Viele Veganer plädieren vor allem aus ethischen Gründen für ein Umdenken. Sie prangern die Ausnutzung von Tieren durch Menschen an: dass Kühe ihr Leben auf Böden voller Fäkalien verbringen, Jahr für Jahr künstlich befruchtet werden und dass ihnen der Nachwuchs kurz nach der Geburt weggenommen wird. Dass Schweine sich in ihren engen Buchten nicht drehen können. Dass industriell gehaltenen Hühnern die empfindlichen Schnabelspitzen mit einem heißen Messer abgeschnitten werden. Dass männliche Küken nach dem Schlüpfen vergast oder zerhäckselt werden. Oder dass Rinder, Schweine und Hühner manchmal nicht betäubt sind, wenn sie geschlachtet werden.

Laute Kritik üben Veganer auch an der Klimabilanz der industriellen Tierhaltung – und weisen immer wieder auf die verheerenden Folgen hin: Der weltweit gestiegenen Lust auf Fleisch sind bereits riesige Urwaldgebiete in Südamerika zum Opfer gefallen, und noch weitere Flächen werden Weiden oder Tierfutteräckern weichen. Damit werden große Kohlenstoffdioxidspeicher unwiderruflich zerstört. Dazu kommen weitere Probleme, etwa der Einsatz von Düngemitteln, der Missbrauch von Antibiotika oder die Verschmutzung des Grundwassers.

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Mit ihrer radikalen Haltung provozieren Veganer aber so manchen Normalverbraucher. Viele Kritiker halten sie für Hardliner, die ihnen vorschreiben wollten, was sie essen dürften und was nicht. Sie seien selbst erklärte Essenspolizisten, die ihnen die Bratwurst im Fußballstadion verbieten wollten. Und sie gingen in ihrer Ideologie so weit, dass sie die Gesundheit ihrer Kinder aufs Spiel setzten.

Fehlt das Eisen droht Blutarmut

Mathilde Kersting vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung sieht vegane Kinderernährung tatsächlich kritisch. Besser als mit einer "optimierten Mischkost" könne man sein Kind nicht ernähren. Die Professorin orientiert sich an der DGE und setzt deren Empfehlungen in ihre eigenen um. Darin rät sie zu Fisch, Milch und Fleisch. Kersting betont: "Darin ist eine Reihe wichtiger Nährstoffe enthalten, etwa Vitamin B12 , Vitamin D, Jod, Eisen und Zink."

Problematisch ist vor allem die Versorgung mit Vitamin B12 . Es gelangt bei einer gemischten Ernährung über tierische Produkte in den Körper. Fehlt es, können auf lange Sicht Müdigkeit, Blutarmut und Blässe auftreten, bei Kindern können Gehirn und Nervensystem geschädigt werden.

Berthold Koletzko, Abteilungsleiter am Haunerschen Kinderspital München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat das schon erlebt. Ein Kleinkind kam zu ihm in die Klinik und war gezeichnet von Fehlernährung, vor allem von Eisen- und Vitamin-B12 -Mangel: Das Kind hatte das Laufen wieder verlernt, war schläfrig, aß schlecht. Und es hatte einen hochgradigen Gehirnschwund. "Insgesamt deutlich zurückgeblieben", urteilt der Kinderarzt. Seine Prognose: Aufholen lasse sich der Rückstand nicht mehr, das Kind werde dauerhaft beeinträchtigt sein. Koletzko ist sich sicher: "Ein Kind kann man nicht gesund vegan ernähren, sofern man nicht Mikronährstoffe zusätzlich gibt." Er geht noch einen Schritt weiter und rät, sich bei jeder vegetarischen Ernährungsform vom Kinderarzt beraten zu lassen.

Nahrungsergänzungsmittel, wie sie viele erwachsene Veganer nehmen, hält er für eine hilfreiche Ergänzung – auch wenn es besser sei, sich die kritischen Nährstoffe über natürliche Lebensmittel zuzuführen: "Der Körper verarbeitet Eisen aus Fleisch anders als Eisen-Tropfen. Das ist nicht dasselbe!"

Claus Leitzmann, emeritierter Professor an der Universität Gießen, sieht die Diskussion gelassener. Der studierte Chemiker und Ernährungswissenschaftler wird nicht müde, die Vorteile eines fleischlosen Lebensstils zu betonen. Pauschal aber will er eine vegane Ernährung für Kinder nicht empfehlen. Studien belegten, dass nicht wenige Veganer in Bezug auf kritische Nährstoffe unterversorgt seien. Doch es gebe viele vegane Eltern, "die eine vegane Ernährung bei ihren Kindern hinkriegen", sagt Leitzmann. Wenn Eltern wüssten, was sie tun und worauf sie achten müssen, könne vegane Ernährung funktionieren.

Er rät Vegetariern und Veganern zu Geduld und Toleranz. In seiner Wissenschaftlerkarriere hat er sich lange mit Vegetarismus beschäftigt. Das Interesse auch am Veganismus habe in den letzten 20 Jahren zwar deutlich zugenommen, er sei aber noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Immerhin: "Eine vegane Lebensweise wird nicht mehr belächelt und nur noch von wenigen bekämpft", sagt Leitzmann.