Die Meldungen vom Balkan klingen entsetzlich. Zum zweiten Mal innerhalb von nur zwei Jahren tobt dort der Krieg. Für das SPD-Blatt Die neue Zeit ist es ein "Vernichtungskrieg", der "alle Exzesse der Kriege der letzten fünf Jahre erblassen" lasse. Die Vossische Zeitung in Berlin berichtet Anfang Februar 1913 von serbischen Grausamkeiten an albanischen Zivilisten. Etliche Orte seien niedergebrannt, selbst Kinder von serbischen Bajonetten niedergemacht worden. Ähnliche Meldungen finden sich in der Allgemeinen Zeitung aus München: In Mazedonien würden systematisch Dörfer und Distrikte umzingelt und die nicht slawischen Männer "mit Axt und Sense" erschlagen. "Das Zeitalter der Aufklärung", resümiert die Vossische, "ist für den Balkan noch lange nicht angebrochen, die wildeste Barbarei herrscht dort noch."

Entsprachen diese Schilderungen der Wirklichkeit? Brachte der Zweite Balkankrieg tatsächlich "bulgarische Unmenschlichkeiten" hervor, die eine Schande für das gesamte 20. Jahrhundert bleiben würden, wie die Neue Preußische Zeitung im August 1913 meinte? Da unabhängige oder gar überprüfbare Nachrichten von den Kriegsschauplätzen fehlten, die Redaktionen in Europas Hauptstädten aber ausführlich berichten wollten, blieb der Grat zwischen Wahrheit und Dichtung – nach dem Urteil des Berliner Historikers Florian Keisinger, der die Zeitungen daraufhin untersucht hat – zwangsläufig schmal. Den Interpretationsmöglichkeiten der Leitartikler waren kaum Grenzen gesetzt.

Im kollektiven Gedächtnis Europas haben die beiden Balkankriege vor hundert Jahren keinen prominenten Platz erhalten. Der Erste Weltkrieg überdeckte die Erinnerung an diese unmittelbaren Vorgängerkonflikte. Dabei war zumindest die Frage nach dem tatsächlichen Charakter der Kriege rasch beantwortet worden: Im Spätsommer 1913 hatten internationale Experten im Auftrag der amerikanischen Carnegie-Stiftung Ursachen und Verlauf der beiden Balkankriege untersucht. Ihr Fazit: Alle beteiligten Parteien seien im gleichen Ausmaß für die Kriegsgräuel verantwortlich. Dies gelte ebenso für die Frage der Kriegsschuld. Damit kam der Carnegie-Report zu einem Urteil, das auch heutige Untersuchungen teilen.

Doch wer kämpfte gegen wen und warum? Die Ausgangslage: Vor hundert Jahren beherrschte das Osmanische Reich noch immer weite Gebiete Südosteuropas – Mazedonien, Albanien sowie Teile Serbiens, Bulgariens und Griechenlands. All diese Länder oder Regionen gehörten zu einem Vielvölkerreich, das sich auf dem Höhepunkt seiner Macht im 16. Jahrhundert von Budapest bis Bagdad, von der Krim bis Kairo und Tunis erstreckt hatte. Erst 1683 vor Wien erreichte es den Endpunkt seiner Ausdehnung. Seither mussten die Osmanen einen Rückschlag nach dem anderen hinnehmen. Während die Gebiete in Nordafrika zunehmend an Eigenständigkeit gewannen, fiel an der europäischen Peripherie des Reiches Provinz um Provinz an aufsteigende Mächte. Die größten Profiteure waren Österreich-Ungarn und Russland.

Hinzu trat, nach Analyse des Münsteraner Historikers Michael Schwartz, seit dem 19. Jahrhundert die Sprengkraft des modernen Nationalismus, der die Zukunft der Völker nicht in multinationalen "Völkerkerkern", sondern in einheitlichen, möglichst "sauber" voneinander getrennten Nationalstaaten sah. Die Folge: Innerhalb von gut hundert Jahren zerfielen die Vielvölkerreiche. Vom Osmanischen Reich spalteten sich neue Nationalstaaten ab: zunächst, 1830, Griechenland, später Serbien, dann Rumänien, Montenegro und Bulgarien, schließlich, 1912, Albanien. Das folgende letzte Jahrzehnt dieses Prozesses verlief besonders gewalttätig – beginnend mit den beiden Balkankriegen 1912/13, unmittelbar danach im Ersten Weltkrieg und wiederum anschließend im Griechisch-Türkischen Krieg und mit "ethnischen Säuberungen" bis 1923. Am Ende entstand auch im anatolischen "Kernland" des Osmanischen Reiches ein neuer Nationalstaat: die Türkische Republik Kemal Atatürks.

Gemeinsam war diesen Kriegen, dass die nationale "Befreiung" mit Massakern und Vertreibungen verbunden blieb. Dies gehörte zur Kriegsstrategie. Die 1907 in letzter Fassung vereinbarte Haager Landkriegsordnung zur Einhegung von Kriegsgewalt blieb auf dem Balkan vorerst Theorie: Zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten wurde kaum unterschieden. Der Krieg war enthegt. Zivilisten, ob einzeln oder in Gruppen, wurden gezielt getötet, ganze Ortschaften geplündert und abgebrannt. All das war Kriegsalltag. "Ethnische Säuberungen", schreibt der britische Historiker Mark Mazower in seinem Buch Der Balkan, seien sowohl 1912/13 als auch in Anatolien 1921/22 als auch in den neunziger Jahren im ehemaligen Jugoslawien nicht der spontane Ausbruch eines urzeitlichen Hasses gewesen, sondern der wohlüberlegte Einsatz organisierter Gewalt gegen Zivilisten durch paramilitärische Kommandos und Armee-Einheiten: "Sie repräsentierten die extreme Gewalt, die Nationalisten anwenden mussten, um eine Gesellschaft auseinanderzubrechen, die durchaus fähig war, die weltlichen Brüche zwischen Klassen und Ethnien zu ignorieren."