Kinder auf einer Müllkippe vor Tegucigalpa in Honduras, 2012 © REUTERS/Jorge Cabrera

Manchmal ist ein Sarg ein gutes Wahlgeschenk. Zusammengenagelt aus billigem Holz, beige oder grau gestrichen, dazu Kerzen, ein paar Blumen, Kaffee und Gebäck für die Trauergäste. In Honduras kann man sich damit beliebt machen. Hier gleiten die Toten meist in löchrigen Plastikplanen ins Grab, weil ihre Angehörigen sich nichts anderes leisten können.

Am 24. November sind Parlamentswahlen in Honduras. Gut für alle, die einen geliebten Menschen beerdigen müssen. Im Wahlkampf verschenken manche Politiker neuerdings Bestattungen. Es gibt viele Tote in Honduras.

Alle 74 Minuten stirbt hier ein Mensch einen gewaltsamen Tod. Nirgendwo auf der Welt ist die Mordrate höher.

95 Prozent des Kokains, das die USA erreicht, wurde zuvor durch Honduras geschmuggelt.

Fast jeder zweite der acht Millionen Honduraner lebt von weniger als 1,25 Dollar am Tag.

Nur 250.000 Honduraner zahlen Steuern.

Tegucigalpa, die Hauptstadt, ist ein urban gewordener Albtraum. Am Rand wuchern Wellblechsiedlungen die Hügel hinauf, dort bekriegen sich die Drogenbanden. Im Stadtzentrum wachen private Sicherheitsleute vor Hotels und Restaurants. Wer es sich leisten kann, umstellt sein Haus mit einer Mauer, darauf doppelt gerollter Stacheldraht.

Octavio Sánchez glaubt zu wissen, wie sich der Albtraum beenden lässt. Er hat eine Idee, die den Durchbruch bringen soll im Kampf gegen Armut und Kriminalität. Nicht nur in Honduras, sondern auf der ganzen Welt.

Sánchez sitzt auf einem kleinen gelben Sofa in Tegucigalpa, im ersten Stock des von Palmen umgebenen Präsidentenpalastes. Hinter ihm wummert die Klimaanlage. Sánchez ist 37 Jahre alt, ein pausbäckiger Mann mit scharfem Seitenscheitel. Sein Vater war Psychiater, seine Mutter Sekretärin. Wäre Sánchez nach der Schule im Land geblieben, wäre er wahrscheinlich Anwalt geworden. Obere Mittelschicht in Honduras.

Sánchez aber ging in die USA, schaffte es an die Harvard-Universität, studierte Jura, dann kam er zurück in die Heimat. Heute ist er Stabschef des honduranischen Präsidenten, er ist Politiker.

Sánchez war 15 Jahre alt, als er sich mit Stift und Papier hinsetzte und eine Geschichte schrieb: das Gedankengebäude eines pubertären Idealisten, der erschüttert ist von der Armut, die er auf den Straßen sieht. Sánchez nannte seine Geschichte Estirpe Maya, Stamm der Maya, weil die Maya in Honduras einst ein blühendes Reich errichtet hatten. Doch Sánchez’ Roman spielt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, im Jahr 2050. Es geht darum, wie Honduras zu einem der reichsten Länder der Welt aufsteigt. Der junge Sánchez beschreibt Bildungsreformen, die Befreiung der Frau, eine florierende Wirtschaft. Im letzten Kapitel ist Honduras Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.

Als seine Mutter das Buch las, sagte sie: "Octavio, später kannst du in die Politik gehen und das Land verändern." Das war 1991.

Seit elf Jahren arbeitet Octavio Sánchez für die Regierung. An seinem ersten Arbeitstag, damals als Referent für Landreformen, trug er einen Zettel in der Tasche. Darauf hatte er zwanzig Vorschläge geschrieben, wie sich das Land reformieren ließe. Ein neues Gesetz für den Arbeitsmarkt, ein anderes Gesundheitssystem, Experimente in der Bildungspolitik.

Er trug seine Gedanken vor, versuchte, Staatssekretäre zu überzeugen, Minister, manchmal hatte er Erfolg, sie stimmten ihm zu, ein paar Gesetze wurden geändert, trotzdem blieb Honduras so arm, wie es war.

Heute, als wichtigster Berater des Präsidenten, sagt Octavio Sánchez: "Wir haben die Kontrolle über unser Land verloren. Wir haben versucht, es zu reformieren, und sind gescheitert."

Seine Erklärung dafür lautet zusammengefasst so: Wir wollen den Drogenhandel bekämpfen. Dafür brauchen wir die Polizei. Aber viele Polizisten bessern ihren Sold auf, indem sie selbst Drogen schmuggeln. Das könnten wir verhindern, indem wir die Beamten besser bezahlen. Aber dafür haben wir kein Geld. Um mehr Geld in die Staatskassen zu bringen, müssen wir die Wirtschaft ankurbeln. Aber niemand investiert in einem Land, das vom Drogenhandel durchsetzt ist.

Wäre Honduras kein Staat, sondern ein Mensch, würde man sagen: Du musst noch mal neu anfangen, sonst wird das nichts. Bei einem Land geht das nicht.

Oder vielleicht doch?

Das ist die Idee, die Sánchez mit sich herumträgt. Eine Idee, wie sie nur ein Land umsetzen kann, das am Abgrund steht. Er sagt: Wir drehen alles zurück auf null, schaffen ab, was uns Probleme bereitet, Gesetze, Institutionen, die Polizei, die Regierung, die Gerichte, einfach alles. Und dann fangen wir noch mal ganz von vorn an, machen aber diesmal alles richtig. Ein nationaler Neustart. Könnte das gelingen?