Wie entscheidend der Raub an den Juden für die Organisation der "Endlösung" war, hat, so scheint es, die Forschung umfassend aufgearbeitet. Umso schockierender ist es, wenn wir erfahren müssen, dass unser Wissen blind ist für das, was unser Leben noch heute betrifft. Diesen Erkenntnisschock provoziert die Ausstellung Geraubte Mitte des Berliner Stadtmuseums. Zum ersten Mal untersucht eine deutsche Großstadt systematisch die Komplizenschaft von Stadtgeschichte und Judenmord. Albert Speer, als Generalbauinspektor verantwortlich für die künftige Reichshauptstadt "Germania", planierte nicht nur Teile der Altstadt für ein monumentales Verwaltungsviertel. Er liquidierte von 1938 an auch jüdischen Wohnraum für Abrissmieter. Auf diesen Auflistungen basierten 1942 die Deportationslisten.

Diese Ausstellung ist erschreckend und suggestiv zugleich. Die Kuratoren Benedict Goebel und Lutz Mauersberger haben mit knappem Etat und mit Aufopferung in prekären Arbeitsverhältnissen Großes geleistet: Sie haben einzigartige Funde, seltene Fotografien aufgetrieben, sie haben Schicksale von Familien verfolgt, weltweit Angehörige aufgespürt, letzte Äußerungen und Zeugnisse gesichert. Aber der Besucher studiert nicht nur die Dokumente der Verfolgung, er befindet sich unversehens in einem Stadtrundgang im verschwundenen historischen Zentrum. Wandhohe Fotografien der jüdischen Geschäftshäuser und Straßenräume vergegenwärtigen, wie sehr durch den Raub an den Juden Berlin sich auch selbst beraubt hat.

Die Kuratoren hatten vor einem Jahr gewissermaßen als Vorgängerausstellung die Vergessene Mitte vorgestellt. Um diese Mitte geht es auch. Heute liegt da zwischen Fernsehturm und Schlossbaustelle eine Stadtbrache, eine immer leicht verwahrloste Öde, in der die gotische Marienkirche wie ein Fremdkörper steht. Diesem Stadtbildverlust und dieser Geschichtsleere entspricht die Geschichtsvergessenheit der Berliner. Denn die "Arisierung" machte die Altstadt zum Ort zweier Diktaturen. Sie verstaatlichte den gesamten Grundbesitz und ermöglichte es der DDR, die Staatsachse, die sozialistische Hauptstadt-Utopie zu bauen: die monumentale Verbindung von Staat, Gesellschaft, Erholung, Wohnen, von Außenministerium, Palast der Republik, Park, Fernsehturm, Wohnmaschinen.

Diese Achse ist zerbrochen, und Berlin beginnt allmählich zu begreifen, dass die Leere "in Mitte" nicht das letzte Wort haben kann. Tatsächlich meldet sich zu dieser Zeit, auch zusammen mit der Ausstellung, ein beinahe enthusiastischer Diskurs an. Stellvertretend für viele erklärt der neue SPD-Landesvorsitzende Jan Stöß zu jener vergessenen und geraubten Mitte, dass "dort, wo die Stadt entstand, wieder Stadt sein soll". Und er setzt hinzu: Sollten aus den Bauparzellen Restitutionsansprüche erwachsen, sei das kein Hindernis, sondern die Auseinandersetzung, der Berlin sich stellen müsse. Die Ausstellung Geraubte Mitte gibt der vergessenen und gelöschten Stadtgeschichte Bilder, Erzählungen, ja, Hoffnung zurück.