Schattenhafte Anderswelt: Der Straubinger Petersfriedhof

Eben waren da noch der Verkehr auf der Donautangente, der Großparkplatz des Sportzentrums, die säuberlichen Vororthäuschen. Jetzt, jenseits der Mauer, steht man in einer schattenhaften Anderswelt. Das Licht hat gewechselt, in der Luft liegt ein anderes Rauschen, die Füße tappen über gemuldete Kopfsteinpfade und knorzige Wurzelarme, Spinnweben wehen ins Gesicht. Wie schon bei früheren Besuchen ist man der einzige lebende Mensch auf dem Straubinger Petersfriedhof, knistert durch herbstbleiches Gras unter hohen Eschen, Hainbuchen, Rotdornbäumen, steigt über Efeuranken hinweg. Zwischen den Hunderten von Gräbern – verwitterter Stein und grünspaniges Schmiedeeisen, manche halb eingesunken ins Erdreich, andere überwuchert von kriechendem Grün – ist die Gegenwart weggekippt wie eine Kulisse. Auf diesem uralten Gottesacker rund um einen romanischen Kirchenbau, 1879 stillgelegt und der Vegetation überlassen, herrscht mit sanftem Gesetz das Gewesene, das Dahingegangene. Morbidität? Nein, eher heitere Friedsamkeit: Willkommen, Vergänglichkeit, wie beruhigend Verfall und Vergehen sein können, "alles Fleisch ist wie Gras ..."

Man sucht im Kreuz und Quer der Grabdenkmäler nach alten Bekannten. Da ist die Pyramide von 1844 für Johann Baptist Kriegelsteiner, königlich-bayerischer Postverwalter, dem "biederer Charakter und große Dienstgefälligkeit" nachgerühmt werden. Da ist "Ludwig Weiß, Student und einziger Sohn, im Bade verunglückt am 7. Mai 1834", noch keine sechzehn. Da ist die 72-jährige "Edle Jungfrau Anna Maria Knopfin geweste Köchin bey Benefiziat Fürst" – und da sind die Kindergräber: vier "unvergessliche" Kleine, von Hildegard Kreszenz bis Johann Nepomuk, mussten Mitte des 19. Jahrhunderts die "tiefbetrübten" Bierbrauer-Eltern Loichinger hingeben, auf einem anderen Grab steht ein rostiges Kinderbett als Memento.

Schier unermesslich ist auf dem Petersfriedhof der sepulkrale Formenreichtum, Renaissance-Epitaphe, filigrane Schmiedeeisenkreuze, klassizistische Gusseisenmonumente mit Rankenwerk, Blatt- und Traubengehängen, moosüberzogene gotische Lichthäuschen und Weihwasserschalen. An den Grabmälern lehnen trauernde Genien und Engelsfiguren, Vanitassymbolik allenthalben: grinsende Totenschädel und gekreuzte Knochen, Sanduhren, gesenkte Fackeln, ein seifenblasendes Kind. So flüchtig ist unser Leben.

Es ist auf dem Petersfriedhof eine Gratwanderung des Erhalts, die historischen Grabmäler, ein veritables Geschichtsbuch niederbayerischen Lebens und Sterbens, gegen den Wurzeldruck der Bäume, die Sprengwirkung der Efeuranken, die Feuchtigkeit von Flechten und Algen vorsichtig zu konservieren. Andererseits sollen natürlich die einmalig elegischen "Stimmungswerte" nicht zerstört werden, das reizvoll Ruinöse, die Rückeroberung von Menschenwerk durch die Natur. Die sensible Sanierung und Bewahrung kostet viel Geld – die Spendenkontonummer am Ausgang schreibt man sich gleich in sein Notizbuch. Und dann zieht es einen massiv unter die Mitlebenden. Zum Ritual jedes Denk-es-o-Mensch-Petersfriedhofsbesuchs gehört anschließend das Café Krönner am munteren Straubinger Stadtplatz, wo die Stimmen schwirren, die Tassen klappern und die Agnes-Bernauer-Torte sahnig-satte Daseinslust verheißt.

Renate Just