Es ist ein paradiesischer Ort, diese weitläufige Villa Massimo. Hier ist Sibylle Lewitscharoff gerade Stipendiatin; sie schreibt an ihrer Büchnerpreis-Rede und an ihrem ersten Kriminalroman "Killmousky", der im kommenden Frühjahr erscheint. Wir sitzen im Garten hinter ihrem Studio und palavern unter Zikadengesang, über Gott, die Welt und die Literatur. Durs Grünbein kommt auf dem Fahrrad vorbei; kürzlich ist er mit seiner Familie aus Berlin gänzlich in die Ewige Stadt gezogen. "Irgendjemand müssen wir auf die Palme bringen", lacht die Gastgeberin, derweil Grünbeins Zigarre die Mücken nicht sonderlich abschreckt.

DIE ZEIT: Frau Lewitscharoff, Sie sind zuletzt mit Preisen überhäuft worden. Jetzt erhalten Sie Deutschlands bedeutendste Auszeichnung für Literatur, den Büchnerpreis. Sind Sie dennoch etwas nervös?

Sibylle Lewitscharoff: Natürlich hat das eine andere Bedeutung, und eine Büchnerpreis-Rede kann ja auch eine besondere Wirkung entfalten. Aber die Freude ist natürlich riesig, Freude, Freude, Freude! Obwohl ich ja auch die gierige Diskussion kenne, Frauen auszuzeichnen, eine Gier, die ich als solche nicht teile. Mir ist es vollkommen wurscht, ob Mann, ob Frau oder ein Krokodil ausgezeichnet wird, wenn es nur gut ist. Ich sähe mich nicht so gerne quotiert.

Durs Grünbein: Vielleicht wurdest du ja als Krokodil nominiert.

Lewitscharoff: Oh ja, das wäre natürlich das Allerbeste! Übrigens will man bei Preisen immer, dass man nicht der Einzige oder der Letzte ist, der den Preis bekommt.

Grünbein: Es geht immer um den Letzten. Die anderen verschwinden hinter dem Horizont. Wer kann sich die Gesellschaft, in die er da gerät, schon aussuchen?

Lewitscharoff: Es schmerzt durchaus, wenn ein aus der eigenen Sicht Unwürdiger den gleichen Preis bekommt und dadurch alles etwas entwertet wird. Die nagende Frage bleibt ja: Gab es Ausrutscher, oder sind wir selber die Ausrutscher?

ZEIT: Sie, Herr Grünbein, haben den Büchnerpreis 1995 als 33-Jähriger bekommen.

Grünbein: Mich traf es wie ein kalter Schlag. Es war so früh, dass ich schnell die Spekulation daran begriff, auf mein jugendliches Alter, den kommenden Kurswert. Kurz zuvor hatte man mich in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt, ich schrieb gerade an meiner Vorstellungsrede. Kurz darauf kam der Anruf: Nehmen Sie diesen Preis an? Ich hielt das zunächst für einen Witz. Dann habe ich es von einem Würfelwurf abhängig gemacht und gesagt, dass ich nur einen als Laudator akzeptieren könne: Heiner Müller. Hätte er abgesagt, hätte ich den Preis abgelehnt. Da wurden alle plötzlich sehr nervös. Aber Müller hat es gemacht. Er sah das ganze als Gesellschaftsspiel.

ZEIT: Ein solcher Preis kann ja auch Bürde sein. Denken Sie manchmal, dass Sie ihn besser später bekommen hätten?

Grünbein: Nein, ich bin ganz froh, dass ich durch diesen Feuerreifen geschubst wurde.

Lewitscharoff: Da ich jetzt ein bisschen älter bin, hatte ich solche Nöte nicht. Freilich habe ich spät, ich war über vierzig, angefangen zu veröffentlichen - und bis heute nicht sehr viel.

Grünbein: Die Frage des Verdienstes stellt sich bei dir nun ganz und gar nicht!

Lewitscharoff: Aber sie ist für einen selber nicht beantwortbar. Ob man etwas verdient, das weiß nur Gott; wir selber sind befangen.

ZEIT: Und wie stark wirkt der Name Büchner?

Grünbein: Er bleibt bahnbrechend für alle. Früh verstorben, bleibt er die Spernova der deutschen Literatur, alterslos. Er ist der erste genuin moderne unter den deutschen Klassikern. Noch Kleist steht viel mehr in künstlerischen Traditionen. Büchner ist auf eine rätselhafte Weise darüber hinaus. Er hat den Kreis gesprengt.

Lewitscharoff: Ich fühle mich vom Namensgeber des Preises nicht in Schach gehalten, weil Büchner kein Autor meines glühenden Herzens ist. Das wäre bei mir bei Kafka der Fall, der mich schwer in Bedrängnis bringen würde.

ZEIT: Hat sich Ihr Schreiben verändert im Laufe der Jahre?

Lewitscharoff: Die Veränderung habe ich gerade gemerkt, als ich an einer kleinen Fortsetzung meines Erstlings Pong schrieb, Pong redivivus. Ich betreibe nicht mehr diese aufgezwickte Extremmetaphorik, mit der ich einst begonnen habe. Ich habe sie hinter mir gelassen – und es wäre jetzt künstlich gewesen, sie wiederzubeleben.