Auch der Tod hat in Deutschland ein exaktes Maß. 213 Zentimeter lang, 83 Zentimeter breit und 170 Zentimeter tief muss die Grube werden, die Artur und Jürgen an diesem Morgen schaufeln, abgeschirmt von Rhododendren und im Schutz der frühen Stunde. Auf dem alten, von Wiese überwachsenen Grabplatz M13-377 steht ein Sargbegräbnis an, der Klassiker. Routine für das "Grüfte-Team", um sechs Uhr angerückt mit Bagger, Spaten, Harke. Mit staksigen Schritten läuft Artur, ein junger Mann mit bleichem Nachtgesicht, ein nur für ihn sichtbares Raster auf dem Rasen ab. Er markiert ein Rechteck, hebt den Daumen. Dann lässt Jürgen, ein schnauzbärtiger Schweiger, die Baggerschaufel in den Boden beißen. Gras zerreißt. Mäuse fliehen. Ein Frosch springt in die Büsche. Nach zwanzig Zentimetern winden sich erste Würmer.

"Da kommt noch mehr", sagt Artur und stützt sich auf den Spaten.

Noch mehr? Auf Grabplatz M13-377 liegen Schicksale in Schichten. Eine alte Zink-Urne, die wie ein Blindgänger im Boden schlief – Deckelprägung "Rudolph S..., gest. 27. 5. 1961" – und die jetzt zerplatzt zwischen den Baggerzähnen. Ein Leichenhemd, halb zerfressen. Ein Sarggriff. Und ein Oberschenkelknochen, schwarz wie Kohle. Zentimeter für Zentimeter nagt sich der Bagger durch die Geologie der Generationen, im Verwaltungsdeutsch: immer tiefer hinab in eine "Grabstätte" mit wiederholt "abgelaufenem Nutzungsrecht", "mehrfach wiederbelegt". Alte Tote weichen neuen Toten. Auch die letzte Ruhe währt nicht ewig.

Nach einer halben Stunde sind die Männer unten. Artur streift sich Handschuhe über, lässt eine Leiter in die Grube rasseln, klettert hinunter, gräbt am Grund der Gruft ein kleines Loch, legt Oberschenkelknochen, Leichentuch und Urnensplitter hinein, zieht den Boden glatt und sticht mit dem Spaten die Beißspuren der Baggerschaufel weg. "Damit es nicht so nach Maschine aussieht", sagt er. "Das mögen die Menschen nicht."

In ein paar Stunden, wenn die Trauerzüge auf den Friedhof kommen, wird da das perfekte Loch sein. Eins, das keine Fragen aufwirft. Das wie das erste und einzige auf Erden wirkt. Artur, Jürgen und ihr Bagger werden dann verschwunden sein in den Weiten einer Trost- und Trauerlandschaft, die wie eine dicht bewaldete Insel im Hamburger Hausgrau liegt. Sie werden unsichtbar geworden sein auf einem Friedhof, der mit seinen 391 Hektar Fläche größer ist als New Yorks Central Park, neunmal größer als der Vatikan. Ein grünes Grenzland zwischen Leben und Tod, das bis heute 1,5 Millionen Leichen aufgenommen hat. Ein gigantischer Umschlagplatz zwischen Diesseits und Jenseits, durchzogen von 17 Kilometer Straße, erschlossen von zwei Buslinien mit 24 Haltestellen, gespeist von 78,5 Kilometer Wasserrohren, bestückt mit fünf Notrufsäulen, 700 Schöpfbrunnen und 1300 Friedhofsbänken. Ein Ort, so schaurig-schön, dass die Menschen hier spazieren gehen. Wie zur Beruhigung trägt er einen besonders betulichen Namen: Ohlsdorf.

Wenn morgens die Stadt anspringt, ist die Arbeit auf Europas größtem Friedhof längst angelaufen, wie an einem Fließband, das seit mehr als hundert Jahren Tag für Tag die Toten der Stadt ins Himmelreich befördert. Oder, atheistisch ausgedrückt, unter die Erde. Ohlsdorf ist die letzte, in sattem Grün versteckte Station der Stadtmaschinerie, sie wird geführt von einer Anstalt öffentlichen Rechts und am Laufen gehalten von rund 300 Mitarbeitern: Totengräbern und Tischlern, Steinmetzen und Elektrikern, Gärtnern und Köchen, Hotelfachwirten und Kraftfahrzeugmechanikern, Klempnern und Kaufleuten. Wenn sie im ersten Licht des Tages zur Arbeit angerückt sind, bewegen sie sich auf ihrem eigenen Koordinatennetz, auf Hunderten von Planquadraten von AH 7 über Bp 74 bis ZX 13.

Wer zum ersten Mal nach Ohlsdorf kommt, hat das Gefühl, einen fremden Kontinent zu betreten, auf dem er sich verlaufen kann. Ein Neuankömmling ahnt nicht, dass hier ein Arzt nach Mordopfern sucht, ein Gärtner fingierte Gedenktafeln aufstellt und ein Metallmonster krachend Grabsteine zerkaut – zu unüberschaubar ist das Terrain. Als vor drei Jahren Loki Schmidt gestorben war, schickten die Boulevardzeitungen Reporter los. Auftrag: schon vor der Beisetzung das Familiengrab der Schmidts zu fotografieren. Tagelang irrten sie umher. Fündig wurden sie erst, als das Büro des Altkanzlers der Friedhofsverwaltung erlaubte, den exakten Ort zu nennen.

Ohlsdorf. Dieser Friedhof ist einer wie keiner und doch einer wie alle. Ein einzigartiger Mikrokosmos und zugleich Synonym für des Menschen Umgang mit dem Tod wie mit dem Leben. Ein Friedhof ist steinernes Standbild, hier hinterlässt jede Generation ein Bild ihrer selbst, mal ein kriegerisches, mal ein romantisches, mal ein religiöses, mal ein rationales. Auf jedem Friedhof werden Lebensgeschichten über den Tod hinaus erzählt. Davon, wer die Verstorbenen einmal waren. Und manchmal auch, wer sie gewesen sein möchten.

Ohlsdorf also. Man könnte die Geschichte des menschlichen Daseins hier sehr blutig erzählen, anhand von Kriegsgräbern, Soldatengräbern, Massengräbern, Tätergräbern, Opfergräbern.

Man könnte sie traurig erzählen, wegen all der Kindergräber, der zu früh Geborenen, Misshandelten, Überfahrenen, an Leukämie Gestorbenen, auf deren Grabfeldern Spielzeugautos parken und Windspiele rotieren.

Man könnte sie blitzgewittrig erzählen, am Beispiel der vielen Prominenten, etwa der Schauspieler Hans Albers, Gustaf Gründgens und Inge Meysel, des Malers Philipp Otto Runge, des Schriftstellers Wolfgang Borchert, des Tierparkgründers Carl Hagenbeck oder der Pornodarstellerin Sexy Cora, gestorben bei einer Brustvergrößerung und auf N 7 beerdigt als Carolin Wosnitza.

Man könnte sie bedrückend erzählen wegen der "Vorhalteflächen", zum Beispiel auf Bl 54 und Bq 62, freigehalten für den Fall eines Flugzeugabsturzes, eines Terroranschlags, einer Epidemie, eines nächsten Krieges.