Noch mehr Entspannung ist kaum tragbar. Hose von Boss Orange für 150 Euro © Peter Langer

Die Deutschen, sagt man, haben einen Hang zur bequemen Mode. Sie erfahren ein Kleidungsstück von innen und nicht von außen. Sie spüren die Faser an ihrem Leib und entscheiden dann, ob sie das Stück mögen oder nicht. Und falls sie es "superbequem" oder "total kuschelig" finden, tragen sie es ihr ganzes Leben lang. Ganz egal, was andere darüber denken.

Andere Nationen schenken der Bequemlichkeit gewöhnlich weniger Aufmerksamkeit. Die Italiener sind für die Eleganz ihrer Herrenschuhe bekannt, aber nicht für deren Tragekomfort, während die Deutschen die Trekkingsandale groß gemacht haben. Denn bei den Deutschen steht der Tragekomfort ganz oben auf der Liste, die modische Ausstrahlung ganz unten. Deshalb mag der Deutsche seinen Hausanzug und geht in ihm auch mal Brötchen holen. So führte in einem Werbespot für französische Zigaretten ein Mann im Pyjama seinen Hund aus, und der Slogan dazu hieß: "Liberté toujours". Die Botschaft: Auf der Straße einen Schlafanzug zu tragen ist etwas komplett Unerhörtes. Fast eine zweite Revolution. In Frankreich hätte man damit ein Problem.

In der aktuellen Saison ist nun eine schleichende Germanisierung der internationalen Mode zu beobachten: Das Thema Bequemlichkeit spielt auf einmal eine große Rolle. Zur aktuellen Kollektion von Louis Vuitton etwa gehören geblümte Pyjamas, Seidennegligés und edle Morgenmäntel. Mary-Kate und Ashley Olsen entwarfen für ihr Label The Row Kimonos, Nachthemden und Einzelteile im Schlafanzug-Look. Rochas hat XXL-Pyjamas aus Seide im Programm, und die Zweiteiler bei Stella McCartney erinnern an gemütliche Strampler. Die aktuelle Céline-Kollektion enthält sogar kuschlig weiche Wollhandtaschen.

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Die Mode wird also anschmiegsamer, sie soll so bequem wie möglich sein – und darf so aussehen. Das ist der feine Unterschied zu German gemutlichkeit: In der neuen Komfortzone der Mode wird eine Bequemlichkeit zur Schau getragen, die etwas über eine entspannte Lebenshaltung verraten soll. Ob sie sich dabei tatsächlich angenehm anfühlt, bleibt Nebensache. Man betrachte den neuen Schuh, den Miuccia Prada soeben in Mailand gezeigt hat. Eindeutig von einer Trekkingsandale inspiriert. Und ganz bestimmt nicht komfortabel.