Wer zu Handke geht, entrinnt den Pilzen nicht. Zwischen etlichen Zeilen seiner Bücher lugen fast neckisch die kleinen gelben oder braunen Köpfchen hervor, die bei ihm "andersgelb" und "andersbraun" heißen. Der Laubwald hinter Handkes Pariser Vorstadtgemeinde ist für seine Besucher nicht nur als Niemandsbucht mythisch geworden, sondern auch als Reservoir für eine unausschöpfliche Pilzsuppe.

Und wenn der Autor nun einen Versuch über den Pilznarren vorlegt, glaubt man zu ahnen, dass er zwangsläufig an seine vorausgegangenen Versuche anknüpft und in dieser zwischen Prosa, Essay und Tagebuchreflexion changierenden Textform seine subjektive Wahrnehmung an einem konkreten Objekt ausprobiert. Mit den Pilzen scheint er die Königsebene gefunden zu haben. Aber dann merkt man: Obwohl sie im Zentrum stehen und ständig umkreist werden, obwohl er wie gewohnt einschlägige Szenen sorgsam auffächert, obwohl es um die prägenden Erlebnisse mit Pilzen geht, um eine Untersuchung der verschiedenen Namen, Rezepte und Fundorte – es geht gar nicht so sehr um die Pilze selbst. Es geht um einen Selbstversuch.

Als Pilznarr erscheint hier nicht eine weitere schweifende Ich-Figur des Autors, sondern ein "Jugendfreund". Dieser hat zwar keinen Namen, aber dafür täuschende Ähnlichkeiten mit dem Schreibenden: Auch er hört das "Rauschen und Brausen der Bäume" am Waldrand, das Birkenrieseln und das Eschensausen, auch er geht am liebsten "querwaldein", auch er hat ein Gespür für die Zwischenräume und die Saumseligkeiten. Und auch er hat Jura studiert.

Allerdings erlaubt sich der Autor, seinem Jugendfreund im Gegensatz zu seiner eigenen Biografie eine juristische Karriere zuzubilligen: Er ist "Strafanwalt bei internationalen Strafgerichten" geworden und schafft es immer wieder, die dortigen Delinquenten freizubekommen. Hier ist ein erstes Augenzwinkern zu erkennen, eine kleine selbstbezügliche Arabeske, eine kokette Wunscherfüllungsfantasie. Handke spielt ein biografisches Spiel, hinter dem er sich versteckt und in dem er sich selbst als Spielfigur auf Distanz hält.

Dem "Jugendfreund" werden all jene emphatischen Lebensäußerungen zugeschrieben, die Peter Handke immer anhand des Themas der Pilze verhandelt hat. Diese mykologisch-mythologischen Einlassungen sind durchweg betörend. Pilze kann man, von wenigen Ausnahmen in Felsenkellern oder Schummerverliesen einmal abgesehen, nicht züchten. Sie stehen für Wildnis und Widerstand, sie sind für Handke ein poetologisches Exempel. Unsichtbar, unter der Erdoberfläche, entfaltet ein weitverzweigtes Wurzelsystem ein Eigenleben, das man an der Oberfläche nur selten erahnen kann.

Es ist eine wahre Epiphanie, die er dem Jugendfreund, dem Pilznarren, zuschreibt, als dieser zum ersten Mal bewusst einen frisch erblühten, jungfräulich anmutenden Steinpilz wahrnimmt. In den dunklen Nadelwäldern der Kindheit hat es diesen Königspilz nie gegeben, er war an Pfifferlinge gewöhnt. Aber dann ist er – auch dies eine auffällige Parallele zu Handke selbst – in die Peripherie einer Metropole gezogen, wo es die "lichten Weiten" von Laubwäldern gibt, und hier prangt als Initiationserlebnis plötzlich, nur wenige Schritte vom Straßengetöse entfernt, jener Steinpilz.

Unerwartete Selbstbespiegelungen

Dies ist der Moment, in dem der Pilznarr wirklich zum Pilznarren wird und sein bürgerliches Leben zu vernachlässigen beginnt. Und es ist auch der Moment, in dem der Autor zu unerwarteten Selbstbespiegelungen und selbstironischen Bezüglichkeiten anhebt. Er wirft dem Jugendfreund vor, dass er von diesem Steinpilz nun doch zu viel hermache, aber dieser entgegnet, dass er, der Autor Handke, in seiner Wiederholung doch etwas Ähnliches geschildert habe, Anlass sei ein "höchstwahrscheinlich einfach so dahergewehtes Feigenblatt" gewesen, und da habe Handke doch auch vom "Ereignis des ersten Feigenbaums psalmodiert".

"Psalmodiert"! In diesem Wort, mit dem sich Handke selbst zu karikieren scheint, blitzt etwas Neues, ungeahnt Leichtes auf. Je älter Handke wird, desto humorvoller wird er auch. Er erfindet sich mit diesem Jugendfreund einen idealen literarischen Sparringspartner. Mal ist er näher an den autobiografischen Erfahrungen Handkes dran, mal etwas mehr davon entfernt. Lustvoll spielt Handke mit den Zuordnungen.

Handke zitiert sich in der Figur des Pilznarren selbst und macht sich über seine Obsessionen lustig, lässt ihn der Welt vollständig abhandenkommen – doch gleichzeitig beschwört er mit ihm lamellengenau jene kleinen wundersamen Offenbarungen, die es ihm immer angetan haben und die er anhand seiner listigen Doppelgängerfigur auch rauschhaft über das Ziel hinausschießen lassen kann.

Traumwandlerisch lässt er die alten Leitmotive Revue passieren: "Der erste Augenblick des Ansichtigwerdens" eines Pilzes ist wichtiger als das Pflücken und das Zubereiten, der Weg und das Gehen werden im Grunde wichtiger als das Suchen und Finden. Aber die poetischen Passagen, die so schön sind wie je, werden immer wieder auch konterkariert von kecken Nachfragen: "Er wollte mit seinem Heraufbeschwören und Geraune gar nicht mehr aufhören."

Dass er seinen Jugendfreund ins völlig Abgedrehte hineinleben lässt, um ihn am Schluss doch noch in einen humorvoll-existenziellen literarischen Kosmos aufzuheben, das wirkt wie ein Ausweis souverän erreichter Wanderjahre. Handke hat ein mildes, gelassenes Alterswerk geschrieben, entspannt und spielerisch. Es lässt sich nicht festlegen und auf wunderbare Weise alles im Offenen.