Ein Mann zapft einen Kautschuk-Baum an. ©Thierry Gouegnon/Reuters

Vor der Landung auf dem Aeroporto Eduardo Gomes von Manaus kurvt die Maschine noch einmal über dem Wasser. Der dunkle und der helle Fluss, Rio Negro und Rio Solimões – von hier an bilden sie gemeinsam den Amazonas, den mächtigsten Strom der Erde, mit einem Einzugsgebiet, zweimal so groß wie der indische Subkontinent. Jedes Flugzeug, das hier zur Landung ansetzt, hat Hunderte von Kilometern über undurchdringlichem tropischem Regenwald hinter sich.

Wenn die Flugzeugräder auf der Piste aufsetzen, qualmt es kurz, und auf dem Asphalt bleiben schwarze Abriebspuren zurück – wie bei jeder Landung auf jeder Rollbahn der Welt. In Manaus jedoch markieren die schwarzen Striemen nicht nur eine saubere Ingenieurleistung, sondern auch: eine Rückkehr an den Ursprungsort, nach 130 Jahren.

Die schwarzen Striemen sind aus Gummi, genauer: aus vulkanisiertem Naturkautschuk. Längst gibt es auch synthetischen Kautschuk, aber einen Jet kann man damit nicht landen. Die elastischen Eigenschaften von Naturkautschuk sind bis heute technisch unerreicht. Sein Anteil an der weltweiten Gummiproduktion liegt bei 43 Prozent, Tendenz steigend. Autoreifen, Klebstoffe und Dichtungsringe, OP-Handschuhe, Kondome und Schnuller – unser Alltag ist voll von Dingen, die ganz oder teilweise aus dem Saft des Kautschukbaums bestehen.

Historisch gesehen war Gummi – neben Stahl und Kohle – einer der wichtigsten Rohstoffe für die industrielle Revolution. Für unsere weltweite Mobilität ist Gummi bis heute unverzichtbar. Angebaut wird Kautschuk vor allem in Asien, aber sein Ursprung liegt in Brasilien. Manaus, die Millionenstadt im Dschungel, verdankt dem Kautschuk ihre Existenz.

Praktisch der gesamte Naturkautschuk der Welt wird aus einer einzigen Baumart gewonnen, Hevea brasiliensis. Der Kautschukbaum hat nichts zu tun mit dem "Gummibaum" aus dem Büro, die beiden Arten sind miteinander ungefähr so verwandt wie ein Igel und eine Gazelle. Hevea hat weder dicke, fleischige Blätter noch rankende Luftwurzeln, sondern steht im Wald wie ein normaler, recht stattlicher Laubbaum: 25 bis 30 Meter hoch, mit einer Krone aus glänzenden dreifingrigen Blättern, die er einmal im Jahr, zur Trockenzeit, komplett abwirft. Dazu dreikammerige feste Samenkapseln, die, wenn sie reif sind, "explosionsartig" aufspringen und drei bonbongroße, gescheckte Samen in den Regenwald schleudern.

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Kautschuk ist der geronnene Milchsaft des Baums, der Latex heißt, oder die "Tränen des Baumes", wenn man das indianische Wort caucho wörtlich übersetzt. Die Indios nutzten Kautschuk zum Herstellen von wasserfesten Gefäßen. Der brasilianische Name für den Baum, seringueira, ist abgeleitet von den schmalen Kautschukröhren, die die Indios bei verschiedenen Ritualen zum Inhalieren von Rauschmitteln benutzen.

Für die Europäer war das elastische Material aus dem Urwald lange eher eine Kuriosität, mit der sie nicht viel anzufangen wussten. Rohkautschuk ist von einem idealen Werkstoff weit entfernt. Im Warmen zerfließt er, bei Kälte wird er spröde und zerbröckelt. Und er stinkt. So sehr, dass frühe Käufer von Gummistiefeln, dem ersten Kautschukprodukt, das im 19. Jahrhundert in den USA in größeren Mengen auf den Markt kam, diese angewidert im Garten vergraben haben sollen. Das erste "Gummifieber" war schnell vorbei.

Aber es reichte aus, um im Jahr 1833 die Aufmerksamkeit von Charles Goodyear zu erregen, einem bis dahin (und auch im weiteren Leben) eher glücklosen Geschäftsmann, der ohne chemische Vorkenntnisse, aber mit Besessenheit jahrelang herumexperimentierte und fast versehentlich auf das Verfahren stieß, das bis heute verwendet wird, um Kautschuk haltbar zu machen: die Vulkanisation. Durch Feuer und Schwefel wird aus dem unsteten Naturprodukt ein verlässlicher, standardisierbarer, hoch belastbarer Werkstoff – aus den weißen "Tränen des Baumes" wird schwarzes Gummi.