Fußball : Der Trainer mit den dünnen Beinen

Früher war Christian Streich ein Spieler, der nicht rennen konnte. Deshalb musste er sich mehr Gedanken machen als andere. Ein Gespräch mit Freiburgs Trainer
Freiburgs Trainer Christian Streich © Patrick Seeger/picture alliance/dpa

DIE ZEIT: Herr Streich, Sie stehen mit dem SC Freiburg auf einem Abstiegsplatz. Sind Sie trotzdem entspannt? Sie sind wahrscheinlich der einzige Trainer der Bundesliga, der bei einem Abstieg nicht entlassen würde.

Christian Streich: In Freiburg ist es sicher weniger extrem als an anderen Orten. Trotzdem denke ich nicht: Ach ja, dann steigen wir halt ab. Aber wir sagen auch nicht: Wir müssen das nächste Spiel gewinnen. Man kriegt keinen Qualitätszuwachs, wenn man sagt, man muss. Alles, was wir müssen, ist, unsere Arbeit gut zu machen. Wir müssen nicht gewinnen. Wir Menschen müssen überhaupt nichts. Wir müssen nur sterben.

ZEIT: Sie kontrollieren, was Sie kontrollieren können, und akzeptieren den Rest. Lernt man diese Haltung heute, wenn man den Trainerschein macht?

Christian Streich

Von 1983 bis 1990 spielte Streich als Profi, unter anderem beim SC Freiburg, seit 1995 coacht er die Spieler des Vereins – zuerst als U-19-Trainer, am 29. Dezember 2011 übernahm er die A-Mannschaft. Der heute 48 Jahre alte Streich wurde für seine Arbeit in der Fußballschule des SC Freiburg ausgezeichnet, die Bundesligaspieler wählten ihn zum Trainer der Saison 2012/13. Die von ihm favorisierten Werte lauten: Gruppentauglichkeit, Rücksichtnahme und Respekt.

Streich: Das lernt man durch die Erfahrung. Wenn du sagst, ich muss, dann machst du zu. Und das ist kontraproduktiv.

ZEIT: Weil man Angst bekommt?

Streich: Ja klar. Voll! Wir Menschen haben eh alle Angst vor dem Misserfolg. Und manche finden halt Wege, mit der Angst umzugehen.

ZEIT: Wie schaffen Sie das?

Streich: Indem wir das Zusammenleben so gestalten, dass wir eine angenehme Zeit miteinander verbringen – unter dem Druck, den wir eh haben. Wir versuchen, den Jungs das Gefühl zu geben: Die Trainer wollen, dass wir besser werden, und die haben gerne mit uns zu tun als Menschen, nicht nur, weil wir Fußballer sind.

ZEIT: Fußballer sind heute schon als Kinder einem starken Leistungsdruck ausgesetzt, auf einem Fußballinternat besteht ihr Leben aus nichts anderem als Schule und Sport. Fehlen den Profis von heute nicht wichtige Erfahrungen?

Streich: Ja, die können nicht einfach nach der Schule mit der Freundin am See sitzen oder auf eine Party gehen. Es ist unsere Aufgabe, möglichst viel echtes Leben ins Spiel zu bringen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Streich: Mir hat mal ein Amerikaner über Fußball gesagt: It is the game of the world. Und das ist so. Alle spielen. Die unterschiedlichsten Menschen. Alle Sozialisationen, alle Nationen. Ich habe Professorensöhne trainiert und einen Sohn aus einer Boat-People-Familie aus Vietnam. Und wenn ich nicht nach Vietnam reisen kann, kann ich meinen vietnamesischen Spieler ja fragen: Was isst du da? Und was tut deine Mutter da rein, in das Essen? Oder wenn ich jetzt gerade Sehnsucht nach Urlaub am Mittelmeer habe, und in meiner Mannschaft stammt einer vom Mittelmeer, dann lasse ich ihn halt davon erzählen.

ZEIT: Das klingt jetzt fast so, als sei das Leben in einer Profimannschaft wie in einem Gefängnis.

Streich: Das ist es nicht. Aber wissen Sie, was Nelson Mandela im Gefängnis gemacht hat? Mandela hatte vier Quadratmeter, und sein Wärter war ein weißer Farmerssohn. Nelson Mandela ist zu ihm hingegangen und hat gesagt: Guten Tag, wie heißen Sie? Er hat sich einfach mit ihm ausgetauscht.

ZEIT: Sie waren 18 Jahre lang Jugendtrainer, haben die hochgelobte Freiburger Fußballschule aufgebaut, die überdurchschnittlich viele Profis hervorgebracht hat. Woran erkennen Sie, dass einer das Zeug zum Profi hat?

Streich: Das ist schwer. Wichtig ist der Wille des Athleten. Die körperlichen Voraussetzungen haben viele Spieler, die Technik, die Schnelligkeit; aber die Psyche, der Charakter: Das ist entscheidend.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

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>>Ich bin seit 18 Jahren Jugendtrainer, da könnte man ja auch fragen, warum trainierst du nicht Barcelona? Weil die mich halt nicht wollen. Das ist doch nicht schlimm. Ich kann trotzdem gut schlafen und bin etwas wert.<< Zitatende

Interessantes Interview, wobei zu hoffen ist, dass die Interviewer auch alles richtig verstanden. Streich, der, wie er selbst sagt, eher auf Salzletten denn auf richtigen Kickerbeinen seinem Beruf als Fußballprofi nachging, ist tatsächlich der Gegenentwurf zu den vielen Lautsprechern dieser Szene. Zur "Lichtgestalt", die ungestraft jeden Unfug von sich geben darf, taugt er nicht - - was ein Kompliment sein soll. Die wird er auch nicht werden, sollte Barcelona doch noch anrufen. (Wird aber nicht der Fall sein.) Im alemannischen Südwesten gibt es genug für ihn zu tun, zumal er auch mit dem Hochkatalanischen oder Hochspanischen seine Probleme hätte.

Wie gern ich das im Original hören würde,

"Es war einfach, als ob jemand das Wort "ist" immer mit ie schreibt. " :)

Ich hätte das Gefühl, dass Streich als Trainer sehr gut für junge Talente geeignet ist, von der Art, wie er die Dinge beschreibt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Medien nicht sinnlos irgendwann Druck aufbauen, auch wenn Freiburg gerade keine gute Phase hat.