Dass so ein Satz ausgerechnet von Kazumi Matsui kommt, ist erst einmal irritierend: "Das Atom versorgt Menschen mit Energie, und wir sollten es mit viel Vorsicht dafür nutzen." Matsui ist Bürgermeister von Hiroshima, jener Stadt, die Ende des Zweiten Weltkriegs von einer Atombombe ausgelöscht wurde. Rund 200.000 Menschen starben. Die unzähligen verstrahlten Überlebenden, darunter auch Matsuis Vater, setzten sich fortan gegen Atomwaffen ein. Doch weder das Schicksal seines Vaters noch das Nukleardesaster von Fukushima vor zweieinhalb Jahren konnte Kazumi Matsui von seiner Überzeugung abbringen. "Japan braucht die Atomkraft", sagt er.

Matsui steht unter Japans Politikern nicht allein. Erst Ende Juli errangen die regierenden Liberaldemokraten (LDP) als einzige Partei, die offen für die Atomkraft plädiert, einen überwältigenden Sieg bei der Oberhauswahl. Und so startet das Land allmählich den Wiedereinstieg, nachdem es im Zuge der Fukushima-Katastrophe alle 54 Reaktoren vom Netz genommen hatte. Zwei Reaktoren laufen bereits wieder. Dabei würde die Mehrheit der Japaner die Atomenergie lieber abschaffen.

Eine Erklärung für diesen Widerspruch findet sich in Kaminoseki, eineinhalb Autostunden südwestlich von Hiroshima. Die 3.500-Einwohner-Stadt leidet seit Jahrzehnten unter der Abwanderung von Industrie und Nachwuchs, rund die Hälfte der Menschen ist älter als 65 Jahre. Aussichten auf neue Arbeitgeber gab es lange Zeit keine. Bis Kaminoseki 1982 zu einem wichtigen Energiestandort erklärt wurde. Seitdem plant der Energiekonzern Chugoku Electric Power dort den Bau eines Atomkraftwerks.

Bis heute hat die Stadt 4,5 Milliarden Yen (rund 34 Millionen Euro) an Subventionen und 2,4 Milliarden Yen Spenden von Chugoku erhalten. Die Menschen von Kaminoseki überzeugt das offenbar. In sämtlichen Bürgermeisterwahlen der vergangenen 30 Jahre, auch nach dem Unglück von Fukushima, haben sie einen Atombefürworter gewählt. Das Geld der Atomindustrie haben sie in den Erhalt des Gemeindezentrums, eine Zahnarztklinik, die Verbesserung des Busverkehrs und in ein neues Thermalbad gesteckt, um Touristen anzulocken.

"Man könnte diese Zahlungen als Bestechung auslegen", sagt die Soziologin Masae Yuasa, die an der City University Hiroshima über Japans Atomindustrie forscht. "Die Gemeinde brauchte das Geld dringend. Und die Menschen hofften auf Arbeitsplätze."

Kaminoseki ist ein typischer Fall. Reaktoren werden in der Regel in Gemeinden gebaut, denen es an Geld und Arbeitsplätzen fehlt. Nach Zahlen des Innenministeriums speisen sich bis zu 73 Prozent aller Einnahmen in Ortschaften mit Kraftwerken aus Subventionen, Steuerzahlungen oder Spenden der Betreiber. Im Durchschnitt ist in solchen Gemeinden knapp die Hälfte aller Einnahmen Atomgeld. Dass der geplante Reaktor in Kaminoseki bis heute nicht gebaut ist, liegt am Widerstand der umliegenden Orte, die zwar kein Geld bekommen, aber unter den Folgen eines Unfalls und der Verschmutzung der Gewässer leiden würden. "Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Bau beginnt", sagt Masae Yuasa.

Das pragmatisch erscheinende Verhältnis der Japaner zur Atomtechnik gründet paradoxerweise zum Teil auch in den Atombomben-Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki 1945. In der Folge verkündete Kaiser Hirohito, Japan sei nicht einfach durch die Amerikaner besiegt worden, sondern durch die Wissenschaft. Bald verlagerte der Staat denn auch Ausgaben vom Militär in die Forschung. Und als US-Präsident Dwight Eisenhower in den 1950er Jahren die industrielle Umsetzung der Atomforschung fördern wollte, spielte ausgerechnet Japan eine zentrale Rolle. Gezielt warben die Amerikaner um das Vertrauen verstrahlter Bombenüberlebender. "Glaubwürdigere Befürworter als sie gab es nicht", sagt Robert Jacobs vom Friedensinstitut Hiroshima. "Ihnen wurde unter anderem versprochen, dass die Nuklearforschung bald ihre Strahlungsschäden heilen könnte. Anfängliches Misstrauen schwand, und das Atom wurde zu einer Art Symbol technologischen Fortschritts."

Heute gehören Unternehmen wie Hitachi, Toshiba, Mitsubishi oder Japan Steel Works zu den weltweit größten Unternehmen der Branche. Wichtige Bestandteile von Nuklearkraftwerken auf der ganzen Welt kommen aus Japan. Als die Regierung im Sommer 2011 Japans Atomausstieg verkündete, war der Druck seitens der heimischen Industrie so groß, dass sie schnell wieder alles zurücknahm.

"Das war der richtige Schritt", sagt Nobuo Tanaka, der von 2007 bis 2011 Chef der Internationalen Energieagentur war. Seinen Glauben an die Atomkraft hat der Japaner auch nach Fukushima nicht verloren. "Wir haben kaum natürliche Ressourcen und gehören zu den weltweit größten Importeuren von Öl und Gas. Wir brauchen unsere eigene Energiequelle." Nicht jeden überzeugt dieses Argument. "Japan ist von Wasser umzingelt und verfügt über reichlich Wind, Sonne und Erdwärme", sagt Alex Rosen, der als deutscher Vorsitzender der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges für den Einsatz erneuerbarer Energien plädiert.

Die Japaner selbst schien das Thema bei der jüngsten Wahl weniger bewegt zu haben als andere. "Viele Atomgegner haben die LDP gewählt, weil sie nur ihr zutrauen, Japan aus der Stagnation zu führen. Dafür nehmen sie die Atomenergie in Kauf", sagt Ex-Energieagentur-Chef Nobuo Tanaka. Und so kann auch Bürgermeister Matsui selbst in Hiroshima über die Segnungen der Atomenergie sprechen.