Der Arbeiter Paul Nedelec ruft: "Deutsche raus!" Nedelec, 56 Jahre, trägt Jeans, Lederjacke und einen bunten Schal. Er versperrt gemeinsam mit anderen Arbeitern das Tor zum Schlachthof von Lampaul im äußersten Westen der Bretagne. Seit zwei Wochen hat der Schweine-Schlachthof geschlossen, sein Betreiber hat die Produktion in eine andere Fabrik verlagert und in dem Dorf Lampaul 889 Beschäftigte entlassen. Alle vor dem Tor hat es getroffen. Auch Paul Nedelec. Er zerlegte den Schinken.

Jetzt wollen die Arbeiter wenigstens die Auslieferung des noch im Schlachthof befindlichen Fleisches verhindern. So wollen sie sich eine höhere Abfindung erkämpfen. Bisher hat man ihnen gerade mal 200 Euro pro Jahr im Betrieb versprochen – bis zum 25. Jahr der Zugehörigkeit. Macht für Paul Nedelec ganze 5.000 Euro Abfindung nach 37 Jahren. Er hat also allen Grund, wütend zu sein. Aber warum rebelliert er nicht gegen die Manager, sondern schreit "Deutsche raus"?

Nedelec erklärt seinen Kollegen: "Ich habe bei mir zu Hause einen Stein der Berliner Mauer. Der Fall der Mauer war ein historisches Ereignis. Ich habe mich damals mit den Deutschen gefreut. Aber heute würde ich mit dem Stein eine neue Mauer zwischen Deutschland und Frankreich bauen. Oder der Dritte Weltkrieg findet bald zwischen Deutschen und Franzosen statt!" Die umstehenden Arbeiter schweigen. Keiner widerspricht. Offenbar denken sie wie Nedelec.

So schlecht haben französische Arbeiter lange nicht über Deutschland geredet, schon gar nicht in der Deutschland-freundlichen Bretagne. Sie sahen den Nachbarn vom Rhein als Konkurrenten, aber nicht als Gegner. Sie zollten den Deutschen Respekt für ihre Tüchtigkeit. Wenn es zum Beispiel Renault in den vergangenen Jahren schlechter erging als Volkswagen, dann war das für die arbeitende Bevölkerung in Frankreich ein französisches Problem, aber kein deutsches. Kein Grund, den Nachbarn schlechtzumachen.

Vor allem französische Gewerkschafter schauten neidvoll auf Deutschland. "Wir haben das Modell Deutschland mit 30 Jahren Verspätung entdeckt", sagt etwa Mohammed Oussedik, nationaler Industrie-Beauftragter der führenden französischen Gewerkschaft CGT in Paris. Was er meint, ist die Sozialpartnerschaft. In Lampaul in der Bretagne aber reden sie von etwas ganz anderem: von der "deutschen Sklaverei", wie sie es nennen. Sie meinen damit die deutsche Niedriglohn-Konkurrenz.

Auch Patricia Diverres ist richtig sauer auf Deutschland. "Angela soll gefälligst mit dem Mindestlohn rausrücken, aber nicht mit sieben Euro pro Stunde. Sie muss sich dem französischen Mindestlohn anpassen", sagt Diverres – als demonstriere sie gerade nicht in der Bretagne, sondern vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Der französische Mindestlohn beträgt 9,40 Euro pro Stunde.

In grauem Wollmantel und Schnallenstiefeln, die langen blonden Haare hochgebunden, steht die 46-jährige entlassene Vertriebsleiterin aus Lampaul vor einem anderen Schlachthof. Der ist noch offen, gehört zur gleichen Firma wie der in Lampaul und hat nun etwas mehr Arbeit. Denn dorthin, ins bretonische Städtchen Josselin, hat der Betreiber Cecab einen Teil der Produktion aus Lampaul verlagert, ein anderer Teil fällt weg. Das mittelständische Unternehmen hat derzeit noch 6.000 Beschäftigte und meldet zwei Milliarden Euro Umsatz.

"Rettet Lampaul!", fordert Diverres nun mit einer Banderole, die sie mit drei Dutzend Kollegen vor dem Fabriktor in Josselin ausgerollt hat. Die Arbeiter blockieren den laufenden Betrieb. Große Lastwagen mit lebendem Vieh müssen warten. Es riecht stark nach den Ausscheidungen der Tiere. Manchmal pinkelt ein Schwein von der Ladefläche den Arbeitern auf den Kopf. Vor dem Tor wacht eine Reihe schwer ausgerüsteter Männer der französischen Bereitschaftspolizei CRS. Die CRS-Beamten gingen dazwischen, als Cecab einen Trupp Streikbrecher vors Fabriktor schickte, um die Blockade aufzulösen, und es zu einem Tumult zu kommen drohte. Doch dann entschied man sich für Verhandlungen.

Diverres, die in ihrem ganzen Leben bislang weder gestreikt noch demonstriert hat, harrte in der vergangenen Woche zwei ganze Nächte vor dem Fabriktor in Josselin aus, und ganz Frankreich schaute ihr dabei zu. Die 20-Uhr-Nachrichten im Fernsehen berichten derzeit zuerst aus Josselin, Le Monde aus Paris widmete den Schlachthofarbeitern einen langen Wochenendkommentar und sprach von einem "schrecklichen Krieg der Armen", die sich um "Niedriglöhne unter harten Arbeitsbedingungen" prügeln müssten.

Das sieht Diverres jedoch anders. Sie war zufrieden mit ihrem Bruttolohn von elf Euro pro Stunde und schätzte ihre Arbeit. Sie war auch mit der Qualität der Wurst- und Fleischprodukte aus ihrer Fabrik einverstanden, obwohl diese als Massenware in die Supermärkte gingen. Ebenso glaubte Diverres an den Standort ihrer Fabrik: "Im Umkreis von dreißig Kilometern von Lampaul leben sechs Millionen Schweine – mehr gibt es nirgendwo sonst in Frankreich." Woran lag es dann, dass der Betrieb nach eigenen Angaben Verluste machte und schließen musste? Für Diverres gibt es bei allem Ärger auf die eigene Betriebsführung nur einen klaren Verantwortlichen: Deutschland. "Eure Billiglöhne machen uns kaputt. Das ist Sozialdumping. Dagegen kommen wir nicht an."