Lange gingen Ökonomen davon aus, dass Arbeit reine Last sei: Statt ihre Freizeit zu genießen, litten die Menschen acht oder zehn Stunden am Tag – und für dieses Übel würden sie bezahlt. Eine traurige Theorie war das und gottlob eine falsche. Heute erforschen Wirtschaftswissenschaftler, in welchem Maße der Beruf ihr Lebensglück beeinflusst und wie zufrieden Menschen sind. Und siehe da: Menschen, die sich als hochzufrieden bezeichnen, werden von anderen auch so wahrgenommen. Sie sind offener für positive Einflüsse, nehmen leichter Kontakt auf und blicken optimistischer in die Zukunft. Sogar ihre Immunabwehr ist besser, sie sind selten krank.

Nimmt man die Erkenntnisse der Wissenschaft also ernst, ist für die modernen Industriegesellschaften eines gewiss: Nicht Arbeit macht unzufrieden, sondern Arbeitslosigkeit. Wenn überhaupt, sind bloß noch Gesundheit und Familienfrieden wichtiger, die Erwerbstätigkeit kommt als Faktor für Lebenszufriedenheit gleich dahinter.

In Deutschland hat das Roman Herzog Institut dieses Phänomen jüngst aufgeschlüsselt. Fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung gehört demnach zur Glückselite der Hochzufriedenen, egal, ob sie Vollzeit oder Teilzeit arbeitet, abhängig beschäftigt oder selbstständig ist. Von den Arbeitslosen fühlt sich nur ein Fünftel wohl. Experten schätzen: Wollte man Menschen, die arbeitslos werden, für den dadurch erlittenen Zufriedenheitsverlust entschädigen, müsste man ihnen fast das Doppelte ihres alten, nun verlorenen Gehalts zahlen. So schwer wiegt der Verlust an Ansehen und sozialem Kontakt, an Strukturierung des Tages und an Sinnstiftung.

Doch auch bei der Arbeit gibt es Ärger und Stress. Deshalb ist es wichtig, zu erfahren, wie sich der Job im Tagesverlauf auswirkt. Dieses tatsächliche Erleben ist das "zweite Glücksmaß", dem Forscher wie der amerikanische Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman nachspüren. Er bat Arbeitende im Laufe eines Tages immer wieder um Auskunft, was sie gerade getan hätten und wie zufrieden sie damit seien.

Eine Studie mit mehr als 900 berufstätigen Frauen in Texas zeigte, welche Aktivitäten sich positiv auf das Befinden auswirkten und welche negativ. Manches Ergebnis ist erwartbar: So scheint Sex der größte Glücksbringer zu sein, gefolgt von gemeinschaftlichem Ausgehen nach der Arbeit, ausführlichem Abendessen, der Entspannung, dem Sport und dem Beten. Hausarbeit und Einkaufen machten die wenigsten befragten Frauen glücklich. Überraschender ist schon, dass die Betreuung der eigenen Kinder negativ zu Buche schlug – während das Muttersein als solches paradoxerweise die Lebenszufriedenheit hebt.

Und die Arbeit? Als besonders unangenehm galt die Anfahrt am Morgen, aber auch abends machte langes Pendeln die Frauen unfroh. Die Verrichtung der – oft simplen – beruflichen Tätigkeiten wirkte im Schnitt negativ, aber die sozialen Beziehungen, Gespräche und Diskussionen, Meetings und Kantinenessen, steigerten die Zufriedenheit wieder.

"Die Arbeit" besteht also aus ganz unterschiedlichen Momenten. Deshalb spielt es eine große Rolle, welchen Beruf jemand wählt und wo und wie er ihn ausübt.