DIE ZEIT: Herr Koppel, es gibt mehr als 200 Förderprogramme, um Mädchen für technische und naturwissenschaftliche Berufe zu begeistern. Trotzdem ist der Anteil der Frauen in diesen Berufen bislang kaum gestiegen. In ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen liegt die Frauenquote bei gerade 22 Prozent. Taugen die Programme nichts?

Oliver Koppel: Den Erfolg von MINT-Initiativen zu messen ist schwierig, weil viel Zeit zwischen der Initiative und der Berufswahl vergeht. Dass der Frauenanteil nicht gestiegen ist, heißt nicht unbedingt, dass die Initiativen alle gescheitert sind.

ZEIT: Welche Programme sind sinnvoll?

Koppel: Veranstaltungen, die nur einen Tag dauern, jedenfalls nicht. Das ist reine Unterhaltung und nicht nachhaltig. Initiativen, die Erfolg haben, sind auf eine längere Zeitdauer angelegt, etwa Summerschools. Mädchen müssen die Chance haben, die Arbeitsrealität kennenzulernen und ein eigenes Interesse zu entwickeln. Zum Beispiel, indem sie selbst ein Solarmodul bauen oder einen Roboter zusammensetzen.

ZEIT: Es gibt Projekte, da sollen junge Frauen die Statik von High Heels berechnen. Ist das nicht ein bisschen zu klischeehaft?

Koppel: Das ist kein Klischee. Den höchsten Anteil von Frauen in anspruchsvollen technischen Ausbildungsgängen gibt es bei der Leder- und Textilverarbeitung – er liegt bei 60 Prozent. Das mag daran liegen, dass eine Frau lieber einen Schuh herstellt als eine Presswalze. Frauen haben kein Problem mit Technik an sich, nur dann, wenn sie mit den Anwendungsbereichen nicht vertraut sind oder deren Sinn nicht sehen. In Umwelttechnik gibt es viele Frauen, in Elektrotechnik kaum. Umfragen von Hochschulforschern zeigen: Für Frauen ist es wichtiger als für Männer, dass sie etwas sozial Wertvolles und gesellschaftlich Relevantes machen.

ZEIT: Wenn Frauen das in manchen Berufen nicht erkennen, warum sollte man sie dann überhaupt für diese Berufe begeistern?

Koppel: Wir haben Engpässe bei Fachkräften. Deutschland ist eine innovations- und exportstarke Nation. Aber für gewerblich-technische Ausbildungsberufe melden sich normalerweise auf eine offene Stelle zwischen null und zwei Bewerber. Für kaufmännische Ausbildungsberufe sind es bis zu 100 Bewerber. Da gibt es ein klares Missverhältnis. Wir brauchen die Frauen.

ZEIT: Das nützt dann der Wirtschaft, aber was haben die Frauen davon, wenn sie einen technischen Beruf wählen?

Koppel: Technische Berufe sind attraktiv, sowohl was die Arbeitsplatzsicherheit betrifft als auch das Gehalt. Würden sich mehr Frauen für diese Berufe entscheiden, würde sich auch die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen schließen; denn dass Männer im Durchschnitt 20 Prozent mehr verdienen als Frauen, liegt größtenteils daran, dass gut bezahlte Industrieberufe hauptsächlich von Männern ausgeübt werden. Mechatroniker verdienen nun mal mehr als Friseurinnen.

ZEIT: Dafür müssten Frauen allerdings auch gleich bezahlt werden.

Koppel: Bei gleicher Position ist das auch so! Innerhalb der technischen Berufe ist die Lohnlücke ziemlich gering. Die meisten großen Unternehmen sind tariflich gebunden. Ungleiche Löhne sind ein Problem des Dienstleistungssektors, wo man typischerweise eher individuell verhandelt.

ZEIT: Müsste man dann nicht die ganze Ansprache der Förderprogramme ändern und sagen: Werdet nicht Bürokauffrau, werdet Mechatronikerin, da werdet ihr besser bezahlt?

Koppel: Ich verstehe nicht, warum man genau das nicht macht. Warum man es nicht sogar härter ausdrückt: "Wenn ihr Friseurin werdet, wundert euch nicht, dass ihr so wenig verdient. Friseurinnen gibt es einfach zu viele. Werdet lieber Elektrikerin, werdet Mechatronikerin."

ZEIT: Für eine 16-jährige Realschülerin, die gern mit Menschen arbeitet und kreativ ist, klingt Mechatronik vielleicht abschreckend.

Koppel: Deshalb ist es so wichtig, dass man mit der MINT-Förderung frühzeitig ansetzt. Berufsorientierung gibt es glücklicherweise an den Schulen, sie muss aber noch viel stärker strukturiert werden. Jede 16-Jährige weiß, was ein Friseur macht. Aber welche 16-Jährige weiß, was ein Mechatroniker macht? Oder ein Ingenieur?