Hier wächst der Rote Regent.

Im deutschen Nirgendwo, wo die Bimmelbahn von Paderborn nach Holzminden auf die Weser trifft, liegt 37671 Höxter. "Rathaus Höxter" heißt der Bahnhof, als gäbe es noch weitere im Städtchen. Geputzte bunte Fachwerkhäuschen, Weserrenaissance. Früher, zu Zeiten Karls des Großen, war hier so etwas wie Zonengrenzgebiet. Jenseits der Weser begann heidnisches Sachsenland. Nach der Reformation war es hüben katholisch, drüben protestantisch. Heute ist Höxter die östlichste Kommune Nordrhein-Westfalens.

Aus Höxter vernahm ich die frohe Kunde vom ersten "ökumenisch-biblischen Weinpfad Norddeutschlands". Gerade wurde er in Anwesenheit von zwei grünen Landwirtschaftsministern eingeweiht. Was hat die Aussöhnung der Christenheit mit Wein zu tun? Seit wann gibt es in Norddeutschland Weinberge, anders gefragt: Gibt es neuerdings Weserwein?

Nur ein paar Schritte vom Bahnhof flussabwärts stoße ich auf den Weserradweg und nach zwei Kilometern Spazieren erstreckt sich vor mir Schloss Corvey, ehemals eine mächtige Benediktinerabtei, heute in Privatbesitz und von Touristen gern besucht. Weht die Fahne auf dem Dach, sind seine Durchlaucht Viktor V., Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey, daheim. Im fürstlichen Kuhstall treffe ich Michael Rindermann. Wo früher gemuht und gemolken wurde, hat er eine fein sortierte Weinhandlung eingerichtet. Rindermann ist Weinexperte, ja Weinverrückter. Er hat sich den neuen Pfad mit ausgedacht. Der Händler lädt mich in sein Auto ein: "Wir könnten auch zu Fuß gehen, doch dann müssten wir mitten durchs Höxteraner Gewerbegebiet."

Die Abtei Corvey

An der B 64 halten wir an einem Hügel mit dem Namen Räuschenberg. Hinweisschilder auf dem Parkplatz zeigen, dass die hiesigen Touristiker vom Erfolg des Jakobswegs gelernt haben. Es gibt einen "Renaissance Weg". Zugleich führt hier auf 40 Kilometern der "ökumenische Weg der Stille" entlang. Und eben der "Biblische Weinpfad". Ich erfahre, dass er nur 2,3 Kilometer misst – dafür habe ich mir Wanderschuhe angezogen! Der Weg ist dem Heimat- und Verkehrsverein Höxter sowie Aktivisten wie Rindermann zu verdanken. An sieben Stationen ist auf einer Stehle ein aufgeschlagenes Buch aus Holz montiert. Zu lesen ist darin jeweils etwas über die Geschichte des Ortes und die Verbundenheit der Bibel mit dem Wein. An 220 Stellen wird der Wein in der Bibel erwähnt! So wird Gott als Winzer vorgestellt, sein Sohn als Weinstock. Dessen Jünger sind die Rebzweige. Und dann die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelte – die Bibel ist keine Abstinenzlerlektüre.

Eine überraschend große Kapelle taucht aus dem Grün auf, die vom Volksmund immer schon "Weinbergkapelle" genannt wurde. Hier finden Gottesdienste mit Katholiken, Protestanten und Christen aus dem nahen koptischen Kloster Brenkhausen statt – daher der Name "ökumenischer Weinpfad". Rindermann erzählt, dass die Kapelle sowie ein paar einschlägige Flurnamen ihn vor Jahren dazu bewogen, die Geschichte des Räuschenbergs zu studieren. Er unternahm Streifzüge durchs Gebüsch, entdeckte zugewachsene Terrassen und Reste von Kellern. In den Annalen von Kloster Corvey fanden sich weitere Hinweise. Tatsächlich: An dieser Stelle hatten Corveyer Mönche Ende des 17. Jahrhunderts Wein angebaut.

Klöster haben immer einen hohen Weinbedarf, schon wegen des Konsums von Messwein. Zudem, so werde ich bei der Kapelle informiert, hatte der heilige Benedikt in die Ordensregeln den gewundenen Passus geschrieben: "Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche. Aber weil sich die Mönche heutzutage davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall." Eine "Hemina" täglich, das ist gut ein Viertelliter Wein, gestand der Ordensgründer seinen Brüdern zu.