Freiburgs Trainer Christian Streich © Patrick Seeger/picture alliance/dpa

DIE ZEIT: Herr Streich, Sie stehen mit dem SC Freiburg auf einem Abstiegsplatz. Sind Sie trotzdem entspannt? Sie sind wahrscheinlich der einzige Trainer der Bundesliga, der bei einem Abstieg nicht entlassen würde.

Christian Streich: In Freiburg ist es sicher weniger extrem als an anderen Orten. Trotzdem denke ich nicht: Ach ja, dann steigen wir halt ab. Aber wir sagen auch nicht: Wir müssen das nächste Spiel gewinnen. Man kriegt keinen Qualitätszuwachs, wenn man sagt, man muss. Alles, was wir müssen, ist, unsere Arbeit gut zu machen. Wir müssen nicht gewinnen. Wir Menschen müssen überhaupt nichts. Wir müssen nur sterben.

ZEIT: Sie kontrollieren, was Sie kontrollieren können, und akzeptieren den Rest. Lernt man diese Haltung heute, wenn man den Trainerschein macht?

Streich: Das lernt man durch die Erfahrung. Wenn du sagst, ich muss, dann machst du zu. Und das ist kontraproduktiv.

ZEIT: Weil man Angst bekommt?

Streich: Ja klar. Voll! Wir Menschen haben eh alle Angst vor dem Misserfolg. Und manche finden halt Wege, mit der Angst umzugehen.

ZEIT: Wie schaffen Sie das?

Streich: Indem wir das Zusammenleben so gestalten, dass wir eine angenehme Zeit miteinander verbringen – unter dem Druck, den wir eh haben. Wir versuchen, den Jungs das Gefühl zu geben: Die Trainer wollen, dass wir besser werden, und die haben gerne mit uns zu tun als Menschen, nicht nur, weil wir Fußballer sind.

ZEIT: Fußballer sind heute schon als Kinder einem starken Leistungsdruck ausgesetzt, auf einem Fußballinternat besteht ihr Leben aus nichts anderem als Schule und Sport. Fehlen den Profis von heute nicht wichtige Erfahrungen?

Streich: Ja, die können nicht einfach nach der Schule mit der Freundin am See sitzen oder auf eine Party gehen. Es ist unsere Aufgabe, möglichst viel echtes Leben ins Spiel zu bringen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Streich: Mir hat mal ein Amerikaner über Fußball gesagt: It is the game of the world. Und das ist so. Alle spielen. Die unterschiedlichsten Menschen. Alle Sozialisationen, alle Nationen. Ich habe Professorensöhne trainiert und einen Sohn aus einer Boat-People-Familie aus Vietnam. Und wenn ich nicht nach Vietnam reisen kann, kann ich meinen vietnamesischen Spieler ja fragen: Was isst du da? Und was tut deine Mutter da rein, in das Essen? Oder wenn ich jetzt gerade Sehnsucht nach Urlaub am Mittelmeer habe, und in meiner Mannschaft stammt einer vom Mittelmeer, dann lasse ich ihn halt davon erzählen.

ZEIT: Das klingt jetzt fast so, als sei das Leben in einer Profimannschaft wie in einem Gefängnis.

Streich: Das ist es nicht. Aber wissen Sie, was Nelson Mandela im Gefängnis gemacht hat? Mandela hatte vier Quadratmeter, und sein Wärter war ein weißer Farmerssohn. Nelson Mandela ist zu ihm hingegangen und hat gesagt: Guten Tag, wie heißen Sie? Er hat sich einfach mit ihm ausgetauscht.

ZEIT: Sie waren 18 Jahre lang Jugendtrainer, haben die hochgelobte Freiburger Fußballschule aufgebaut, die überdurchschnittlich viele Profis hervorgebracht hat. Woran erkennen Sie, dass einer das Zeug zum Profi hat?

Streich: Das ist schwer. Wichtig ist der Wille des Athleten. Die körperlichen Voraussetzungen haben viele Spieler, die Technik, die Schnelligkeit; aber die Psyche, der Charakter: Das ist entscheidend.