Der Freitagmorgen, an dem mein Umzug nach Brasilien scheiterte, hätte nach aller Erwartung anders laufen müssen. Kurz vor sechs Uhr bog der Lastwagen mit meinem Umzugscontainer in die dicht zugeparkte Rua Gomes Carneiro ein. Fünf joviale Umzugshelfer stiegen aus dem Führerhäuschen, und dann kauften sie an der Ecke erst mal viel Kaffee mit viel Zucker. Es gebe ja offensichtlich keinen Parkplatz für den Container, sagten sie, aber das werde schon. Da dürfe man sich keine Sorgen machen. Nicht in Rio de Janeiro.

Der Moment war gekommen für die nationale Spezialität der Brasilianer: improvisieren. Das Überwinden von Alltagstücken durch stundenlanges Palavern und gezielte Verstöße gegen Regeln und Gesetze; das gemeinsame Suchen nach unbürokratischen Auswegen aus verfahrenen Lebenslagen. jeito nennen die Brasilianer das, den Weg, oder auch jeitinho, den kurzen und im Allgemeinen sündigen Weg, es ist der Brazilian way of life. "Grundsätzlich stehe ich auf der Seite von Jesus", hat Gilberto Gil einmal gesungen, "aber er hat vergessen, uns zu verraten, dass wir hier unten auf der Erde einen jeitinho organisieren müssen, um leben zu können."

Ich hatte schon im Vorfeld des Umzugs allerlei Ratschläge berücksichtigt. Der flanelinha, der informelle Parkwächter der Straße, bekam ein paar Geldscheine in die Hand gedrückt. Die Portiers des Wohnhauses waren informiert und auf den Umzug eingestimmt, als sei er unsere gemeinsame kleine Verschwörung. Dem Besitzer der benachbarten Autoreparaturwerkstatt, dessen Einfahrt wir ein bisschen würden zuparken müssen, hatte ich brüderlich auf die Schulter geschlagen, und er hatte mir im Gegenzug überschwänglich versichert, dass es bestimmt genügend Parkplätze geben würde.

Wer konnte ahnen, dass der flanelinha an diesem Tag verschlief? Dass die Besitzer der parkenden Autos wegen eines nahen Marktes grimmig die Köpfe schütteln und ihre Autos eisern stehen lassen würden? Dass die Polizei anrückte, aber die Möglichkeit eines Trinkgeldes nicht mal entfernt ins Gespräch brachte?

Nach vier Stunden eifrigen Verhandelns war der Umzug erst mal vorbei. Der Container musste, ungeöffnet, zurück in ein Lager am Rande der Stadt.

Die ZEIT entsendet zum ersten Mal seit anderthalb Jahrzehnten einen Korrespondenten nach Brasilien, und die Gründe dafür sind klar genug: Aus dem ehemaligen Entwicklungsland, hoch verschuldet und inflationsgeplagt, ist eine Weltmacht geworden. Brasilien ist ein entscheidender Energie- und Rohstofflieferant für die ganze Welt, und das Land hat zuletzt ein wahres Wirtschaftswunder hingelegt. Es ist nach den USA der wichtigste Spieler im Machtpoker der beiden Amerikas, das aktuelle Modeland Nummer eins im weltweiten Kulturbetrieb, und demnächst finden hier auch noch die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele statt.

Wer in solchen Zeiten etwas als Berichterstatter aus Brasilien taugen will, kommt nicht umhin, die Erfolgsgeheimnisse dieses 200-Millionen-Landes zu ergründen. Und wenn man sich unverblümt danach erkundigt – bei führenden Philosophen, Historikern, Soziologen, Politikern des Landes – dann sind sich alle schnell einig. Natürlich gebe es da eine Fülle von Ursachen, doch der größte nationale Vorteil der Brasilianer sei ihre unglaubliche Flexibilität. Ihre Orientierung an Lösungen statt an Regeln, ihr Gespür für den kurzen Weg zum Erfolg. Sie reden vom jeito und jeitinho.

"Der jeitinho hat seine Wurzeln im alten Brasilien, noch vor den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts", hat mir kürzlich ein Soziologieprofessor von der staatlichen Universität erklärt, Valter Duarte Ferreira Filho. "Es gab damals noch keinen regulären Arbeitsmarkt, es gab nicht mal eine ordentliche Berufsausbildung. Sie müssen sich das mal vorstellen: Die Leute schlugen sich mit vier oder fünf Jobs durch, als Kellner, Hühnerzüchter, Sardinenräucherer, Lastenträger. Aber vor allem mussten sie die Straße kennen, sie mussten geschickte Verhandlungsführer sein und ihre Beziehungen pflegen."

Bis heute tobt eine Expertendebatte darüber, was die wahren Ursachen des jeito sind. Manche machen die erdrückende Bürokratie und die schwerfällige Justiz des Landes verantwortlich: Da blieben den Leuten ja bloß noch unorthodoxe Antworten, vom cleveren Ungehorsam bis zur Korruption. Andere sagen, die Hyperinflation in den achtziger und neunziger Jahren hätte die Neigung zum Mauscheln verstärkt: Wenn das Geld nichts mehr wert sei, würden Beziehungen und gegenseitige Gefallen umso wertvoller.

Nein, die brasilianische Volksmusik und die Literatur seien die wahren Verantwortlichen, beteuern andere: Die Figur des malandro, des Lebenskünstlers und kleinen Gauners, der sich stets an seinem Herzen und selten am Gesetz orientiere, sei immer wieder als nationales Vorbild verherrlicht worden. Und egal, was früher war: In diesen stürmischen Zeiten des technischen Fortschritts, in dieser wirren globalisierten Welt sei die brasilianische Improvisationsfreude keine Notwehr mehr und auch keine Schwäche – sie sei ein Wettbewerbsvorteil gegenüber allen, die lange im Voraus planen und sich sklavisch an Vorschriften halten.

In der Lebenspraxis von Rio de Janeiro aber merkt man schon nach wenigen Wochen: Mit dem jeito läuft es eigentlich immer so wie bei meinem Umzug. Mal klappen die Dinge, und mal klappen sie nicht.

Als das ZEIT- Büro einen Internetzugang bekommen sollte, schickte die Kabelfirma über einen Zeitraum von zwei Wochen drei Techniker vorbei, die allesamt vergaßen, ein Modem mitzubringen, und deshalb unverrichteter Dinge wieder abzogen. Der vierte aber blieb den halben Tag lang, redete viel und trank Mineralwasser, er hatte ein Modem unterm Arm und prüfte freiwillig auch noch sämtliche Kabel nach. Die ZEIT hat nun garantiert das schnellste Internet der ganzen Straße.