Man stelle sich vor, es käme heraus, dass Aspirin nicht deshalb gegen Kopfschmerz wirkt, weil es Acetylsalicylsäure enthält – sondern weil auch Maisstärke in den Tabletten steckt, als Bindemittel.

Etwas Ähnliches haben Wissenschaftler nun über Campral herausgefunden, ein Medikament, das bei trockenen Alkoholikern das Verlangen senkt und ihnen so helfen soll, nicht rückfällig zu werden. Ein Forscherteam um Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat festgestellt, dass der patentierte Wirkstoff Acamprosat offenbar nutzlos ist. Für die Wirkung scheint Kalzium verantwortlich zu sein, das ebenfalls in den Tabletten enthalten ist.

"Man könnte die Patienten mit gleichem Erfolg mit einem stark kalziumhaltigen Mineralwasser behandeln", sagt Spanagel. "Oder ihnen dreimal am Tag ein Stück Pecorino geben." Seine Studie erscheint in der Zeitschrift Neuropsychopharmacology. In derselben Ausgabe kommentiert Markus Heilig, Direktor des U. S. National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, das Ergebnis: "Nicht endgültig, aber höchst provokant."

Campral ist seit fast 20 Jahren in Deutschland zugelassen. Mehr als 450 Studien sind über das Medikament veröffentlicht worden. Sollte sich Spanagels Entdeckung bestätigen, wäre all das Makulatur. Drei Pharmaunternehmen sind betroffen: Merck und Forest Laboratories, die Campral in den USA vertreiben, sowie InnoPharma. Die Firma hat gerade ein Generikum mit Acamprosat in den USA herausgebracht. Die neuen Erkenntnisse könnten Millionenverluste bedeuten.

Interessant ist die Rolle eines weiteren amerikanischen Unternehmens: XenoPort. Fünf der zehn Forscher, die an der Studie mitgearbeitet haben, sind bei dieser Firma angestellt, Spanagel hat sie beraten. "Eigentlich wollten wir die Wirkung von Acamprosat verbessern", sagt der Psychopharmakologe. Die ist nicht durchschlagend: Campral senkt das Rückfallrisiko um 14 Prozent. "In der Patentschrift stand, dass es wichtig ist, mit welchem Salz Acamprosat verabreicht wird", sagt Spanagel. Die Wissenschaftler testeten das an alkoholsüchtigen Ratten. Haben die Tiere nach Abstinenz wieder Zugang zu Alkohol, trinken sie mehr als gewöhnlich, ähnlich wie Alkoholiker bei einem Rückfall. Als die Forscher ihnen Acamprosat als Natriumsalz gaben, schluckten die Tiere übermäßig. Als Kalziumsalz dagegen normalisierte das Mittel ihr Trinkverhalten. Also verabreichte man den Ratten Kalzium über einen anderen Trägerstoff. Auch das funktionierte.

Das Rätsel um den Wirkmechanismus

Wie Campral genau wirkt, hatte man zuvor auch in Hunderten Studien und Jahrzehnten der Anwendung nicht herausgefunden. Verschiedene Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Acamprosat das Glutamat-System beeinflusst. Bei Alkoholikern ist die Menge dieses Botenstoffes erhöht, was zu einer Übererregung von Nervenzellen im Gehirn führt. Dem schien Acamprosat entgegenzuwirken. Doch eine molekulare Andockstelle für den Wirkstoff wurde nie gefunden – weil es sie nicht gibt?

Auch Blutproben von Patienten, die Acamprosat bekommen hatten, deuten darauf hin. Der Behandlungserfolg war bei denjenigen am größten, die die höchsten Kalziumwerte aufwiesen. So schließen die Forscher, dass es das Kalzium ist, welches das Verlangen nach Alkohol senkt. Wie genau, darüber können sie nur spekulieren.

Der US-Forscher Markus Heilig hält die Befunde für stichhaltig: "Das ist eine sehr solide Studie von einer der führenden Gruppen auf dem Gebiet." Als Spanagel seine Ergebnisse zum ersten Mal vorgestellt habe, sagt Heilig, "bin ich vom Stuhl gefallen. Wenn ein anderer das behauptet hätte, hätte ich gesagt: Das ist verrückt, vergiss es." Für den Beweis brauche es jedoch groß angelegte klinische Studien.

Hilfreicher aber wäre es, die Wirkung von Kalzium zu untersuchen. "Das könnte man schnell einsetzen", meint Spanagel. Für die von ihm beratene Firma XenoPort sei die Acamprosat-Forschung eine Pleite gewesen, sagt er. Statt mit einem besseren Mittel steht sie momentan mit gar keinem da.