Man könne, sagt der Schauspieler Daniel Brühl im Laufe des Gesprächs, eigentlich keine Interviews mehr geben. So oft, wenn er von Schauspielerkollegen und anderen Prominenten lese, stoße er auf immer gleiche, nichtssagende Phrasen. Die Gefahr, durch einen unbedachten, vielleicht nur unbeholfenen Satz zum Spottobjekt im Netz zu werden, sei ziemlich groß. Dies sei mit ein Grund für die ganzen Nullaussagen in vielen Interviews. Natürlich könne man auch wegen der Empfindlichkeiten von Schauspielerkollegen, Produzenten oder Regisseuren nie ganz unbefangen sprechen. Beispielsweise habe er auf die eben gestellte Frage, welcher deutsche Schauspieler seiner Generation eine angesichts seines Talents größere Berühmtheit und Anerkennung verdient hätte, schon deshalb nicht antworten wollen, weil dies, empfindlich, wie alle seien, als Überheblichkeit gewertet werden würde, als vergiftetes Lob.

Wir treffen uns in der Tapasbar Raval in Kreuzberg am Görlitzer Park, die Daniel Brühl, dessen Familie mütterlicherseits aus Katalonien stammt, vor zweieinhalb Jahren mit einem Freund gegründet hat. Der Anlass der Begegnung sind natürlich seine neuen Filme: der nächste Woche anlaufende Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt über den Internetaktivisten Julian Assange und dessen Mit- und Gegenspieler Daniel Domscheit-Berg, den Brühl spielt. Der bereits angelaufene und gefeierte Film Rush, in dem Brühl als Niki Lauda zu sehen ist. Der gerade fertig gedrehte Film von Wolfgang Becker, Ich und Kaminski, nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, in dem Brühl einen aufdringlichen Journalisten spielt. Und schließlich der nächste Thriller von Michael Winterbottom (The Face of an Angel), der von dem aufsehenerregenden Mordfall an der britischen Studentin Meredith Kercher in Italien im Jahr 2007 handelt und in dem Daniel Brühl eine Hauptrolle übernehmen soll. Kurzum: Wir treffen uns, um über den Umstand zu sprechen, dass der 35-Jährige nun nicht nur eine nationale Schauspielerberühmtheit ist (Good Bye, Lenin!, Die fetten Jahre sind vorbei), sondern ein internationaler Star in internationalen Produktionen, der gerade ein gewaltiges Arbeitspensum absolviert hat und dem viele für seine Niki-Lauda-Rolle eine Oscarnominierung voraussagen. Über die mögliche Nominierung möchte Daniel Brühl aber auf keinen Fall sprechen. Wenn er dann doch nicht für den Oscar nominiert werde, sagt Brühl, heiße es sonst, er habe eine Niederlage erlitten.

Daniel Brühl sitzt in einer Nische seines Lokals, das unprätentiös-minimalistisch eingerichtet ist, also zeitgemäß geschmackvoll, mit einem wunderbar langen Tresen. Obwohl es Sonntag ist, herrscht munteres Gewusel und Geplauder, und man kann es wohl als gutes Zeichen werten, dass man hier und dort Spanisch hört, dass die jungen Exilspanier in diesem spanischen Restaurant in Berlin sitzen. Es werden Gambas mit Knoblauch und ein spanisches Kartoffelgericht gebracht. Brühl trägt ein schwarzes Jackett über dem Pullover und spricht auffallend schnell, seine Augen sind in unruhiger Bewegung. Er blickt, während er redet, häufig an einem vorbei, was nicht unsympathisch wirkt, man wird Beobachter eines nervösen Überschusses von Gedanken. Brühl schließt seine Sätze gerne mit einem fragenden "ne" ab, um dann aber gleich fortzufahren. Manchmal gleitet sein Hochdeutsch auch ganz in einen ripuarischen Singsang (Brühl wurde in Barcelona geboren, er spricht Spanisch, Katalanisch, Französisch, natürlich auch Englisch, aber er wuchs nun einmal in Köln auf).

Daniel Brühl sagt, die Ereignisse würden sich derzeit überschlagen. Zwei große, internationale Filme auf einmal, unzählige Anfragen, auf dem Schreibtisch stapelten sich Manuskripte und Angebote, er bekomme Anrufe aus der Branche weltweit, das sei noch vor Kurzem undenkbar gewesen. Ihm gefalle die Hektik. Es fühle sich an wie nach dem Welterfolg Good Bye, Lenin!. Nur finde diesmal alles auf einem anderen Level statt. Auch da er endlich richtige Männerrollen spiele und nicht mehr den sensiblen Gymnasiasten, den ewigen Sohn.