Am Ende der Recherchen in Spanien besteht keine Gewissheit. Keine Sicherheit. Aber es gibt massenhaft Indizien: Jahrelang wurden hier Sportler gedopt. Ein Land steckt in der Krise. Und mit ihm vielleicht der Sport generell. La crisis, es ist dieses eine Wort, das auf Spanien lastet, und es ist der Kern dieser Geschichte.

Vielleicht ist es das Unwort des Jahrzehnts in Spanien – wenn sie so was hier überhaupt kennen –, vielleicht das einer ganzen Generation. Wirtschaftswachstum minus eineinhalb Prozent, Arbeitslosigkeit 25 Prozent, Jugendarbeitslosigkeit sogar über 50 Prozent. Dazu noch korrupte Politiker. Es gibt neben der Wirtschaftskrise kaum ein anderes Gesprächsthema im Südwesten Europas. Außer natürlich das des geliebten Sports. Aber da liegt das Problem. Denn auch Spaniens Sport erlebt die Krise.

Nicht nur weil der FC Barcelona und Real Madrid nicht mehr Europas Fußballmächte sind, heute hat die Macht ein Verein aus dem sowieso schon wirtschaftlich übermächtigen Deutschland. Dass dieser Verein Barcelona auch noch den vermeintlich besten Trainer der Welt geklaut hat, natürlich einen Spanier, ist kaum zu fassen und auch ein Teil dieser Geschichte. Vor allem aber hat Spanien sich in den vergangenen Jahren ein besonderes Image in der Welt des Sports erworben: das einer überraschend beeindruckenden Sportgroßmacht. Und zugleich das eines Dopingzentrums.

"Der Sport ist das Letzte, das uns Spaniern geblieben ist", sagt Rodrigo Pardo, Professor am landesweit berühmten sportwissenschaftlichen Institut INEF der Polytechnischen Universität von Madrid. "Und Doping ist wie Korruption, davon wollen wir eigentlich nichts wissen. Die Menschen haben genug Probleme. Jetzt gibt’s zwei Möglichkeiten, mit Doping umzugehen, entweder wir decken alles auf oder wir vertuschen es."

Es ist das Ende mehrerer Reisen innerhalb der letzten Jahre in das Sport-Wunderland Spanien, auf der Suche nach den Hintergründen der unglaublichen Erfolgsgeschichte des spanischen Sports. Es ist auch die Suche nach der Wahrheit hinter all den Vorwürfen: Wie und wo wird gedopt in Spanien?

"Wenn du den spanischen Sport kritisierst, greifst du die spanische Seele an", sagt Professor Rodrigo Pardo, er sitzt inmitten von Kartons in einer Wohnung in Madrid. Vor drei Tagen ist die Familie hier eingezogen. Pardo empfängt in blauen Frotteeschlappen, kurzer Hose, er redet viel und schnell. "Es fehlt eine kritische Öffentlichkeit, wir müssen viel mehr über Doping sprechen", sagt er. Sein Themengebiet ist ethisches Verhalten im Sport als Teil der Gesellschaft. Gerade organisiert er eine Konferenz über Helden und Doping. Diese zwei Wörter führen ins Zentrum der Geschichte.

Wohl selten hat ein Land so große Teile des Weltsports dominiert und dabei so viel Bewunderung auf sich gezogen, aber auch so viel Argwohn, so viele Verdächtigungen, so viele Dopingvorwürfe. Spanien, der Fußballwelt- und -europameister, der Handballweltmeister, Basketballeuropameister. Das Land des seit Jahren den Weltfußball dominierenden FC Barcelona. Das Land Rafael Nadals, zwei Jahre am Stück Weltranglistenerster im Tennis. Das Land des Formel-1-Weltmeisters Fernando Alonso und von Alberto Contador, des mehrfachen Siegers der Tour de France. In Spanien sprechen sie von der generación de oro , der Generation Gold. Aber deren Image und das des Sports ist angeschlagen. Auch wenn der Staat das nicht wahrhaben will.

Im Prozess spricht Fuentes nicht nur von Radfahrern, sondern auch von "einem Fußballer, einem Boxer". Niemand fragt nach

Der wirbt mit der Kampagne Marca España für die Marke Spanien. Unter anderem auch mit dem überführten Doper Alberto Contador. Über 60 Dopingermittlungen hat es in den vergangenen sieben Jahren gegeben, alle paar Monate neue Enthüllungen über Untergrundlabore; immer wieder sind Spitzenathleten involviert. Im Februar 2012 sagt selbst der Minister für Kultur, Bildung und Sport, José Ignacio Wert: "Wir haben ein Dopingproblem in Spanien." Vor allem auch dank des vielleicht größten Dopingskandals der Sportgeschichte.

Es ist Montag, der 28. Januar 2013, als in der Calle Julián Camarillo vor dem Strafgericht Nummer 21 in Madrid ein Mann aus einem Taxi steigt, den man lange nicht gesehen hatte, aber über den seit sieben Jahren gesprochen wird. Es ist der Moment, auf den viele in der Welt des Sports gewartet hatten. Der Mann heißt Eufemiano Fuentes, er ist Frauenarzt und soll das größte Dopingnetzwerk der Sportgeschichte betrieben haben. Weit über 100 Journalisten haben sich akkreditiert für den Prozess gegen ihn, über 20 Kamerateams sind gekommen. Es ist ein solches Spektakel, dass kaum zu glauben ist: Es geht hier um Sport und nicht um Wirtschaftsspionage, korrupte Politiker oder um den spanischen König.