DIE ZEIT: Ihr jüngstes Buch heißt Gaga Feminism: Sex, Gender, and the End of Normal. Was ist Gaga-Feminismus?

Judith Halberstam: Gaga-Feminismus steht für eine spielerische Art im Umgang mit Geschlechterpolitik. In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich unsere Vorstellungen von Körperlichkeit, Familie, Heirat, Intimität und Reproduktion radikal verändert. Wenn Männer schwanger werden können und Transgender-Leute das traditionelle, zweigeschlechtliche Verständnis von sexueller Identität infrage stellen, stehen wir tatsächlich am "Ende der Normalität". Gaga-Feminismus eröffnet neue Sichtweisen auf Männlichkeit, Weiblichkeit – und alles dazwischen.

ZEIT: Wie passt Lady Gaga dazu?

Halberstam: Sie ist eine Art Maskottchen für all diese Entwicklungen. Auch bei Gaga ist ständig alles in Bewegung, ihr Verhältnis zum Ruhm, zur Sichtbarkeit, zu Fassaden, zu dargestellten Charakteren und Beziehungen verändert sich mit jedem Moment. Sie reitet auf den zeitgenössischen Wellen des Populären und stellt dabei in den Vordergrund, dass das Neue technologisch erzeugt ist. In ihren Songs finden Romanzen am Telefon statt, Stars werden von Paparazzi gemacht, und Kunst spielt auf den Kanälen der Popkultur. Lady Gaga ist der Andy Warhol unserer Tage – mehr Symptom als Architekt des Wandels.

ZEIT: Andere weibliche Jungstars wie Miley Cyrus oder Katy Perry inszenieren sich auch immer wieder neu. Was macht den Unterschied aus?

Halberstam: Miley und Katy sind die Spice Girls unserer Tage, sie bringen die Zwanzigjährigen zum Kreischen mit ihren Ermächtigungshymnen, aber dann unterlegen sie sie mit beschissenen Videos, in denen ihre Titten und Ärsche im Mittelpunkt stehen und nicht der Wunsch, aus eigener Kraft etwas zu bewegen. Diese Art Idol war Gaga nie, die Anspielungen auf mythologische und künstlerische Kontexte richten sich an ein älteres, kenntnisreicheres Publikum. Statt einfach Beziehungen zu Männern in Popsongs zu fassen, dramatisiert sie den schwer benennbaren Zusammenfluss von Kunst, Begierde und Celebrity-Kultur.

ZEIT: Gaga ist nicht einfach berühmt, sie kommentiert den Ruhm.

Halberstam: Ja, wie vor ihr Madonna verkörpert sie eine historisch spezifische Form von Glamour. Und wie David Bowie, Grace Jones oder Poly Styrene von der Band X-Ray Spex macht ihre sexuelle Ambiguität sie zu einer Projektionsfläche für Frauen und Männer, während sie den Blick der Fans auf sich zugleich thematisiert. Das Video zu ihrem jüngsten Hit Applause zum Beispiel: Wir sehen, wie sie die Kostüme wechselt, wie sie großzügig Make-up aufträgt und es sich sogleich wieder vom Gesicht wischt. Es wird also genau das in den Vordergrund gerückt, was in anderen Videos sorgfältig verborgen bleibt: die Herstellung eines Images.

ZEIT: Dann ist Lady Gaga ein Metapopstar?

Halberstam: Absolut. Sie ist ein Metaphänomen in dem Sinn, dass ihre besten Arbeiten als Meditation über den Starruhm in Zeiten von Twitter, Facebook und allgegenwärtigen Bildschirmen betrachtet werden können. Sie ist die zeitgemäße Wiedergeburt des "Gesichts" – des Gesichts der Garbo, des Gesichts, das das Neue und Glänzende in sich birgt. Sie repräsentiert das Hier und Heute und wird morgen garantiert wieder verschwunden sein, aber in ihrem Hiersein ist sie absolut gaga im französischen Sinn des Wortes: seltsam, exzentrisch, neben der Spur.

ZEIT: Die Herausstellung des Gemachten erinnert an Brechts "Verfremdungseffekt". Oder an Adornos Satz, Kunst sei "Mimesis ans Entfremdete". Sehen Sie Gaga in dieser Tradition?

Halberstam: Ich denke, wir befinden uns inzwischen jenseits von Brecht und Adorno. Verfremdung, Entfremdung: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sichtweisen in Gagas Welt gängig sind oder überhaupt nur vorkommen. Viel eher erinnert sie uns daran, dass alles um uns herum sich derart schnell verändert, dass uns keine Werkzeuge mehr zur Verfügung stehen, um Distanz, Nähe und Größenverhältnisse zuverlässig auszuloten. Mimesis und Entfremdung fallen so unmittelbar zusammen, dass wir uns immer weiter von jenem Moment des Unvertrautseins entfernen, der uns zur Einsicht darüber bringen könnte, wie tief wir in die Welt von Kommerz und Konsum, in das Charisma des Kapitals verstrickt sind.

Popkultur ist nicht von sich aus emanzipatorisch

ZEIT: Heißt das nicht im Umkehrschluss, dass Gagas Spiel mit Images und Kostümen längst selbst Teil einer total gewordenen Unterhaltungsindustrie ist: Noch das offensiv vertretene Making-of eines Stars wird zum Teil der Show?

Halberstam: Sicher. Aber wer glaubt noch an ein Dahinter? Die Vorstellung, es gebe eine Performance, die im Vordergrund steht, während hinter den Kulissen die Realität hervorlugt, hat einer Topografie des Ruhms Platz gemacht, in der wir immer schon Komplizen sind. Um es mit einem literarischen Bild zu sagen: Lady Gaga ist kein Spiegel und auch kein Zerrbild, wie man es vom Jahrmarkt kennt. Die Spiegel sind stumpf geworden: Statt uns darin zu erkennen, bewegen wir uns durch eine endlose Abfolge multimedialer Abbilder, in der Darstellung und Dargestelltes, Körper und Verkörperung nicht zu trennen sind.

ZEIT: Das klingt nun unerwartet pessimistisch. Wenn das der Zustand ist, wie kann Pop uns noch neue Sichtweisen eröffnen?

Halberstam: Ob wir es mögen oder nicht: Popkultur ist nicht von sich aus emanzipatorisch. Sie ist einfach nur ein Bereich kultureller Zirkulation und Erfindung, mit dem wir umgehen müssen, in dem wir uns engagieren und die Dinge zu unserem Vorteil zu wenden versuchen. Deshalb ist es auch nicht hilfreich, die totalitären Aspekte von Unterhaltung hervorzuheben. In meiner Perspektive geht es darum, Orte ausfindig zu machen, an denen der Kapitalismus so überdehnt und ausgeleiert ist, dass er Missvergnügen oder sogar Wut erzeugt. Am Ende meines Buchs findet sich ein Manifest, in dem ich die Idee, "Gaga zu werden", mit der Occupy-Bewegung und anderen Widerstandsbewegungen in Verbindung bringe.

ZEIT: Wie könnte die Zukunft im Zeichen von Gaga aussehen?

Halberstam: Es wäre eine Welt, in der ein neuer Glaube an Kollektive und Vielheiten entstünde, mit neuen Geschichten aus Hollywood, weniger Tom-Hanks-Filmen, weniger Mormonen, flacheren Absätzen, dafür mehr Beyoncé, Kanye West, Drag Kings auf offener Straße, mehr Pussy Riots und mehr schönen und sinnfreien Interventionen. Es wäre hoffentlich auch eine Welt, in der Žižek sich weniger oft zu Wort meldet, Nemo unauffindbar bleibt, der Ironman verloren geht, die Hühner ihre Stange verlassen – habe ich was vergessen?

ZEIT: Den Weltfrieden.

Halberstam: Genau, den Armen wird die Erde gehören, der Kunstmarkt wird zusammenbrechen, alle Arten von Intelligenz werden gleich sein, bloß Politiker und Businessmenschen verlieren ihren Job. In einer echten Gaga-Zukunft werden wir sehen, dass das möglich ist.