Zentrale der Bafin © dpa

Wenigstens in einem Punkt sind sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Finanzbranche einig: Das Beraterregister nervt. Bankberater würden dadurch "pauschal an den Pranger gestellt", sagte Georg Fahrenschon, oberster Vertreter der deutschen Sparkassen. Und die Gewerkschaft ver.di reichte in Frankfurt sogar Klage ein, weil im Register angeblich zu viele Daten gespeichert würden.

Vor genau einem Jahr, am 1. November 2012, hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) das Register eingerichtet. Dort sind nun die Namen aller Bankberater in Deutschland sowie die ihrer Vorgesetzten aufgelistet – insgesamt mehr als 180.000 Personen. Außerdem müssen Banken sämtliche Kundenbeschwerden an die BaFin weiterleiten. Die Aufseher ordnen sie den einzelnen Beratern und Filialen zu, um eingreifen zu können, wenn sich Beschwerden häufen.

Auf diese Weise sollen Kleinkunden besser vor Falschberatung bewahrt, soll der Anlegerschutz gestärkt werden. Dies war das zentrale Ansinnen eines Gesetzes, das 2011 nach den Erfahrungen aus der Finanzkrise im Bund verabschiedet wurde. Im Vorfeld der Finanzkrise hatten Banken massenhaft riskante Zertifikate der US-Pleitebank Lehman verkauft – und zwar auch an risikoscheue Anleger.

Die deutsche Finanzbranche lehnt das Register ab – aber was bringt es den Bankkunden? Fest steht: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler entdeckt werden. Berater, die viele Beschwerden provozieren, müssen mit Besuch rechnen. Günter Birnbaum, zuständiger Abteilungsleiter bei der BaFin, berichtet, seine Mitarbeiter würden Filialen im ganzen Land aufsuchen, bei denen sich Beschwerden häufen, um Beratungsprozesse zu überprüfen und Gespräche mit dem Vertriebsleiter und dem betroffenen Kundenberater zu führen.

Mehr als 150 solcher Besuche haben die Spezialisten seit November 2012 absolviert und dabei mehr als 200 Berater gesprochen, um deren Meinung zu Beschwerden zu hören. Oft keine einfache Situation. "Niemand bricht in Jubel aus, wenn die Finanzaufsicht kommt", sagt Birnbaum.

Nach kurzer Zeit seien die Gespräche aber oft sehr konstruktiv verlaufen. "Uns geht es nicht in erster Linie darum, Sanktionen zu verhängen", so Birnbaum. Ziel sei es vor allem, "Schwächen aufzudecken und Mängel abzustellen".

Eine der häufigsten Schwächen, die in den Gesprächen zutage träten, seien zu standardisierte Beratungen, berichtet Birnbaum. Das sei oft die Folge starrer Verkaufsvorgaben der Vertriebsabteilung. "In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass die individuelle Situation des Kunden nicht ausreichend berücksichtigt wird", so Birnbaum.

Deshalb sei es so wichtig, auch mit dem Vertriebschef zu sprechen, der für die Verkaufsvorgaben verantwortlich ist. Zu diesem Zweck enthält das Register der Finanzaufseher – neben den Namen von 161.000 Bankberatern – auch die Namen von 25.000 Vertriebsverantwortlichen.

Man wolle eben nicht einzelne Berater an den Pranger stellen, sondern Strukturen hinterfragen und Vertriebschefs zum Umdenken bewegen, lautet die Botschaft der BaFin.

Tatsächlich sind strenge Verkaufsvorgaben oft ein Auslöser für Falschberatung. Je mehr Fonds, Zertifikate oder Bausparverträge Mitarbeiter loswerden müssen, desto geringer ist der Anreiz für sie, Kunden über Risiken und Nebenkosten aufzuklären – schließlich könnte das den Vertragsabschluss gefährden.

"Nach unserer Erfahrung ist der Verkaufsdruck in vielen Banken noch immer sehr hoch", kritisiert der Düsseldorfer Anlegerschutzanwalt Julius Reiter. Das führe dazu, dass den Kunden oft Produkte verkauft würden, "die mehr der Bank nutzen".

Ein Indiz dafür, dass noch einiges im Argen liegt, ist die Zahl der Beschwerden: Nach Angaben der BaFin sind seit November 2012 rund 10.000 Reklamationen von Bankkunden eingegangen.

Die im Verband Deutsche Kreditwirtschaft (DK) zusammengeschlossenen Spitzeninstitute von Sparkassen, Volks- und Privatbanken betonen jedoch, dass "die gesamte Bandbreite von Beschwerden" registriert werde, "ganz gleich, ob unberechtigt oder nicht". Angesichts dieser Tatsache sei die Zahl "relativ niedrig". Zudem kritisiert die DK, dass die "pauschale Erfassung von Beratern und Beschwerden" die Mitarbeiter in der Kreditwirtschaft erheblich verunsichert habe.

Nicht alle Beschwerden sind stichhaltig. Mancher Kunde ärgere sich nur, dass seine Aktie gefallen sei – obwohl er sich der Risiken bewusst gewesen sei, berichtet ein weiterer Finanzaufseher. Aber immer wieder stellt sich bei der Analyse vor Ort eben doch heraus, dass die Beratung mangelhaft war – etwa, weil Banker laut Beratungsprotokoll nicht nach Risikobereitschaft, Einkommen oder Vermögen ihres Kunden gefragt haben.

Dass dies keine Seltenheit ist, belegt eine Fallstudie des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen: In mehr als der Hälfte der untersuchten Protokolle würden Einnahmen oder Ausgaben des Kunden falsch dokumentiert. Noch häufiger fehlten Angaben zu Nebenkosten des Anlageprodukts.

Wenn die BaFin solche Mängel feststellt, kann sie den Mitarbeiter oder die Bank verwarnen und Bußgelder von bis zu 200.000 Euro gegen die Bank verhängen. Zudem können die Aufseher ein Institut anweisen, Mitarbeiter bis zu zwei Jahre nicht mehr in der Anlageberatung einzusetzen.

Zur Frage, wie häufig die BaFin bislang nach Filialbesuchen Sanktionen verhängt hat, äußert sich die Behörde nicht. Mitarbeiter lassen jedoch durchblicken, dass sie bei mangelhafter Beratung entschlossen durchgreifen und mit den Vorgesetzten der Berater über die Vertriebsvorgaben sprechen.

Berater werden nicht nur strenger kontrolliert und müssen sich registrieren lassen, sie müssen seit der Gesetzesänderung auch bestimmte Mindestqualifikationen erfüllen. Banken dürfen nur noch "sachkundige" Mitarbeiter in der Beratung einsetzen. Die Folge sei ein Wandel in der Branche, sagt Birnbaum. "Kundenberater sind immer besser qualifiziert. Das ist eine sehr wichtige Entwicklung, weil die Anforderungen an Anlageberater deutlich gestiegen sind."