inside WikiLeaks, der vom Kampf des charismatischen Hackers Julian Assange mit den Vereinigten Staaten um die Vorherrschaft in der Datenwelt handelt, lassen die Filmemacher ihre Hauptperson noch einmal zu Wort kommen. Es spricht natürlich nicht der echte Assange, sondern der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch als dessen platinblondes Ebenbild. Gefragt, was er denn von dem WikiLeaks-Film halte, blafft der zurück: "Welcher WikiLeaks-Film? Etwa der, der auf diesen grottenschlechten Büchern beruht? Das ist doch ein Anti-WikiLeaks-Film."

Julian Assange ist ein begnadeter Hasser. Der Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks hasst eigentlich jeden, mit dem er es zu tun hat. Er überwirft sich mit Anhängern, Anwälten, Journalisten, Verlegern. Er hasst die USA, die traditionellen Medien, weil sie mit den Mächtigen paktierten. Und er hasst Daniel Domscheit-Berg, früher sein engster Vertrauter, der ein Buch über WikiLeaks veröffentlicht hat, in dem Assange als bombastischer Egomane beschrieben wird.

Natürlich wütet der echte Assange nun auch gegen den Film Inside WikiLeaks, der im Wesentlichen auf dem Buch von Domscheit-Berg beruht und in der nächsten Woche in die Kinos kommt. Inside WikiLeaks, so schreibt Assange in einem offenen Brief, sei ein Film "der alten Medien über die neuen Medien". Das nun ist allerdings nicht bloß Polemik: Es ist ganz einfach wahr. Leider, muss man sagen.

Der Film beginnt, nach einer kurzen Vorblende auf den dramatischen Höhepunkt, mit einem Versprechen: Wir sehen Höhlenmaler im Feuerschein arbeiten, Hände, die Schrift in Stein hauen, die Gutenberg-Bibel, dann die Zeitungen, wir hören das Klickern von Telegrafen und die krächzenden Stimmen von Präsidenten und Radioreportern, sehen die schlierigen Schwarz-Weiß-Bilder des frühen Fernsehens, und, jetzt schon in der Gegenwart, den Niedergang der Presse, das letzte gedruckte Exemplar der Zeitschrift Newsweek, den Aufstieg des Internets, das sich als hell leuchtendes Netz um den Globus spannt – und alles verändert. In kaum zwei Minuten rafft diese Sequenz die Menschheitsgeschichte der Information zusammen, ihre Brüche, ihre Umbrüche, ihre wahnwitzige Beschleunigung.

Wer das sieht, bekommt eine Ahnung davon, was dieser Film hätte sein können. Ein Film über Daten und Macht, Wissen und Freiheit, über die mitreißende Kraft von Ideen, ein Film, der ins Zentrum der digitalen Revolution zielt, die gerade über uns hinwegrast. Ein Film über einen Schlüsselmoment unserer Zeit, der das Denken befeuert.

Doch Inside WikiLeaks vergisst dieses Versprechen, kaum dass die Eingangsmontage vorbei ist. Der Film findet nie wieder die polemische Kraft, die in dieser Sequenz steckt, er findet nicht einmal die Bilder für das, was er zeigen will. Autor Josh Singer, der mit der Fernsehserie West Wing bekannt wurde, und Regisseur Bill Condon erzählen die Geschichte von WikiLeaks kreuzkonventionell als Beziehungsdrama, als Konflikt zwischen dem großmäuligen Exzentriker Assange und dem braven, blassen, am Ende aber vernünftigen Domscheit-Berg.

Benedict Cumberbatch, dessen Gesicht etwas merkwürdig Maskenhaftes hat, spielt Assange wunderbar zerrissen, mal wölfisch lächelnd, mal brutal abweisend, zwischen höchsten Höhen und tiefsten Depressionen schwankend. Ein Borderliner, in seiner Kindheit schwer beschädigt, ein Lügner und Menschenfänger, absolut überzeugt, nur er allein könne die Lügen der USA aufdecken und die Supermacht vorführen. Fidel Castro habe die Revolution mit einer Handvoll Männern begonnen, sagt dieser Assange im Film, "und Solschenizyn", der Schriftsteller, der das sowjetische Terrorsystem entlarvte, "hatte nicht mal Twitter".

Sein Partner und Gegenüber, Domscheit-Berg, der eigentliche Star des Films, wird gespielt von Daniel Brühl. Er macht das fein, hübsch naiv, man glaubt ihm in jedem Moment, wie er der Faszination Assanges erliegt, wie er alles opfert, Geld, Zeit, fast sogar seine Freundin Anke, die von der hinreißenden schwedischen Schauspielerin Alicia Vikander dargestellt wird. "Assange ist ein manipulatives Arschloch", sagt die einmal, und Daniel, noch ganz im Bann des Charismatikers, erwidert: "Das muss er auch sein." Nur so könne er die Welt ändern.

Doch die Faszination bröckelt, als Domscheit-Berg erfährt, dass WikiLeaks nicht über "Hunderte Freiwillige" gebietet, wie Assange immer wieder behauptet, sondern bloß eine Website hat, technisch nicht mal sonderlich avanciert, dazu ein paar E‑Mail-Adressen und einen betörenden Anführer. Da sehen wir dann ein riesiges Großraumbüro unter freiem Himmel, ein Margritte-artiges Traumbild, und an jedem Schreibtisch sitzt ein Assange-Klon: WikiLeaks, ein Egotrip.

Vollends zerbricht die Freundschaft, als WikiLeaks in den Besitz brisanter Informationen über die US-Kriege im Irak und in Afghanistan kommt. Assange will die Dokumente komplett und unredigiert ins Netz stellen, Transparenz um jeden Preis, da jede Redigatur eine Manipulation sei. Domscheit-Berg hingegen setzt auf eine Kooperation mit der New York Times, dem britischen Guardian und dem Spiegel, die darauf bestehen, das Material gründlich zu bearbeiten und die Quellen zu schützen, um keine Unbeteiligten in Gefahr zu bringen.