Hochintelligente Kinder sind eine sensible Spezies; allein im eigenen Biotop vermögen sie ihr Talent zu entfalten, weshalb sie sich spätestens im Schulalter über die Niederungen der Normalbegabung erheben und nur mehr unter ihresgleichen lernen sollten.

Felix Loeper, andererseits, lacht und scherzt, foppt seine Mitschüler und wird zurückgefoppt, spielt Basketball und chillt mit Freunden auf dem Schulhof. Felix, 14 Jahre alt, rotblonder Scheitel, hat einen Intelligenzquotienten von 146, das sind 16 Punkte über der Schwelle zur Hochbegabung. Und er ist einer der Schüler, mit denen die Oberschule Koblenzer Straße (OSK) in Bremen-Tenever beweisen will, dass Klischees über den richtigen Umgang mit Hochbegabung Unfug sind.

Tenever ist eine jener fehlkonstruierten Wohnmaschinen der 1970er Jahre, deren Plattenbauten für Perspektivlosigkeit stehen. Die OSK besuchen Schüler aus 40 Ländern, in deren Familien oft kein Deutsch gesprochen wird. Sie ist zudem eine inklusive Schule, das heißt: Besonders leistungsschwache Schüler, die andernorts eine Sonderschule besuchen würden, nehmen am regulären Unterricht teil. Seit 2010 integriert und fördert die Schule nun auch noch gezielt Hochbegabte wie Felix. Und das soll gut gehen?

"Natürlich geht das", sagt Michaela Rastede, Leiterin des Zentrums für unterstützende Pädagogik an der OSK und Felix’ Deutschlehrerin. "Man muss bloß wegkommen von dem Gedanken: Note ist gleich IQ ist gleich Talent." An der OSK beurteilen die Lehrer die Fähigkeiten ihrer Schüler mit einheitlichen Steckbriefen, die neben Sprache oder Logik auch Fähigkeiten umfassen, die an anderen Schulen keine Rolle spielen. Wie zum Beispiel die etwas irreführend benannte "natürliche Intelligenz", die sich etwa in einer Neigung zum Zoobesuch oder im Einsatz für Tierrechte äußern kann. Anhand dieses Profils wird jeder Schüler möglichst nach seinen Talenten gefördert.

"Hochbegabung inklusiv", so der Name des Bremer Experiments, ist an einer weiterführenden Schule bundesweit einmalig. Die OSK lässt sich dabei von einer Professorin für inklusive Didaktik und der Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung beraten, die ähnliche Modelle bereits an verschiedenen Grundschulen getestet hat.

Zu Beginn eines Halbjahrs verteilen die Lehrer sogenannte Lernlandkarten, auf denen die wichtigsten Lernziele der kommenden Monate dargestellt sind. Das soll den Schülern helfen, einen Überblick über die anstehenden Themen zu bekommen und sich realistische Ziele zu setzen. In bunten Fenstern sind verschiedene Leistungsniveaus zusammengefasst, die Schüler im Lauf eines Halbjahrs erreichen können. Für Schüler, die früher eine Sonderschule besucht hätten, gelten andere Unterrichtsziele als für durchschnittliche Schüler, während die Hochbegabten bei Bedarf neue Aufgaben erhalten.

Eine schulinterne Statistik über die Zahl der Hochbegabten, sagt Rastede, führe sie nicht. Das sei der Sinn echter Inklusion: dass ein über- oder unterdurchschnittlicher IQ keine Rolle spiele. In Felix’ Klasse erzielten zwei weitere Schüler bei einem externen Intelligenztest mehr als 130 Punkte. Durchschnittlich sind drei Prozent aller Kinder hochbegabt, aber an der OSK, so Rastede, wäre der Test bei vielen sinnlos. Er setze Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur voraus, die in Migrantenfamilien oft nicht vermittelt werden könnten. Ihr Ziel, talentierte Schüler besonders zu fördern, bedeutet für sie auch, diese überhaupt erst aufzuspüren. "Wir sind Perlentaucher", sagt Rastede, und Felix ist einer ihrer Funde.

10 Uhr, Mathematik, in Vierergruppen sitzen die Schüler der 8c an Tischinseln und werfen Münzen, Würfel, Wäscheklammern. Sie sollen selbst herausfinden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Gegenstand auf eine bestimmte Seite fällt. Jeder schreibt seine Erkenntnisse auf einen großen Bogen, schließlich müssen sich die Schüler in jeder Gruppe einigen, welche Version sie vortragen wollen. Soll man nun Nikitas Lösungsvorschlag nehmen oder den von Felix? Stille. "Okay, wir nehmen einfach meinen", sagt Felix.

Bevor er 2010 auf die OSK kam, lebte er mit seiner Familie, die Mutter Krankenschwester, der Vater Fliesenleger, in Delmenhorst. Dort besuchte er eine normale Schule. Den Stoff der ersten Klasse beherrschte er schon vor der Einschulung, litt aber an einer Rechtschreibschwäche; Texte, die er leserlich angefangen hatte, beendete er in Hieroglyphen. Unter- und zugleich überfordert, zunehmend frustriert, schrieb Felix schlechte Noten, schlug sogar andere Mitschüler.

Die Lehrer, sagt Felix’ Mutter Bianca Loeper, hätten ihm Faulheit vorgeworfen. Als er den IQ-Test machte, habe man ihr versprochen, man kümmere sich um ihn. "Passiert ist nix", sagt Loeper. Dann zog die Familie nach Bremen, und Felix, inzwischen in der fünften Klasse, wurde der OSK zugeteilt. Felix machte eine Rechtschreibtherapie, die Lehrer gaben ihm Aufgaben mit nach Hause, die ihm halfen, die Schreibschwäche zu überwinden. Inzwischen hat Felix kaum noch Probleme mit dem Schreiben. Stattdessen widmet er sich, wenn er die Schulaufgaben erledigt hat, eigenen Forschungsprojekten. Er hat die Bedeutung des Karfreitags recherchiert und die Kultur Portugals, gerade hat er eine Präsentation über die Geschichte des Internets vorbereitet.

Bisher bedeutete Inklusion vor allem: Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen Regelschulen und sitzen in denselben Klassenzimmern wie normal Begabte. So sieht es die von Deutschland ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention vor. Um diese umzusetzen, braucht es zweierlei: Geld und politischen Willen. Die OSK etwa beschäftigt fünf Sonderpädagogen, damit die Integration besonders schwacher Schüler gelingt. Ihre Gehälter bezahlt das Land Bremen. Einen Teil der Kosten, die die inklusive Beschulung Hochbegabter verursacht, trägt die Karg-Stiftung. Für Schulen, die über weniger Mittel verfügen, ist inklusiver Unterricht, der allen Schülern gerecht wird, kaum umsetzbar.

Dass die OSK sich auch der Förderung Hochbegabter verschrieben hat, ist einem Zufall geschuldet. 2010 besuchte ein Schüler mit einem IQ von über 130 und dem Asperger-Syndrom probeweise eine inklusive Klasse der OSK. Als das gut lief, weitete die Schulleitung das Experiment auf Felix’ Klasse aus. Im folgenden Schuljahr öffnete sie sämtliche Klassen eines Jahrgangs für Schüler aller Leistungsniveaus.

In der Oberstufe allerdings kann die Idee der vollständigen Inklusion schon deshalb nicht funktionieren, weil kaum ein Schüler mit einer Lernschwäche die landesweiten Prüfungen nach der 10. Klasse besteht. Auch als Vorbild für andere Schulen empfiehlt Rastede ihr Modell nicht: "Wir haben es gezielt für unsere Schule mit ihren speziellen Bedingungen entwickelt. An einem anderen Standort würde es nicht funktionieren."

Um der weiten Spanne an schulischen Leistungen gerecht zu werden, müssen die Lehrer der OSK eng zusammenarbeiten. Im Zweiwochenrhythmus treffen sie sich zu Konferenzen und beraten, welcher Fachlehrer zu welchem Thema Unterrichtsmaterial erstellt. So entsteht allmählich ein Vorrat an Musteraufgaben, der den unterschiedlichen Leistungsniveaus entspricht. In jedem Klassenzimmer steht ein Rollwagen mit einem Dutzend Schubladen. Hat ein Schüler seine Aufgaben gelöst, sucht er sich aus der nächsten Schublade neue aus.

12 Uhr, Deutschstunde bei Michaela Rastede, verbrauchte Luft im Klassenzimmer, die Lehrerin tritt mit der Bühnenpräsenz eines Zirkusdirektors auf, einen Schüler mit Konzentrationsschwäche beordert sie zum Lesen vor die Tür, er muss hinterher eine Zusammenfassung abliefern. Einen anderen macht sie zum Hilfssheriff, er soll notieren, wenn einer stört. Währenddessen hält Felix sein Referat über die Geschichte des Internets. Weil er das falsche Dateiformat dabei hat, kann er die Präsentation nicht abspielen. Das sei kein Problem, sagt Felix, er habe sowieso das meiste im Kopf. Dann spricht er ohne Vorlage.