Das muss ja eine ganz besondere Veranstaltung sein. Schon eine Viertelstunde bevor es losgeht, ist der große Hörsaal in der Universität Duisburg-Essen fast voll. Offenbar will niemand etwas verpassen. Kurz vor Beginn kommt eine Frau herein und eilt an den Sitzreihen vorbei die Treppe nach unten, sie trägt eine grüne Weste, eine große Tasche schwingt ausladend mit ihren schnellen Schritten mit. Die Gespräche im Hörsaal verstummen. Noch etwas außer Atem, tritt die Frau ans Mikrofon: "Ich darf mich kurz vorstellen. Ute Klammer mein Name, ich bin Prorektorin der Universität und verantwortlich für Diversity Management. Ich freue mich ganz besonders, Sie heute hier begrüßen zu dürfen. Denn was vor uns liegt, ist eine Premiere – und auch ein Experiment." Dann erklärt Klammer, worum es geht: um die vielleicht größte Herausforderung Deutschlands im Bildungsbereich – und darum, wie die Zuhörer mithelfen können, sie zu bewältigen.

Vor allem junge Lehrer und Lehramtsstudenten sind gekommen, darunter viele Migranten. Die meisten von ihnen kennen das Problem, das Klammer anhand einiger Eckdaten skizziert, aus eigener Erfahrung: Von 100 Kindern, deren Eltern selbst studiert haben, nehmen 77 ein Studium auf, während von 100 Kindern, deren Eltern einen Hauptschulabschluss haben, nur 13 den Weg an eine Hochschule finden. Diejenigen aus bildungsfernen Elternhäusern studieren trotz guter Leistungen nur selten. In Deutschland, so fasst Klammer zusammen, sei Bildung noch immer zu stark mit der Herkunft verknüpft. Das zu ändern liege zu einem großen Teil in den Händen der Lehrer.

"Es geht nicht darum, alle Erstsemester ans Händchen zu nehmen"

Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht, so lautet der Titel der Veranstaltungsreihe, die sie an diesem Herbstmorgen eröffnet. Die Teilnehmer sollen in den nächsten fünf Tagen in Workshops lernen, die Potenziale von Schülern besser zu erkennen – und zu fördern. "Wir wollen jeden von Ihnen fit machen für die Diversität in den Schulen", sagt Ute Klammer und tritt ab, lächelnd.

Diversität. Man könnte auch einfach sagen: Vielfalt. Vielleicht hätten die Zuhörer im Hörsaal dann noch ein konkreteres Bild im Kopf gehabt. Von Erstsemestern mit Eltern, die nicht studiert haben, oder die nicht in Deutschland geboren sind, von Gaststudenten aus dem Ausland, von Behinderten und Menschen, die 40 Jahre alt sind und noch einmal an die Uni gehen, um sich weiterzubilden, von Studierenden mit Kindern. Prorektorin Ute Klammer ist für alle zuständig, seit fünf Jahren. Sie selbst ist auch Bildungsaufsteigerin, ihre Eltern haben beide nicht studiert und auch kein Abitur gemacht.

Es geht ihr nicht nur darum, ein paar Minderheiten zu fördern, damit sie die gleichen Chancen haben wie alle anderen. Der Wandel müsse umfassender sein, sagt sie. "Wir alle müssen mehr Verständnis für die unterschiedlichen Hintergründe und Bedürfnisse von Menschen entwickeln. Deshalb haben wir hier nicht nur einzelne Gruppen, sondern im Grunde alle Mitglieder der Universität im Blick", sagt die Vizerektorin, während sie über den Campus zu ihrem Büro läuft. Das gelingt am besten mit den Mentoring- und Buddyprogrammen, in denen Studenten mit Schülern oder Lehrende mit Studienanfängern zusammengebracht werden, die Bildungsaufsteiger sind, oder mit ausländischen Gaststudenten. "Wir haben jeden unserer fast 40.000 Studenten im Visier", sagt Klammer.

Mit schnellen Schritten eilt die 50-Jährige über den zentralen Platz des Campus in Essen. Buntes Herbstlaub bedeckt den Boden, unter den Bäumen sitzen Studenten mit ihrem Kaffee in der Sonne. Vielfalt ist an der Uni Duisburg-Essen nicht einfach nur ein Schlagwort oder ein Seminarthema, sondern mehr als anderswo ist sie gelebte Wirklichkeit. Durchschnittlich jeder vierte Student, der Ute Klammer auf dem Campus entgegenkommt, hat einen Migrationshintergrund. Mehr als jeder zweite hat Eltern ohne Hochschulerfahrung, ergab eine Befragung der Uni. Bundesweit hingegen haben laut Sozialerhebung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung 57 Prozent der Universitätsstudenten Eltern mit akademischem Abschluss, und nur etwa jeder fünfte hat einen Migrationshintergrund.

"Diese besonderen Gegebenheiten machen unsere Universität auch zu einer Art gesellschaftlichem Labor", sagt Klammer, die selbst Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlerin ist. Deutschland-, europa- und weltweit werden die Universitäten vielfältiger. Deshalb will man die Vielfalt an der Uni Duisburg-Essen nicht nur moderieren und erleichtern, sondern ihre Dynamik auch erforschen: Was ist wichtig, damit der Einzelne sein Potenzial entfalten kann? Wie lässt sich Chancengleichheit schaffen? Wie kann man die Universität auch für diejenigen Begabten öffnen, die dazu zu Hause keinen Impuls bekommen? "Es kann allerdings nicht darum gehen, alle ans Händchen zu nehmen. Das könnten wir gar nicht stemmen", sagt Klammer. "Es reicht oft schon, sie abzuholen." Mitkommen tun sie dann von selbst.

So wie Özcan Sarikaya, der heute seinen ersten Tag an der Uni hat. Als ihn die Universität Duisburg-Essen vor drei Jahren abholte, war Özcan gerade in die neunte Klasse gekommen. Er hatte sehr gute Noten, aber das hieß für ihn noch lange nicht, dass er Abitur machen würde. Seine Eltern arbeiten unter prekären Verhältnissen. Eigentlich wollte Özcan schnell Geld verdienen, um seine Eltern und die beiden jüngeren Geschwister finanziell unterstützen zu können. Auf Anraten seines Lehrers bewarb er sich trotzdem bei Chance hoch 2, einem Programm, das die Uni für Schüler aus Nichtakademikerfamilien aufgelegt hat. Damit werden sie von der neunten und zehnten Klasse an bis zum Abitur und danach während eines möglichen Studiums begleitet. Özcan wurde genommen und lernte "eine neue Welt" kennen, wie er heute sagt.