Es kommt nicht zu oft vor, dass mich ein Vortrag von A bis Z fesselt. Genau dies schaffte Katja Gentinetta, Philosophin und Autorin, als sie kürzlich über das schweizerische Milizsystem referierte. Abgegriffenes Thema, könnte man sagen. Weit gefehlt! Als Gentinetta über die Geschichte und Bedeutung von Freiwilligenarbeit sprach, über engagierte Bürgerinnen und Bürger, die in Vereinen, Stiftungen oder in Beiräten helfen, ohne Entgelt und unmittelbaren Vorteil, ist mir erneut klar geworden, wie wichtig das Milizsystem für den Zusammenhalt der Schweiz ist.

Teilhaben ist aus meiner Sicht der einzige Weg, um sich nicht von den Entwicklungen in der Schweiz abzukoppeln. Das ist der unbezahlbare Wert des Milizsystems. Zudem ist das freiwillige, kollektive Engagement für das große Ganze, wie man im Markenjargon sagen würde, eine unique selling proposition. Auf Wikipedia erscheint beim Stichwort "Milizsystem" sofort der Zusatz "Schweiz" und der Hinweis, dass dieser Begriff "einen Teilaspekt des politischen Systems der Schweiz" bezeichne, "wonach öffentliche Aufgaben meist nebenberuflich ausgeübt werden". Das Prinzip der bürgerlichen Selbstverantwortlichkeit ist zudem ausdrücklich in der Bundesverfassung verankert, wo in Artikel 6 zu lesen ist: "Jede Person nimmt Verantwortung für sich selbst wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei."

Es muss uns deshalb beunruhigen, dass die Miliztätigkeit selbst im parlamentarischen System immer seltener wird. Eine Studie von zwei Politologen aus Zürich und Genf kam zum Schluss, dass 2010 nur noch gerade 14 Prozent der Nationalräte echte Milizler waren, sprich weniger als 30 Prozent ihres Arbeitspensums der parlamentarischen Arbeit widmeten. Dieser Trend setzt sich auch in der Gesellschaft fort. Beteiligten sich im Jahr 2000 noch 40 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung an der Freiwilligenarbeit, waren es zehn Jahre später nur noch 32 Prozent. Der Befund ist eindeutig: Das allgemeine Interesse einer auf Ausgleich und freiwilligem Einsatz fundierenden Gesellschaft wird verdrängt von Partikular-Interessen, die aggressiv die politische, wirtschaftliche und soziale Agenda bestimmen.

Ganz offensichtlich wird diese Entwicklung, wenn wir den dramatischen Vertrauensverlust sehen, den die Wirtschaftselite in den letzten Monaten erlitten hat. Als "Abzocker" werden sie tituliert, als egoistische Schmarotzer, die nur den eigenen Vorteil, aber nicht das Wohl des Ganzen im Sinn haben. Eine Abzockerinitiative, vor allem aber der Vorstoß, die tiefsten und höchsten Löhne in einem Verhältnis von 1 : 12 staatlich zu regulieren, wären vor Jahren mit Kopfschütteln kommentiert und haushoch bachab geschickt worden. Heute sind die Vorstöße der Jungsozialisten salonfähig bis in bürgerliche Kreise.

Was ist da geschehen? Die Spitzen der Wirtschaft stehen nicht mehr wie früher mitten in der Gesellschaft, sie sind isoliert und kaum mehr aktiv in der Politik, in Vereinen oder in wohltätigen Organisationen und Stiftungen.

Diese Entfremdung zwischen der Wirtschaft und der Gesellschaft können wir uns aber schlicht nicht leisten. Wie Klaus Schweinsberg vom Centrum für Strategie und Höhere Führung in einem brillanten Essay schreibt, müssen die Eliten der Gesellschaft dienen. Seine Devise lautet: "Wer im Unternehmen aufsteigen will, muss sich draußen in den Dienst der Gesellschaft stellen."

Hervorragenden Köpfen muss Zeit gegeben werden, ihr Wissen nicht nur im Dienste einer Firma, sondern für die Allgemeinheit einzusetzen. So kann die Kluft gekittet werden, die sich in der Schweiz immer weiter auftut und unser Erfolgsmodell gefährdet.

Das Milizsystem ist nicht eine Fehlallokation von Ressourcen, sondern ein wichtiger Teil der helvetischen DNA. Nur wenn sich die Kader wieder in der Mitte der Gesellschaft verorten und sich selbstverständlich für das große Ganze engagieren, werden sie glaubwürdig gegen absurde und wirtschaftsfeindliche Vorstöße ins Feld ziehen können. Als echte "Milizionäre" eben.