Auch der Tod hat in Deutschland ein exaktes Maß. 213 Zentimeter lang, 83 Zentimeter breit und 170 Zentimeter tief muss die Grube werden, die Artur und Jürgen an diesem Morgen schaufeln, abgeschirmt von Rhododendren und im Schutz der frühen Stunde. Auf dem alten, von Wiese überwachsenen Grabplatz M13-377 steht ein Sargbegräbnis an, der Klassiker. Routine für das "Grüfte-Team", um sechs Uhr angerückt mit Bagger, Spaten, Harke. Mit staksigen Schritten läuft Artur, ein junger Mann mit bleichem Nachtgesicht, ein nur für ihn sichtbares Raster auf dem Rasen ab. Er markiert ein Rechteck, hebt den Daumen. Dann lässt Jürgen, ein schnauzbärtiger Schweiger, die Baggerschaufel in den Boden beißen. Gras zerreißt. Mäuse fliehen. Ein Frosch springt in die Büsche. Nach zwanzig Zentimetern winden sich erste Würmer.

"Da kommt noch mehr", sagt Artur und stützt sich auf den Spaten.

Noch mehr? Auf Grabplatz M13-377 liegen Schicksale in Schichten. Eine alte Zink-Urne, die wie ein Blindgänger im Boden schlief – Deckelprägung "Rudolph S..., gest. 27. 5. 1961" – und die jetzt zerplatzt zwischen den Baggerzähnen. Ein Leichenhemd, halb zerfressen. Ein Sarggriff. Und ein Oberschenkelknochen, schwarz wie Kohle. Zentimeter für Zentimeter nagt sich der Bagger durch die Geologie der Generationen, im Verwaltungsdeutsch: immer tiefer hinab in eine "Grabstätte" mit wiederholt "abgelaufenem Nutzungsrecht", "mehrfach wiederbelegt". Alte Tote weichen neuen Toten. Auch die letzte Ruhe währt nicht ewig.

Nach einer halben Stunde sind die Männer unten. Artur streift sich Handschuhe über, lässt eine Leiter in die Grube rasseln, klettert hinunter, gräbt am Grund der Gruft ein kleines Loch, legt Oberschenkelknochen, Leichentuch und Urnensplitter hinein, zieht den Boden glatt und sticht mit dem Spaten die Beißspuren der Baggerschaufel weg. "Damit es nicht so nach Maschine aussieht", sagt er. "Das mögen die Menschen nicht."

In ein paar Stunden, wenn die Trauerzüge auf den Friedhof kommen, wird da das perfekte Loch sein. Eins, das keine Fragen aufwirft. Das wie das erste und einzige auf Erden wirkt. Artur, Jürgen und ihr Bagger werden dann verschwunden sein in den Weiten einer Trost- und Trauerlandschaft, die wie eine dicht bewaldete Insel im Hamburger Hausgrau liegt. Sie werden unsichtbar geworden sein auf einem Friedhof, der mit seinen 391 Hektar Fläche größer ist als New Yorks Central Park, neunmal größer als der Vatikan. Ein grünes Grenzland zwischen Leben und Tod, das bis heute 1,5 Millionen Leichen aufgenommen hat. Ein gigantischer Umschlagplatz zwischen Diesseits und Jenseits, durchzogen von 17 Kilometer Straße, erschlossen von zwei Buslinien mit 24 Haltestellen, gespeist von 78,5 Kilometer Wasserrohren, bestückt mit fünf Notrufsäulen, 700 Schöpfbrunnen und 1300 Friedhofsbänken. Ein Ort, so schaurig-schön, dass die Menschen hier spazieren gehen. Wie zur Beruhigung trägt er einen besonders betulichen Namen: Ohlsdorf.

Wenn morgens die Stadt anspringt, ist die Arbeit auf Europas größtem Friedhof längst angelaufen, wie an einem Fließband, das seit mehr als hundert Jahren Tag für Tag die Toten der Stadt ins Himmelreich befördert. Oder, atheistisch ausgedrückt, unter die Erde. Ohlsdorf ist die letzte, in sattem Grün versteckte Station der Stadtmaschinerie, sie wird geführt von einer Anstalt öffentlichen Rechts und am Laufen gehalten von rund 300 Mitarbeitern: Totengräbern und Tischlern, Steinmetzen und Elektrikern, Gärtnern und Köchen, Hotelfachwirten und Kraftfahrzeugmechanikern, Klempnern und Kaufleuten. Wenn sie im ersten Licht des Tages zur Arbeit angerückt sind, bewegen sie sich auf ihrem eigenen Koordinatennetz, auf Hunderten von Planquadraten von AH 7 über Bp 74 bis ZX 13.

Wer zum ersten Mal nach Ohlsdorf kommt, hat das Gefühl, einen fremden Kontinent zu betreten, auf dem er sich verlaufen kann. Ein Neuankömmling ahnt nicht, dass hier ein Arzt nach Mordopfern sucht, ein Gärtner fingierte Gedenktafeln aufstellt und ein Metallmonster krachend Grabsteine zerkaut – zu unüberschaubar ist das Terrain. Als vor drei Jahren Loki Schmidt gestorben war, schickten die Boulevardzeitungen Reporter los. Auftrag: schon vor der Beisetzung das Familiengrab der Schmidts zu fotografieren. Tagelang irrten sie umher. Fündig wurden sie erst, als das Büro des Altkanzlers der Friedhofsverwaltung erlaubte, den exakten Ort zu nennen.

Ohlsdorf. Dieser Friedhof ist einer wie keiner und doch einer wie alle. Ein einzigartiger Mikrokosmos und zugleich Synonym für des Menschen Umgang mit dem Tod wie mit dem Leben. Ein Friedhof ist steinernes Standbild, hier hinterlässt jede Generation ein Bild ihrer selbst, mal ein kriegerisches, mal ein romantisches, mal ein religiöses, mal ein rationales. Auf jedem Friedhof werden Lebensgeschichten über den Tod hinaus erzählt. Davon, wer die Verstorbenen einmal waren. Und manchmal auch, wer sie gewesen sein möchten.

Ohlsdorf also. Man könnte die Geschichte des menschlichen Daseins hier sehr blutig erzählen, anhand von Kriegsgräbern, Soldatengräbern, Massengräbern, Tätergräbern, Opfergräbern.

Man könnte sie traurig erzählen, wegen all der Kindergräber, der zu früh Geborenen, Misshandelten, Überfahrenen, an Leukämie Gestorbenen, auf deren Grabfeldern Spielzeugautos parken und Windspiele rotieren.

Man könnte sie blitzgewittrig erzählen, am Beispiel der vielen Prominenten, etwa der Schauspieler Hans Albers, Gustaf Gründgens und Inge Meysel, des Malers Philipp Otto Runge, des Schriftstellers Wolfgang Borchert, des Tierparkgründers Carl Hagenbeck oder der Pornodarstellerin Sexy Cora, gestorben bei einer Brustvergrößerung und auf N 7 beerdigt als Carolin Wosnitza.

Man könnte sie bedrückend erzählen wegen der "Vorhalteflächen", zum Beispiel auf Bl 54 und Bq 62, freigehalten für den Fall eines Flugzeugabsturzes, eines Terroranschlags, einer Epidemie, eines nächsten Krieges.

Selbst der Tod garantiert kein zeitlos sicheres Geschäft mehr

Man könnte sie skurril erzählen, anhand der Kupferdiebe, die hier Statuen stehlen, anhand der Hamburger Vermessungstechniker, die auf den schnurgeraden Alleen ihre Infrarotgeräte justieren, anhand des Biologen, der seit einem Jahr die Bäume zählt und noch nicht weit gekommen ist. Oder anhand der Rehe, Füchse, Uhus, Graugänse, Steinmarder, Baumfalken, Mauswiesel, Pelzbienen, Eisvögel, Gelbhalsmäuse, Grabwespen, Eichenzipfelfalter und sieben Fledermausarten, die zwischen den Toten ein prächtiges Leben führen.

Man könnte sie soziologisch erzählen, weil in der Friedhofswelt von Ohlsdorf klar wird, zu welcher Zeit die Menschen untereinander welche Trennlinien gezogen haben. Hier liegen die Toten mal sortiert nach Herkunft: die Chinesen beispielsweise auf Bp 68 und die Schweizer auf L 14–15. Mal nach Religion: die Mitglieder der einstigen iranisch-mohammedanischen Gemeinde auf X 19 und die Anhänger des alten persischen Glaubens der Bahá’í auf Bo 72. Mal nach Beruf: die Seemänner auf Bi 58 und die Bürsten- und Pinselmacher auf V 14.

Man muss sie jetzt aber hochaktuell erzählen, anhand der im ersten Moment verwunderlichen Meldung, dass selbst der Tod kein zeitlos sicheres Geschäft mehr garantiert. Deutschlands Friedhöfe sind nicht mehr ausgelastet, auch Ohlsdorf ist es nicht. Das Fließband gerät ins Stocken. Weil eine schrumpfende Gesellschaft immer weniger Tote hergibt. Weil sich einige Menschen – im Zeitalter der Individualisierung – nicht mehr nach dem Raster der Reihengräber richten wollen. Und weil andere am liebsten spurlos verschwinden möchten, jedenfalls preiswert und pflegeleicht.

Auf Planquadrat N 4, im barockprächtigen Verwaltungsgebäude, das wie ein kolonialer Regierungssitz am Westtor von Ohlsdorf liegt, reden die Friedhofsmanager schon von "Belegungsproblemen" und "Überhangflächen": ungenutztes Friedhofsland – schön, aber nutzlos wie ein unbestellter Acker. Die Branche trifft sich zu Krisenkongressen, Stadtkämmerer streichen Zuschüsse, Immobilienmakler hoffen auf Bauland mitten in den Städten.

Sogar ein Friedhof kann mal sterben. Denn zum Leben braucht er Tote.

Die Furcht der Friedhöfe vor dem eigenen Ende: In Ohlsdorf liegt sie gut versteckt unter viel Pathos und Patina, wird überstrahlt von Superlativen und Reiseführer-Ruhm. Wer hört schon, wenn Artur und Jürgen morgens beim Blick auf ihren Laufzettel sagen: "Heute nur sieben Särge?" Wer sieht schon, wie sich der Geschäftsführer fast täglich die Zahlen bringen lässt. Und wer kann wissen, dass sie in Ohlsdorf deshalb den Friedhof der Zukunft planen, ein ziemlich lebensfrohes Totenreich namens "Ohlsdorf 2050", von dem noch die Rede sein wird.

Doch jetzt, im Oktober des Jahres 2013, hat im Keller des Krematoriums, auf Planquadrat V 3, der Amtsarzt Doktor Otto Seibel seinen lindgrünen Kittel zugeknöpft, Plastikhandschuhe über die Finger gezogen und die Kühlräume betreten. Eine weiß gekachelte Welt unter einem Himmel aus Neonlicht, an den Wänden Metallregale mit Schubfächern voller Särge. Die Luft gesättigt vom Geruch einsetzender Verwesung, ein Mix wie aus Schweiß, Kot und Bittermandel, bedampft mit Zitrusduft aus Parfümspendern.

Das Krematorium ist ein himmelwärts strebender Backsteinbau mit einem Schornstein, so kolossal wie ein Kirchturm, ganz oben eine Uhr und drei Wörter in Gold. "EINE VON DIESEN". Eine Mahnung an die Menschen, die draußen durch die Straßen hasten: Eine von diesen Stunden auf der Uhr wird für jeden irgendwann die letzte sein.

Die Einäscherung. Es gibt kein besseres Beispiel dafür, wie steter Wertewandel etwas zeitverzögert immer den Umgang mit dem Tod verändert: Was heute als hygienisch und pragmatisch gilt, war lange als vorgezogenes Fegefeuer verrufen und später als Bestattung zweiter Klasse verschrien. Die katholische Kirche schloss erst 1963, auf dem 2. Vatikanischen Konzil, ihren Frieden mit der Kremation. Inzwischen ist der Anteil der Einäscherungen in Deutschland von 0,02 Prozent im Jahr 1900 auf mehr als 50 Prozent gestiegen. Im Hamburg liegt er bei 73 Prozent, in Berlin bei 80, in Rostock um die 90. Und weil die Bestattungsgesetze bis zu acht Urnen auf jener Fläche erlauben, die früher mal ein Sarg einnahm, schrumpfen die Friedhöfe immer schneller.

Die Bestatter bringen die Toten meist in der Nacht, stille Zulieferer in schwarzen Wagen. Ein Wink mit der Chipkarte, und automatisch schwingen die Türen zu den fünf Grad kalten Kühlräumen auf. Letzte Wartesäle vor dem endgültigen Verschwinden. Buchten für 150 Leichen. Darunter acht "Tiefkühlplätze", etwa für Fälle, in denen sich keine Angehörigen finden oder Kinder ungeliebter Eltern ewig darum streiten, wer die Einäscherung bezahlen soll.

Im Kühlraum Nummer zwei stemmt sich Doktor Seibel ein Klemmbrett voller Totenscheine in den Bauch und lässt seinen Kugelschreiber klicken, als spanne er einen Revolver. Vor seinen Augen öffnen zwei Krematoriumsmitarbeiter fünf Särge. Ein Quietschen, ein Knarren, ein Blick auf das Ende. Gesichter wie wächserne Masken. Drei Männer und zwei Frauen starren ins Nichts, spitznasig, gelbhäutig, mit offenen Mündern. Vier von ihnen liegen in Inkontinenzwindeln, zwei haben Kanülen im Arm. An ihren Knöcheln hängen noch die Namensbänder aus dem Krankenhaus. Sie wirken, als seien sie im Sterben geschrumpft. Da ist viel Haut für wenig Körper.

Im kalten Fleisch der Toten tastet Seibel nach Knochenbrüchen, hebt Beine und Arme, sucht nach Stichwunden, Schnitten, Dekubitusgeschwüren. Der Arzt zieht eine Pinzette aus der Brusttasche und hebt die Augenlider der Toten an. "Ein Erstickungstod lässt Blutungen im Auge zurück", murmelt er, "auffällig rosafarbene Haut könnte Folge einer Vergiftung sein." Bevor ein Mensch verbrannt wird, Hinweise auf Verbrechen für immer verglühen, schickt das Kriminologische Institut stets einen Experten zur zweiten amtsärztlichen Untersuchung vorbei. Seibel arbeitet schnell und weitgehend stumm. Augen, Hals, Rücken, Unterleib. Im Durchschnitt eine verdächtige Leiche pro Monat holt er sich zum Sezieren ins Institut. Manchmal werden Verfahren wegen Vernachlässigung daraus, hin und wieder Mordprozesse. Heute brummt Seibel nur Diagnosen wie "herzkrank" oder "Alkoholiker", macht Haken auf Haken unter die Totenscheine, lässt den Kugelschreiber klicken und verabschiedet sich mit knappem Nicken. Die Männer vom Krematorium streifen den Leichen silbrig schimmernde Totenhemden über und schließen die Särge.

Am Ende des Flures bullern die Öfen. Dahinter vibriert ein Filtersystem, ein fauchendes Röhrenwesen, das Staub schluckt und Ruß frisst, damit über der Stadt kein schwarzer Rauch aufsteigt.

Wer hinter die Kulissen von Ohlsdorf blickt, lernt schnell: Friedhöfe sind illusionäre Orte. All das Verwesen und Vergehen verhüllen sie mit einer Decke aus blühendem Leben. Jahr für Jahr pflanzen die Gärtner von Ohlsdorf 270.000 Stiefmütterchen und 266.000 Begonien. Mit all den Blumen, Kapellen und Engelsstatuen geben Friedhöfe ein Ewigkeitsversprechen. Sie wirken, als seien sie von jeher da und würden für immer bleiben.

Dabei sind sie eine ziemlich neue Idee.

In der Antike war "Totenfürsorge" Angelegenheit der Familie. Die Reichen bauten ihren Ahnen Mausoleen, Etrusker, Griechen und Römer hinterließen steinerne Totenstädte, Nekropolen. Die Armen wurden in Sandgruben verscharrt, in ausgetrockneten Brunnen entsorgt, verschwanden namenlos in Massengräbern. Das änderte sich in Europa erst, als christliche Gemeinden den Rang der Familie einnahmen und ihre Toten auf den Kirchhöfen begruben. Was blieb, waren die engen Grenzen der Konfessionen. Wohin mit den Ungläubigen? Den Fremden? Erst im Zuge der Aufklärung trauten sich die Menschen, die Deutungshoheit der Kirchen über den Tod zu hinterfragen, begannen die Städte, kommunale Zentralfriedhöfe anzulegen, die jedem Platz boten. In seinem Buch Ruhe sanft, einer Art Standardwerk der Friedhofsliteratur, schreibt der Kunsthistoriker Reiner Sörries: "Dass jedermann ohne Ansehen der Person, des Geschlechtes, der Volks- oder Kirchenzugehörigkeit Anspruch auf ein eigenes Grab besitzt, ist eine Errungenschaft der Neuzeit."

Für jeden soll Platz sein, im Tod sind alle gleich

Als am 1. Juli 1877 der Ohlsdorfer Friedhof eröffnet wurde – damals weit außerhalb der Stadt –, war es kein Zufall, dass auf Planquadrat U 9 zuerst ein mittelloses Tuberkulose-Opfer aus dem Stadtteil St. Georg beerdigt wurde: die Tischlerfrau Eva Maria Stülken, geborene Luegerbauer, gestorben mit 39 Jahren und seither Laufende Nummer 1 auf Seite 1 in Band I des Ohlsdorfer Grabkatasters.

All die Grabfelder der Chinesen und Schweizer, der Muslime und Bahá’í, der Seeleute und Bürstenmacher, sie sind nicht trennend gemeint, sondern einigend. 1995 wurde eine regenbogenbunte Grabstätte für Aids-Tote geschaffen, als noch kein Mittel gegen die Krankheit gefunden war und vor allem Homosexuelle an ihr starben, oft von ihren Partnern verlassen und von ihren Familien verstoßen.

Für jeden soll Platz sein, im Tod sind alle gleich. Das ist das Ohlsdorfer Gründungsmantra.

Und heute ein Problem.

Im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes, auf Planquadrat N 4, räuspert sich Wolfgang Purwin die Anspannung aus der Kehle und strafft sich, als stünde eine Bilanzpressekonferenz bevor. Purwin ist ein schlanker Mann von Mitte 60, Schwimmer, Anzugträger und Geschäftsführer der Hamburger Friedhöfe AöR, der Boss von Ohlsdorf also – kein Maschinist, sondern ein Diplom-Kaufmann, der, wenn es ums Sterben geht, von "Kernmärkten" und "Marktanteilen" spricht, von "Quoten" und "unique selling points" . Und von der "schwarzen Null", die Hamburg am Ende jedes Jahres von ihm sehen will.

Die schwarze Null, sie ist das Wunschergebnis am Ende einer komplizierten Kette von Zahlen. 4399 Tote haben sie im vergangenen Jahr in Ohlsdorf beigesetzt, 3,3 Prozent weniger als im Jahr davor, in dem es auch schon 3,9 Prozent weniger waren als noch ein Jahr früher, das wiederum 1,3 Prozent schlechter war als das vorangegangene. Es ist ein Rätsel: Seit 40 Jahren pendelt die Einwohnerzahl der Stadt da draußen um die 1,7 Millionen, ist zuletzt sogar gestiegen – aber die Zahl der Sterbenden sinkt! Von 26 099 im Jahr 1975 auf 17 012 im Jahr 2012. Die Ursachen dafür sind nicht ganz klar: Klafft in der Rentnergeneration immer noch eine "Kriegskerbe", weil Männer, die heute sterben könnten, schon als Soldaten gefallen sind? Oder liegt es eher daran, dass die Leute länger leben? Aber müssten dann nicht längst Kohorten jener Jahrgänge sterben, die früh damit angefangen haben, länger zu leben? Ein Grund ist auch: Die Menschen ziehen jung in die Stadt. Wenn sie alt werden, wandern sie ins Umland ab und sterben dort.

Manchmal, wenn die Toten ausbleiben, ruft Purwin bei den Bestattern an und fragt, wie es bei denen aussehe. "Wenn ich dann höre: ›Hier hat seit Wochen das Telefon nicht mehr geklingelt‹ – dann weiß ich wenigstens, es liegt nicht an uns."

Das ist die Lage. Mit fast 50 anderen Friedhöfen in der Stadt ringt Purwin um die Toten wie um einen seltenen Rohstoff. Und seit Kurzem ist da ja noch dieses neue Problem, das Purwin natürlich "Herausforderung" nennt.

Die Mitglieder der Multioptionsgesellschaft möchten sich nicht mehr dem schematischen Schachbrettmuster der Friedhöfe fügen. Lust und Last, das eigene Leben zu gestalten, sind mit dem Tod nicht passé. Die Menschen legen ihr Schicksal nicht mehr in Gottes Hand, sie planen ihre Trauerfeiern selbst. Die ökologisch Gesinnten wollen nicht unter kleinbürgerlicher Bepflanzung enden, Esoteriker lassen ihre Asche aus Heißluftballons verstreuen, Bergsteiger auf Alpengipfeln. Fans des Hamburger SV können sich direkt am Stadion begraben lassen. Heimatvertriebene lassen ihre Urnen von der Firma HanSeeArt bis in die polnische Ostsee fahren und GPS-genau über torpedierten Flüchtlingsschiffen wie der Gustloff versenken.

Anders als in der Schweiz, wo man die Asche seiner Verwandten zu Diamanten pressen lassen kann, gilt in Deutschland nach wie vor die Friedhofspflicht. Doch die Definition dessen, was ein Friedhof ist, wird in den Gesetzen immer weiter gefasst. Vor gut zehn Jahren hat bei Kassel der erste privat betriebene "Friedwald" eröffnet, ein Forst voller Urnen. Mittlerweile finden sich in allen Regionen "Ruhewälder" und "Ruheforste", manche empfohlen von Greenpeace und dem WWF.

Wolfgang Purwin hat kein Meer und keinen Forst. Zwischen all den alternativen Bestattungsformen ist sein Friedhof auch nur noch eine Option. Noch ist der Trend überschaubar, getragen von einer selbst empfundenen Avantgarde, aber Purwin muss aufpassen, dass ihm die gesellschaftliche Mitte nicht wegbricht und ihm am Ende vor allem die Sparsamen, Kniepigen und tatsächlich Armen bleiben. Fast ein Viertel der Menschen entscheidet sich für die anonyme Urnenbestattung für 849 Euro, der Geschäftsführer nennt sie in seiner Verkäuferfreundlichkeit "sehr kostenbewusste Kunden". Keine Feier, kein Grabschmuck, kein Stein, kein Name, kein konkreter Ort zum Trauern für die Nachkommen. Inzwischen reihen sich auf drei anonymen Grabfeldern mehr als 40.000 Urnen, neuerdings biologisch abbaubar. Ein komplettes Stadionpublikum, dicht an dicht sortiert wie in einem unterirdischen Eierkarton.

Wer braucht im Zeitalter der Umzugsbiografien noch ein sorgsam gepflegtes Grab? Wer kommt überhaupt noch zum Trauern auf den Friedhof einer Stadt, in der in jedem zweiten Haushalt ein Single lebt?

Purwin hat in den vergangenen Jahren 120 Stellen gestrichen, Bagger und Computer gekauft. Er hat das Krematorium ausgegliedert, zu einer GmbH umgebaut und den Mitarbeitern dort einen Haustarifvertrag abgerungen, ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld. Friedhofsstill ging das vonstatten, denn Purwin steht unter dem Zwang, seine Anstalt wirtschaftlich zu führen, ohne es wirtschaftlich aussehen zu lassen. Doch Sparen allein wird nicht reichen.

Er muss die Abwanderung der Seelen stoppen.

In den Öfen des Krematoriums brennen mittlerweile die von Amtsarzt Seibel freigegebenen Leichen. Gut eine Stunde lang zehren die Flammen bei rund 900 Grad die Leiber auf. Erst brennt der Sarg und entzündet die Haare. Dann verflüssigt sich das Körperfett zu Öl und zerkocht das Fleisch. Muskeln verkohlen. Am Ende bleiben Ascheflocken, ein paar Knochen und künstliche Hüftgelenke.

"Alles in allem vier bis fünf Kilo", sagt Krematoriumsleiter Sandy Sven Voigt, der mehr als 20 Jahre lang Altenpfleger war und Wert legt auf die Feststellung, dass sich die Menschen sogar noch im Feuer unterschiedlich verhalten. "Was du zu Lebzeiten gelebt hast, erlebst du auch im Tod", sagt Voigt und erzählt, dass die zähen Drahtigen oft länger brennen als gemütliche Dicke. Und dass Krebskranke in den Öfen häufig ihr allerletztes Martyrium durchlaufen: "Nach langer Chemotherapie sind deren Körper fast feuerfest. Die brauchen doppelt so lange."

Voigt ist ein beinahe zierlicher Mann mit Ziegenbart, er bezeichnet sich als esoterisch und lässt nicht unerwähnt, dass er zu Hause Hühner hält und nur selbst angebautes Gemüse isst. Unter dem Röhrenhimmel des Krematoriums bewegt er sich gestikulierend wie ein Showmaster. Die Rolle des Sonderlings, die in der Welt der Lebenden fast jedem Friedhofsangestellten anhaftet, hat er mit Freuden angenommen, weil sich der Gesellschaft aus dieser Position am besten der Spiegel vorhalten lässt. Zum Beispiel: all der Zivilisationsschrott, den sie bei ihm ablädt! "Der Mensch ist eines der wenigen Tiere auf der Erde, die am Ende der Nahrungskette stehen", sagt Voigt, "bei ihm sammelt sich alles." Quecksilber, Antibiotika, Pestizide, Weichmacher. In den Filtern des Krematoriums finden sich immer mehr Dioxine und Furane. Die Rückstände lässt Voigt unterirdisch verklappen, in einem stillgelegten Bergwerk. Als Sondermüll.

Das Geschäft mit dem Sterben ist längst ein freier Markt mit Kampfpreisen

Aber auch Schätze finden sich hin und wieder unter den Toten. Als vor drei Jahren aufflog, dass Krematoriumsangestellte in der Außenstelle Öjendorf jahrelang Goldzähne aus der Asche klauben konnten, hatte die Stadt ihren Skandal. Die "Goldjungs" wurden entlassen, und Voigt wurde der neue Chef.

"Ich würde mich freuen, wenn wir den Tod zum Anlass nähmen, das Leben des Verstorbenen noch einmal zu feiern", sagt Voigt. Er wünsche sich prächtige Feste, freue sich über jeden von Enkeln bemalten Sarg. Ausgerechnet ganz unten im Maschinenraum der Menschenbeseitigungsanlage arbeitet ein Beinahephilosoph, der gegen eine Entsorgungskultur wettert, in der die Lebenden ihre Toten möglichst schnell und billig beseitigen lassen wollten. Viel zu oft und viel zu schnell, sagt Voigt, verwandele sich Trauer in Habgier, "weil die Hinterbliebenen das Erbe schon vor dem Begräbnis als ihres betrachten".

Dazu kommt, dass das Geschäft mit dem Sterben längst ein freier Markt mit Kampfpreisen geworden ist: Vor einigen Jahren wurden rund um Hamburg private Krematorien gebaut, einige in Gewerbegebieten. Wer es noch billiger will, lässt die Toten zum Verbrennen nach Polen oder Tschechien fahren. Angehörige können Angebote einholen und Aufträge vergeben: Einäschern in Polen, Bestatten in Ohlsdorf, alles geht. Immer öfter werden bei Voigt Leichen in billigsten Importsärgen aus Rumänien angeliefert. "Pressspan, einen Zentimeter dünn, sofort verbrannt." Dann liegt die Leiche nackt im Ofen, ohne Holz, ohne Hitze, ohne Würde vor allem, und Voigts Männer müssen den Gasbrenner ganz weit aufdrehen.

Schwer zu sagen, ob da nur ein ehemaliger Monopolist sein verlorenes Monopol beklagt oder ob eine Geiz-ist-geil-Gesellschaft begonnen hat, ihre Bestattungskultur kaputtzusparen.

An einem der Herbsttage, an denen der Himmel über Hamburg schwer an grauen Wolken trägt, zerren zwei Männer eine Rollkarre über Planquadrat W 17: Torsten Herbst, der Landschaftsarchitekt von Ohlsdorf, und Rainer Franz, ein Steinmetz. Auf ihrer Karre liegt ein Kissenstein, ein Grabstein also, der nicht hochkant steht, sondern flach auf der Erde liegt. Nicht so wuchtig, ohne Schnörkel, sehr gefragt gerade. In den hellen Adria-Marmor ist ein Name gemeißelt: FIETE CLAUSEN. Darunter ein Geburtsdatum: 9. 8. 1922. Herbst und Franz tragen den Stein unter einen jungen Apfelbaum.

"Hierhin?", fragt Franz.

"Bisschen weiter links", sagt Herbst.

"So?", fragt Franz.

"Jetzt liegt er schief", sagt Herbst.

Sie sind keine Männer vieler Worte, eher des kargen "nu ja ...", wie so viele in den Weiten von Ohlsdorf. Es bleibt offen, ob ihre Verschwiegenheit sie zum Friedhof brachte oder ob erst der Friedhof sie verstummen ließ. Herbst gibt mit peilenden Blicken Anweisungen wie ein Bildhauer. Franz hebt, senkt und schiebt. Dann ruht Fiete Clausens Stein sorgsam austariert in der Waagerechten. Dabei wird Fiete Clausen hier nie liegen. Fiete Clausen gibt es gar nicht. Denn der Marmorblock ist kein Grabstein, eher ein Grundstein. Für das neue Ohlsdorf.

Ein Jahr lang hat Herbst, der Landschaftsarchitekt, am "Apfelhain" gearbeitet, einem modernen Grabfeld mit 89 Urnen- und elf Sarggräbern unter sechs Apfelbäumen. "Baumbezogene Grabstätten sprechen die Leute unglaublich an", sagt er. Fiete Clausen ist sein imaginärer Werbeträger. Wann immer Spaziergänger das Grab entdecken, sollen sie denken: Schön hat der’s! In den nächsten Tagen wird der Kommunikationschef des Friedhofs – auch den gibt es – sogar eine Mitteilung mit spezieller Bibelauslegung verschicken: "Die Anlage ist inspiriert durch den Apfel als christliches Sinnbild der Weisheit und Erkenntnis sowie die östliche Vorstellung, dass der Apfelbaum mit dem Zauber seiner Blüte Schönheit und Frieden transportiert. Darüber hinaus – als Verweis auf die Hoffnung – wird im Eingangsbereich das Luther-Zitat zu lesen sein: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen."

Wer hätte das gedacht: Ein Grab muss heute beworben werden wie Waschmittel. Was für Ariel Klementine war, könnte für Ohlsdorf Fiete Clausen werden. Regelmäßig diskutieren sie hier in "Vertriebsrunden" solche Fragen: Wie antworten wir auf den Boom der Baumgräber draußen? Sollten wir was mit Bambus anbieten? Wie reagieren wir darauf, dass Eltern glauben, ihren Kindern keine Grabpflege mehr aufbürden zu können?

So wie Volkswagen nicht mehr nur mit dem Golf auskommt, hat Ohlsdorf mittlerweile zielgruppengenau zugeschnittene "Themen- und Konzeptgrabstätten" im Programm: überbordende Schmetterlingsgärten. Romantische Rosenhaine. Mediterrane Kolumbarien, in denen Urnen in Vitrinen stehen. Paaranlagen. Und in einer Ecke mit besonders knorrigen Bäumen eben auch einen Ruhewald. "Für den lehrergewordenen Grünen", wie der Kommunikationschef sagt. Und selbstverständlich "pflegefrei" für die Angehörigen.

In den Gebührenlisten von Ohlsdorf ist jetzt von "Standard", "gehobenem Standard" und "herausgehobenem Niveau" zu lesen, die Spanne reicht von 849 bis 6250 Euro, vom Billig- bis zum Premiumgrab. Der moderne Volksfriedhof macht nicht mehr alle gleich, sondern bietet jedem etwas anderes.

So liefern sich die Manager von Ohlsdorf einen Wettlauf mit dem Zeitgeist – aber der stellt immer schneller immer neue Fragen. Die aktuellste ist so kalt und dunkel wie ein Grab: Braucht Trauer überhaupt noch einen realen Ort?

Im Internet haben Onlinefriedhöfe mit Namen wie "Stayalive" und "Straße der Besten" eröffnet. Dort bleiben die Toten auf Fotos und Filmen lebendig, und ihre Angehörigen können virtuelle Kerzen entzünden, egal, wo auf der Welt sie gerade sind. Der Markt macht alles möglich: vom totalen Entschwinden per Rakete ins All bis zum dauernden Dableiben in der Schmuckurne über dem Fernseher daheim – mit einem nicht ganz legalen Umweg über Schweizer Krematorien.

Welcher dieser Wege die Trauer erschwert und welcher sie erleichtert, darüber wird heftig gestritten. Auf einmal stellen sich ganz neue Fragen: Darf ein Verstorbener völlig verschwinden? Gehört er nur sich selbst? Oder den Hinterbliebenen? Oder gar der ganzen Gesellschaft?

Der Kunsthistoriker Sörries glaubt, die Privatisierung des Todes habe auch Nachteile. Er erklärt das am Beispiel des zum Erinnerungsdiamanten gepressten Gatten, der fortan am Hals der Witwe baumelt: Es gebe dann "keinen Trauerort für potenziell Trauernde außerhalb des Familienkreises, es kann zu Streitigkeiten innerhalb der Familie führen, und die trauerpsychologischen Konsequenzen einer zu großen Nähe zwischen Toten und Lebenden sind nicht bedacht".

Der Friedhof ist kein Fenster ins Jenseits, sondern ein Spiegel des Diesseits

In Ohlsdorf sagen sie natürlich: Genau die richtige Halbdistanz zwischen Toten und Lebenden biete ein Friedhof. Der Ort eben, an dem langsam Gras drüber wächst.

An einem Dienstagmorgen gleitet ein Bus über die zentrale Friedhofsallee, hinter den Fenstern 29 Männer und Frauen, vorwiegend in Rentnerbeige, unterwegs auf einer "Rundfahrt zu besonderen Anlagen". Vorne am Mikrofon sitzt Anja Wiebke, laut Visitenkarte "Leiterin Marketing und Vertrieb", erzählt mit Frühstücksfernsehfreundlichkeit von den 212.000 "aktuell aktiven Grabstätten" – und leitet dann über zu den Baumgräbern auf Bl 58, die wie zufällig am Weg liegen und der erste Stopp auf der Tour sind.

Die Rentner steigen aus, laufen ein paar Meter über knackende Eicheln und stehen dann wie eine Schulklasse vor der Marketingfrau, die ihnen die Idee der Themengrabstätten erläutert. Kein einziges Mal an diesem Tag spricht Wiebke vom "Sterben", immer nur vom "Gehen". Das Rauschen der Bäume nennt sie "Konzert für die Ewigkeit". Als die Rentner zurück in den Bus klettern, liegt auf jedem Sitz eine Mappe mit Friedhofsplan, Gebührenblatt und Kugelschreiber.

Zwei Stunden lang rollt der Bus über den Friedhof, von der Schmetterlingsgrabstätte auf Bn 71 über den Ruhewald auf Bx 64 bis zum Apfelhain auf W 17, wo Fiete Clausen bereits einen Platz blockiert zu haben scheint. Zwischen Buchs- und Eibenhecken stecken moosgrüne Schilder mit der Aufschrift: "Weitere Informationen, auch über die Möglichkeit einer Reservierung, erhalten Sie im Beratungszentrum und unter 040/593880."

Vielleicht haben die Leute sich unter der vagen Bezeichnung der Tour etwas anderes vorgestellt, womöglich wollten sie lieber Prominentengräber gucken, aber niemand beschwert sich über die Verkaufsfahrt. Es gibt zu viele Gräber, auf denen schon die eigenen Geburtsjahrgänge stehen. 1930, 1938, 1942. Der Mensch wird demütig im Angesicht des Todes. Mit der Nervosität von Prüflingen fragen die Rentner nach: "Einäscherung ist im Preis dabei? ... Ist das hier für Särge schon ausgebucht? ... Wo muss ich mich noch mal melden, wenn ich mich dafür interessiere?"

In Ohlsdorf haben die Planer inzwischen ein Vorsorge-Center eröffnet, das aussieht wie der Kundenberatungsbereich einer Sparkasse. Auf Besprechungsinseln können die Leute in bunt bebilderten Katalogen blättern und ihr Traumgrab reservieren, auch den Wochentag ihrer eigenen Beerdigung festlegen. Das ist der "unique selling point", von dem Geschäftsführer Purwin sprach.

Als der Tross zum letzten Mal zum Bus läuft, läuft am Ende der Gruppe ein Ehepaar, beide schon gebeugt von vielen Jahren.

"Die haben sich ganz schön was einfallen lassen", sagt sie.

"Jau", sagt er.

"Ich könnte glatt sterben", sagt sie.

"Das lass mal", sagt er.

Das Tabu, das so lange den Tod umzäunte – es wird eingerissen auch vom Inneren der Friedhöfe aus. Sie wecken jetzt Nachfrage durch ein Angebot, das fast so schnell wechselt wie die Saisonware in den Modeboutiquen. Im Krematoriumskomplex hat ein Restaurant eröffnet, damit die Trauernden auch zum Leichenschmaus auf dem Gelände bleiben. Noch bleibt der Friedhof seinem Kerngeschäft treu, aber die Chefs planen ja längst "Ohlsdorf 2050": Ein Café in zentraler Lage, auf Planquadrat Y 41? Sehr wahrscheinlich. Ein Fahrradverleih? Gut möglich. Ein Kinderspielplatz? Bestimmt. Ein Hochseilgarten? Eher nicht. Ein Joggingpfad? Schon eher. Eine Freilichtbühne für Konzerte? Gute Idee.

Die Manager arbeiten mit Hochschulen zusammen, studieren Stadtparkstrukturen und Spielplätze. In ihren Schubladen liegen erste Pläne, detaillierte Skizzen, auf denen Ohlsdorf von einem neuen Nutzungsnetz überspannt ist.

Wenn überall Wälder zu Friedhöfen werden, kann sich ein Friedhof dann nicht auch in ein Freizeitland verwandeln? Hätte die Spaßgesellschaft damit auch noch die Welt der Friedhöfe erobert? Oder rückten Leben und Tod endlich wieder näher zusammen?

Die taunassen Wiesen sind überspannt von Spinnennetzen, als Anne-Katrin Kirch und Wolfgang Haack auf Planquadrat AF 26 zum letzten Arbeitsgang aufbrechen, dorthin, wo das Fließband der Friedhofsmaschine Ohlsdorf ausläuft.

Die beiden sind seit Jahrzehnten Gärtnermeister auf dem Friedhof. Kirch ist groß, grauhaarig und schlank, Haack folgt ihr tapsig wie ein Bär. Sie hat eine Spraydose dabei, er trägt eine schwere, schwarze Kladde. Sie gehen "punkten": abgelaufene Gräber mit einem grellgrünen Stoß aus der Dose markieren, als Zeichen für das Räumkommando.

Haack klappt seine Mappe auf. Spalten voller gelebter Leben, schon so lange her, dass jetzt sogar die Gräber todgeweiht sind.

"Lass uns bei der 81 anfangen", sagt Haack.

"Das hier ist die 93", sagt Kirch.

"Dann weiter rechts", sagt Haack und wedelt sich eine Fliege von der Nase.

Haack nennt Namen und Nummern, Kirch sprüht. Es sieht aus, als arbeiteten sich die beiden durch ein Bild von Caspar David Friedrich. Im Herbstlicht werfen die Bäume lange Schatten. Auf den Lichtungen tanzen letzte Mücken. Und auf den Grabsteinen leuchten grüne Punkte, ganz ähnlich dem deutschen Recyclingsymbol. An diesem Tag sterben die Steine von Elise und Emil , Martha und Carl , Anna und Otto , Bertha und Julius .

Haack und Kirch wissen nicht, ob sie gerade Raum für die nächsten Toten schaffen oder vielleicht für einen Kinderspielplatz in Ohlsdorf, diesem Friedhof, der größer ist als alle anderen 30.000 im Land und doch so wie alle: kein Fenster ins Jenseits, sondern ein Spiegel des Diesseits. Ein menschengemachtes Biotop und naturgemachtes Kulturdenkmal, wie es ein Onlinefriedhof nie sein wird. Ein Ort, an dem Platz ist auch für Unschönes und Unbequemes, wo Kriegsverbrecher neben Folteropfern liegen. Ein Ort, an dem jede Generation der nächsten Mahnungen und Fragen hinterlässt. Ein Ort, an dem bald womöglich Enkel neben den Gräbern ihrer Großeltern schaukeln werden. Ein Ort, so allumfassend, dass er sogar sein eigenes Klima hat: Über Kapelle 9 liegt eine Wetterscheide, wo sich im Winter Regen oft in Schnee verwandelt. Bei Kapelle 7 verlieren Handys manchmal den Empfang.

Im Apfelhain neben Kapelle 2 sind seit ein paar Tagen die ersten Gräber reserviert. Der Ruhewald ist ausgebucht. Die Zahlen, die der Geschäftsführer sich bringen lässt, sind besser als im Vorjahr, um genau 4,15 Prozent. Allerdings weiß noch niemand, ob es an all den neuen Apfel-, Rosen- und Baumgräbern liegt oder nur daran, dass seit Langem mal wieder mehr Menschen gestorben sind. Im Winter, nur das ist sicher, werden sie auf Planquadrat Bs 73 eine knirschende Höllenmaschine aufstellen, die zwei Monate lang all die grün gepunkteten Grabsteine zerbeißt, bis die so klein geschreddert sind, dass zumindest sie auf diesem Terrain der Toten zu neuem Leben erweckt werden: als Straßenbaumaterial.