I. Wir schreiben – letztes Jahrhundert, versteht sich – 1984. Auch diesmal feiern wir in Kleinzschachwitz groß Silvester. Wegen Telefonlosigkeit sind Wochen vorher schon Karten und Briefe hin und her gegangen. Denn über die Hausgemeinschaft hinaus haben wir auch Freunde von außerhalb eingeladen; solche, die mit einem Bein schon im Westen oder sonst wie unter Beobachtung stehen. Von vornherein ist also klar, dass Horch und Guck Bescheid wissen wird. – Null Uhr, Apfelbaumsekt in der Hand, hinaus in den Park getreten. Jemand grölt beim Raketenanzünden: "Der Sozialismus siegt!" Ich selber marschiere, untergehakt mit Czechowski, Die Partei, die Partei hat immer recht singend, mitten durch ein Gebüsch. "Macht aus diesem Staat Kartoffelsalat!", ruft allerdings keiner. Feigheit? Oder Klugheit? Nun, die Antwort hängt auch vom jeweiligen historischen Abstand ab.

Als die anderen jedenfalls wieder hineingehen, um in unserer volkseigenen Bröckelvilla weiterzufeiern, seh ich hinten im Park einen blassen jungen Mann, reglos an einen Baum gelehnt.

"Was iss ’n mit dir los?"

"Ich habe meine Familie verloren."

"Armes Schwein, komm rein."

"Der Massel, dieses Rindvieh, hat den Horch und Guck mitgebracht!", höre ich hernach allenthalben. "Die können ruhig wissen, was unsereins fühlt und denkt!", entgegne ich feierlich.

II. Wir schreiben – neues Jahrtausend, versteht sich – das Jahr 2013. In der Zeitung das Foto des amerikanischen Horch und Guck; Fort Meade, Maryland. Die üblichen Großgebäude, von einer Monokultur aus parkenden Autos umgeben. Hinten auch ein Flugzeug zu erkennen. U-Boot leider keins. U-Boote wohl gerade untermeerisch unterwegs, um Kabel anzuzapfen. Denn wenn es um die Freiheit geht, kann auf die Freiheit keine Rücksicht genommen werden. – "17.000 Dienstfahrzeuge deuten auf erheblichen Personalbedarf hin", lautet die Bildunterschrift. Wobei mich der hinterste Parkplatz mit seinen besonders verwinzigten Autos entfernt an einen Friedhof mit aufgereihten Grabsteinen erinnert. Vielleicht, weil mich in Amerika am meisten die Tatsache verblüfft hat, dass dort auch auf Kleinstadtfriedhöfen die Leute mit dem Auto am Grab ihrer Lieben vorfahren. Bin ja immerhin ein Vierteljahr dort gewesen – in Ohiihoo, wie meine Schwiegermutter am Telefon immer sagte: zu meiner Frau, die auch mit in Ohiihoo war, allerdings nur die ersten Wochen. Doch kaum, dass ich ohne Frau im Bett lag, rief mich – manchmal schon früh um Sechse! – eine Partnervermittlung an. Und meinte, dass ich eine Frau brauche. Aber woher wussten sie das? Ich meine: dass ich allein im Bett lag? Gab es hier etwa auch so etwas wie einen Horch und Guck?

Oder war es Zufall, dass sie mich gerade jetzt anriefen? Ja, bestimmt war es Zufall. Reklameanrufe im Mutterland der Freiheit nun einmal üblich. Habe seither auch nie wieder daran gedacht – erst jetzt bei Betrachtung des Fotos von Fort Meade, Maryland, fällt mir die Kleinigkeit wieder ein. Und nebenher frage ich mich auch, wie nur diese Verbrecherfirma hieß, die sich jedes Buch merkt, das ich idiotischerweise bei ihr gekauft habe? Denn so langsam dämmert mir, was Präsident Obama mit seinem "Yes we can" eigentlich gemeint haben könnte. – Ach, allen Ernstes glaubte ich im Befreiungsjahr 1989 – bei der Besetzung der Dresdner Horch-und-Guck-Zentrale, des sogenannten Weißen Hauses, dass – Völker hört die Signale! – demnächst alle Völker ihre Horchdienste abschaffen würden! Damit keiner mehr wissen kann, was unsereins fühlt und denkt! Doch unterdessen hören sie sogar unsere derzeitige Kanzlerin ab. Indem sich ihr Telefon in eine Wanze verwandelt hat. In eine Mobilwanze, versteht sich. Denn kaum, dass sie hineintippt oder -spricht, setzt sie die Wanze – "Yes we can" – auf sich selber an. "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht," lautet hierzu ihr Kommentar. Doch ist, wer dich ausspäht, dein Freund? Da fühle ich mich denn doch viel mehr einem Mann namens Snowden verbunden. Dessen Mut ich die Mitteilung verdanke, dass wir unterdessen alle Geheimdienstmitarbeiter sind.

III. Wir schreiben – na ja, sagen wir – das Jahr 2034. Dass Horch und Guck dann abgeschafft ist, glaube ich mir selber nicht mehr. Der Schock des Jahres 2013 besteht ja weniger darin, dass sich nun die Ahnungen über das Ausmaß unserer Überwachung zur Gewissheit verdichten, sondern eher darin, wie wenig das die meisten kümmert. Allemal wichtiger, dass die Versorgung stimmt. Freiheit auch heute schon mehr eine Frage des Lebensgefühls, des passenden Nickis, der Perle im Ohr. Bei unablässigem Zugang zum Netz, das nicht umsonst Netz genannt wird. – Da ist Freiheit in zwanzig Jahren wohl erst recht ein Begriff von vorgestern. Der Große Bruder kein Schreckgespenst mehr, sondern der, der sich um dich kümmert. Denn was ist schon Schlimmes daran, wenn dich, da du allein im Bett liegst, die Partnervermittlung anruft? Und dein Nicki dir gleich selber mitteilt, ob er noch auf der Höhe Zeit ist? – Gekanntsein ist dann das höchste Ideal. Im Jahr 2034 – wenn alle ruhig wissen können, was unsereins fühlt und denkt.