Carsten Dahlmann hat fast sein ganzes Leben lang gemacht, was sich Politik und Wirtschaft von den Menschen im Land wünschen: Er hat gelernt. Dahlmann ist zwar erst 35, aber er hat schon einen beachtlichen Zickzackkurs durch die deutsche Bildungslandschaft hinter sich: Gymnasium nach der 10. Klasse abgebrochen, Ausbildung zum Informatikkaufmann gemacht, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, als Jahrgangsbester abgeschlossen. Seit 2009 studiert er an der Universität Wuppertal Germanistik und Geschichte, er will Lehrer werden oder Wissenschaftler. Ein Bildungsaufsteiger.

Der Staat hat ihn bislang immer unterstützt, mit bis zu 670 Euro Bafög im Monat. Jetzt ist Carsten Dahlmann kurz vor dem Abschluss seines Bachelorstudiums – und bekommt kein Geld mehr. Er hat zu lange studiert, er ist zu alt. Auch für ein Masterstudium, das er gern anschließen würde, kann er keine finanzielle Hilfe erwarten. Dahlmann hält das für Altersdiskriminierung. "Immer wird vom lebenslangen Lernen gesprochen, von Bildungschancen, die man nutzen soll", sagt er, "doch am Ende wird man dafür bestraft, dass man älter ist." Ohne Bafög, so Dahlmann, könne er nur schwer weiterstudieren, weil er sich nun durch Arbeit neben dem Studium komplett selbst finanzieren müsse.

An Menschen wie Carsten Dahlmann muss Bundesbildungsministerin Johanna Wanka gedacht haben, als sie im Frühjahr, kurz nach ihrem Amtsantritt, überraschend ankündigte, sie wolle das Bafög ausweiten und stärker an die Lebenswirklichkeit anpassen. "Die Studentenschaft wird immer unterschiedlicher, da geht es um Teilzeitstudium, eine akademische Ausbildung für beruflich Qualifizierte, es geht um den späteren Studienbeginn nach der ersten Berufserfahrung", sagte sie in einem Interview. Damit reagiert die CDU-Ministerin auf eine sich verändernde Arbeitswelt, aber auch auf den Wunsch der Wirtschaft nach mehr und höher qualifizierten Fachkräften. Bei Carsten Dahlmann hat sie mit ihrem Vorstoß jedenfalls große Hoffnungen geweckt. "Wenn da was passiert", sagt er, "könnte ich meinen Master machen, ohne nebenbei arbeiten zu müssen."

Erstmals seit Jahren kommt jetzt wieder Bewegung in die Sache. Für Studenten könnte die große Koalition von CDU und SPD ein Glücksfall sein. Vieles deutet darauf hin, dass nun, durch das Zusammengehen der beiden größten Parteien, die dann im Bund und in den Ländern das Sagen haben werden, ein großer Wurf beim Bafög gelingen könnte. In den Koalitionsverhandlungen ist die Studienförderung ein wichtiges Thema, sagen Vertreter von CDU und SPD. Die zuständige Arbeitsgruppe Bildung wird geleitet von Johanna Wanka und der rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerin Doris Ahnen. Beide lassen durchblicken, dass sie an einer Lösung interessiert sind. Mit konkreten Ansagen will sich aber keine aus der Deckung wagen. Nur so weit: "Die Weiterentwicklung des Bafög ist für mich ein ganz wichtiger Punkt", sagt Johanna Wanka. "Ich sehe jetzt die Chance, dass CDU/CSU und SPD, aber auch Bund und Länder, gemeinsam zu einer tragfähigen Lösung kommen."

Eine Reform der Ausbildungsförderung ist überfällig. Viele Probleme sind seit Jahren bekannt, aber von der Politik verschleppt worden. Wankas Vorgängerin Annette Schavan hatte das Thema nur halbherzig verfolgt und sich stattdessen mehr um das Deutschlandstipendium gekümmert, mit dem vor allem leistungsstarke Studenten gefördert werden. Dabei ist noch nicht einmal das ursprüngliche Ziel des Bafögs erreicht worden, nämlich mit staatlicher Hilfe mehr Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern an die Hochschulen zu bringen: 1991 kamen 21 Prozent aus einer Familie, in der höchstens ein Elternteil eine abgeschlossene Berufsausbildung hatte, heute sind es neun Prozent.

Zudem ist bislang jeder größere Reformvorstoß am Widerstand der Länder gescheitert. Sie müssen 35 Prozent der Leistungen finanzieren, der Bund steuert 65 Prozent bei. Doch selbst dieser Anteil ist vielen Bundesländern noch zu hoch. Zu Zugeständnissen sind sie nur bereit, wenn ihnen die Mehrkosten erstattet werden. Durch die jahrelangen Verzögerungen ist der Handlungsdruck groß. Anfang des nächsten Jahres muss die Bundesregierung einen neuen Bafög-Bericht vorlegen; damit dürfte die desolate Lage bei der Studienförderung noch deutlicher werden.

Dabei ist es ein erklärtes politisches Ziel aller Parteien, das Bafög weiter zu öffnen für neue Studierendengruppen. Bislang ist die Förderung dafür wenig geeignet. Weil Antragsteller nicht älter als 30 Jahre sein dürfen oder 35 für ein Masterstudium. Und weil die bisherigen Fördersätze von maximal 670 Euro zu niedrig sind für jemanden, der nach einigen Berufsjahren noch studieren möchte und womöglich eine Familie ernähren muss. "Wenn mehr Berufstätige und Ältere studieren sollen, dann muss man sie auch besser finanziell absichern und darf sie nicht zu Sozialfällen machen, nur weil sie sich weiterbilden wollen", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks.